Don´t play Golf, fuck!

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Ich glaube, die Leute in unserer Nachbarschaft sind ganz schön am Rumvögeln. Auf der Warteliste der Kinderkrippe um die Ecke stehen nämlich bereits hundert Namen. Für zwölf Plätze.

Wir stehen auch drauf. Aber nicht jetzt wegen dem Rumvögeln oder so.

Jedenfalls hat es keiner mehr verdient als wir, in der Krippe gegenüber, der Krippe „Multikulti“ einen Platz für unsere Tochter zu bekommen. Killerargument: Wir wohnen quasi einen Katzensprung davon entfernt.

Ernsthaft, wir könnten die Kleine am Fenstersims des Schlafzimmers an den Rücken der Katze schnallen, am Schwanz der Katze ziehen und hopp, einen Sprung später essen die beiden Haferbrei im Zimmer der Pumuckl-Gruppe.

Letzte Woche waren wir zu einem Gespräch bei der Leiterin der Krippe, Frau Kaiser-Königer, und haben uns ein wenig bei ihr eingeschleimt.

Meine Freundin und ich trugen T-Shirts mit selbst erdachten Sprüchen drauf. „Miss Kaiser-Königer for Bundeskanzlerin“ und „Krippe Multikulti – die wahrscheinlich beste Krippe der Welt.“ Unsere Tochter trug auch ein Shirt. Ihr Spruch: „Heimscheißerin aus Leidenschaft“

Frau Kaiser-Königer fühlte sich geschmeichelt von unseren Liebesbekundungen, doch es half nichts.
„Sie wohnen leider im falschen Viertel“, sagte sie.
„Und, warum?“, fragte ich.
„Na ja, die Leute in ihrer Nachbarschaft vögeln einfach zu viel rum.“

Niedergeschlagen sprangen wir durchs offene Fenster heim, legten die Kleine schlafen und vögelten erstmal eine Runde auf den Schock.

Am nächsten Tag rief uns Frau Schmidt, die Leiterin der Krippe „BlingBling“ in Bogenhausen an. Sie meinte, sie hätte noch einige Plätze frei und ich wurde stutzig.

„Sagen sie mal, Frau Schmidt, warum haben sie noch so viele Plätze frei? Vögeln die Leute in ihrer Nachbarschaft etwa nicht auch so wild herum wie die hier in Milbertshofen?“
„Ach, wo denken Sie hin, Herr Tabula. Die haben hier alle teure Hobbys, um die sie sich kümmern müssen.“

Da fiel es mir wie ein Ziegel vom Dach. Wir hatten auch ein paar Bekannte in der Gegend. Wenn man sie fragte, wie ihr Wochenende war, sagten sie immer, dass sie golfen waren, Ski fahren oder im Wellness-Kurzurlaub.

Wenn sie uns fragten, wie unser Wochenende war, schwiegen wir. Wir schämten uns, ihnen sagen zu müssen, dass im Fernsehen nichts Gescheites lief, das Wetter schlecht war und wir die ganze Zeit nur wild rumvögelten.

Was sollten wir auch anderes machen? Das Geld ging drauf für Miete, Essen und Windeln, da konnten wir uns keine luxuriösen Freizeitaktivitäten leisten. Verdammt, nicht mal Pay-TV war drin.

„Scheiße“, sagte ich zu meiner Liebsten.
„Ich möchte auch endlich ein teures Hobby und nicht immer nur vögeln.“
„Na gut, Liebster. Aber wie stellst du dir das vor? Vom faul auf der Couch liegen wirst du die Golfclub-Mitgliedschaft nicht bezahlen können.“

„Stimmt“, gab ich ihr recht, „aber wie wäre es, wenn die reichen Bekannten uns etwas von ihrem Reichtum abgeben und wir ihnen dafür etwas von unserer armen Geilheit? Wir pflegen dann ihre luxuriösen Hobbys und sie vögeln. Die Krippenplatzsituation gerät wieder ins Gleichgewicht und alle sind glücklich.“

Sie küsste mich, weil sie meinen messerscharfen Verstand bewunderte. Wie ich wollte sie die Welt zu einem besseren Ort machen. Dann vögelten wir.

Am nächsten Tag packten wir unsere Kleine ein und fuhren nach Bogenhausen. Zuerst klingelten wir bei unseren reichen Bekannten. Aber keiner machte auf. Die sind wohl Golf spielen, Ski fahren oder im Wellness-Kurzurlaub, dachte ich.

Was solls? Wir klingelten bei Fremden. Große Tore und noch größere Zäune ragten vor uns empor und wir baten um Einlass in ein neues Leben. Einlass ins Paradies.

Irgendwann öffnete tatsächlich jemand das Tor. Frau von Gutenhausen stand auf dem Goldschild. Wir gingen durch die kilometerweite Einfahrt zur Haustür. Unser teures Hobby war zum Greifen nah. Die Zeiten der wilden Rumvögelei endlich vorbei.

„Sie wünschen?“, fragte Frau von Gutenhausen und wir erklärten ihr unsere Idee. Von wegen problematische Krippenplatzsituation, Sexverhalten in Münchens Vierteln, Gleichgewicht der Kräfte, teure Hobbys und so.

Um unsere Argumentation zu stützen, trugen meine Freundin und ich T-Shirts mit selbst erdachten Sprüchen drauf: „Forget Floating, remember Kama Sutra“ und „Don´t play Golf, fuck“. Auf dem T-Shirt unser Tochter stand: „Meine Kacke – besser als Chanel No.5“

„Was meinen Sie?“, fragten wir Frau von Gutenhausen, als wir mit unserem Plädoyer für eine bessere Welt fertig waren.

Auf ihrem Gesicht breitete sich ein Lächeln aus. „Sie hatten mich schon mit den T-Shirt-Sprüchen“, sagte sie und erklärte uns, dass sie schon lange jemanden suchte, der sie nachts wärmte. Anscheinend gebe es da in unserem Viertel Potenzial.

Um es kurz zu machen: Frau von Gutenhausen wohnt jetzt seit kurzem in unserer Wohnung in Milbertshofen. Sie lauscht den Nachbarn beim Liebesakt, hat aber nach wie vor selbst niemandem, der sie nachts wärmt. Sie hat auch keine teuren Hobbys mehr.

Wir wohnen jetzt in einer edlen Villa in Bogenhausen. Unsere Tochter hat schon ein paar neue Freunde in der Krippe „BlingBling“ kennen gelernt. Unter anderen den kleinen Karl August Maximilian Franz und die Elisabeth Josephine Marie Antoinette.

Meine Freundin und ich waren auch schon ein paar Mal Golf spielen, Ski fahren und im Wellness-Kurzurlaub. Aber bald wurde uns das zu eintönig und wir kehrten zu unserer gewohnten Routine zurück. Wir …

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