Die seltsamen Buchtitel, die verstaubten

Der Fakir

„Doch da Wörter uns von der Gegenwart distanzieren, weshalb wir niemals ganz der Realität der Dinge habhaft werden, machen sie die Vergangenheit zur absoluten Fiktion.“  Aus „Haus der Stummen“ von John Burnside 

Ich bin eine Leseratte. Ich rieche an Buchpapier, knabbere an Seiten und leg mich mit Romanen schlafen.
Ich lese auf dem Klo, in der U-Bahn und im Büro. Ich lese, wenn ich Liebe mache, fernsehe oder meiner Tochter die Windel wechsle. Einmal habe ich sie mit den Seiten einer Erzählung gewickelt, weil ich wollte, dass ihr Po mit guter Prosa in Berührung kommt.

Doch in letzter Zeit fällt es mir schwer, anständige Lektüre zu finden. Schon allein die Buchtitel vergraulen mich. Die neuen Werke von Wolf Haas und Stephen King heißen Brennerova und Mr. Mercedes. Warum? Für mich klingen die Titel wie männliche Nicknamen auf einer Singlebörse. Der eine fährt gern Mercedes, der andere über den Brenner – ganz toll. Während mein Prosaherz weint, erinnere ich mich sehnsüchtig an ihre Klassiker wie Komm, süßer Tod, Der Knochenmann, The Shining oder ES. Da lief einem noch vor dem ersten Satz der Schauer über die Pupille.

Doch es geht noch schrecklicher. Was sollen Titel wie Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry, Das geraubte Leben des Waisen Jun Do, Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra oder Das unerhörte Leben des Alex Woods auslösen? Etwa, „Oh, was für ein spannender Titel einer vermutlich mittelmäßigen Geschichte. Da muss ich unbedingt zugreifen, mein Klopapier ist alle.“

Keine Ahnung, vielleicht verurteile ich die Bücher zu unrecht und sie sind klasse. In Fahrenheit 451 heißt es, man solle ein Buch nicht nach seinem Umschlag beurteilen. Allein, ich traue mich nicht, mit solch beknackten Titeln in der Öffentlichkeit gesehen zu werden. Ich habe einen Ruf zu verlieren. Und vielleicht schon bald einen neuen Job zu gewinnen.

Liebe Verleger, habt ihr noch freie Stellen im Marketing? Ich hätte viel versprechende Bestseller im Billy-Regal. Echte Hochkaräter wie Die fruchtbare Besenkammer des Boris Becker, Das braungebrannte Solarium des Dieter Bohlen, Das unglaubliche Mautvorhaben des Alexander Dobrindt oder, ein echter Gruselschocker, Die farblosen Anzüge der merkwürdigen Frau Merkel.

So ein Unsinn, denkst du, aber sind folgende reale Titel wirklich besser? Titel wie Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand, Die Analphabetin, die rechnen konnte, Der 50jährige, der nach Indien fuhr und über den Sinn des Lebens nachdachte. Mann, hätte er das nicht auch daheim machen können?

Das absolute Highlight für mich ist zweifellos Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem Ikea-Schrank feststeckte. Kein Scheiß, das Buch gibt es wirklich. Und das einzige was sein Name mir flüstert, ist: „lass mich hier liegen, ohne mich bist du besser dran.“

Aber versteckte Werbung im Buchtitel, das ist eine echte Marktlücke. Ich sehe schon bald unvergessene Klassiker auf den Verkaufstischen der Buchhandlungen dieser Welt. Titel wie Die einjährige, die in die Pampers-Windel kackte, Der 14jährige, der am Bahnhof Lucky Strike rauchte, Der 30jährige, der seinen Geburtstag im Hotel Vier Jahreszeiten feierte, Der 66jährige, der sich im Karstadt neue Strümpfe kaufte, Die unerhörte Reise der Frau im VW Polo, die keinen Parkplatz fand, Das unglaubliche Schicksal des Metzgers, der in einer Wursthaut von Hugo Boss feststeckte und mehr.

Ich könnte ewig weiter machen, wenn nicht kostbare Lesezeit dabei drauf gehen würde. So denke ich an die Ewigkeit und frage mich, ob echte Weltliteratur wie Faust, Verbrechen und Strafe oder Von Menschen und Mäusen es in den Bücher-Olymp geschafft hätten, wenn ihre Titel Der verkopfte Studienrat, der des Pudels Kern suchte, Der mittelose Student, der seine Vermieterin erschlug, oder Der zurückgebliebene Farmer, der lieb gewonnene Dinge zu fest drückte gelautet hätten.

Am Ende betrachtet sind dann Brennerova und Mr. Mercedes als Titel gar nicht so stumpfsinnig wie der aktuelle Rest. Ich entscheide mich dennoch dagegen, nehme Das Haus der Stummen von John Burnside in die Hand und beginne sogleich, an der ersten Seite zu knabbern.

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