Die Kinder des Herrn streichen keine Außenfassaden

Aussenfassade kroatisches Haus

Fährt man durch eine beliebige kroatische Stadt, springen einem folgende Dinge sofort ins Auge: Spielhallen, Cafes, Tankstellen und Wechselstuben.

Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, der gemeine Durchschnittskroate verdiene seinen Lebensunterhalt an Glücksspielautomaten, tauscht die Spielmünzen in einer Wechselstube, tankt mit dem Geld sein Auto voll, um damit fünf Meter ins nächste Cafe zu fahren – zum Freizeitausgleich.

Dort liest er dann fünf bis zehn Stunden den Sportteil der Zeitung, steigt in sein Auto und fährt fünf Meter rückwärts zurück in seine Arbeit – sprich zur Spielhalle oder ins Wettbüro.

Da schläft er wahrscheinlich auch, um sich den Weg zu sparen und morgens wieder pünktlich zur Arbeit zu erscheinen. Nicht dass ein anderer seinen flexiblen Arbeitsplatz einnimmt. Vor dem Automaten seiner Wahl. Der gemeine Kroate denkt da effizient.

Er denkt weiter, wenn ich eh schon nie daheim bin, brauche ich auch nicht die schäbige Außenfassade meines Hauses oder das meines Vaters zu streichen – viele junge Kroaten zwischen 25 und 40 leben noch bei ihren Eltern, wobei die Mutter keine Besitzansprüche stellt, sie ist ausschließlich für das Mittagessen und die sauberen Unterhosen zuständig.

Kein Wunder also, denkst du dir, dass viele Baumärkte, die sich auf Farben für die Außenfassade spezialisiert haben, dicht machen müssen und zu Spielhallen werden. Oder zu Tankstellen. Oder zu Cafes.

Geheiligt sind die Sportergebnisse

Die Kroaten und Kroatinnen, die in den Cafes sitzen, sehen entweder aus wie frisch dem Laufsteg einer drittklassigen Modenschau entstiegen oder wie finster dreinblickende Gangster aus einem Film von Martin Scorsese. Inklusive dicken Goldkettchen um den Hals und einem massiven Kreuz um die Kette, dass sie etwas gebückt laufen lässt. Wegen Jesu Christi Leid auf Erden vielleicht.

Was tut man nicht alles für den eigenen Glauben und die Kroaten sind schon ziemlich römisch katholisch, wenn man das so sagen darf. Sie nehmen oft Gottes Namen in den Mund, wenn sie sich über irgendetwas ärgern, und gehen oft in die Kirche, um den Sportteil der Tageszeitung zu lesen. Also etwa einmal im Jahr an Heiligabend oder Ostersonntag.

An beiden Tagen die heilige Messe zu besuchen, das geht natürlich nicht. Das würde nämlich dem kroatischen Bruttoinlandsprodukt arg schaden. Es gäbe niemanden, der in den Spielhallen steht, in den Cafes sitzt, in den Wechselstuben das Geld wechselt und an den Tankstellen eine Dose Bier tankt.

Es gibt aber auch Menschen, denen es in Kroatien nicht so gut geht und die noch nicht erkannt haben, dass der Weg zum Reichtum am nächsten Spielautomaten verläuft. Die haben sich aus Not aufs Betteln spezialisiert und halten sich vorwiegend an Busbahnhöfen auf.

Wer wahrlich glaubt, dem wird gegeben

Diese Bettler bitten aber nicht plump um Geld. Zum Beispiel mit dem Satz:
„Entschuldigen sie den Umstand, hätten sie vielleicht ein wenig Kleingeld für mich?“
Nein, ein solcher Satz ist viel zu banal für den kreativen kroatischen Geist. Die Gefahr bei einem solchen Satz bestünde schließlich darin, dass einem tatsächlich gegeben würde.

Die gemeine kroatische Bettlerin stellt sich dagegen neben dich, wenn du am Fahrkartenschalter ein Ticket kaufen möchtest und hält dir ein Schild vor die Brust, auf dem steht, dass sie taubstumm ist. Ob du ihr nicht ein wenig Geld für ein Hörgerät geben könntest. Falls du ihr dann gestisch erklärst, dass du gerade nur große Scheine bei dir trägst, wirst du Zeuge eines wahren Wunders.

Die Taubstumme findet plötzlich den kroatischen Duden in ihrem Kopf wieder und beschimpft im feinsten kroatisch nicht nur dich, sondern auch deine Mutter und die Mutter der Mutter und die Mutter der Mutter der Mutter und so weiter.

So ist das halt in einem katholischen Land. Der Glaube der Bevölkerung versetzt nicht nur Berge, nein, er macht auch taube Bettlerinnen wieder sprechend.

Das männliche bittende Gegenstück an kroatischen Busbahnhöfen geht da schon etwas subtiler ans Werk. Es tischt dir nämlich eine rührselige Geschichte auf, was an sich erstmal keine schlechte Idee ist.

Die Menschen geben gern Geld für gute Geschichten aus und lassen sich unterhalten – gerade kurz vor Feiertagen und an Weihnachten. Siehe den unerklärlichen Erfolg des zweiten Teil von Peter Jacksons „Der Hobbit“.

Leider hat der gemeine Bettler in Kroatien kein Budget für ausgefallene Spezialeffekte a la Hollywood und den Mantel seiner Authentizität im Kleiderschrank gelassen.

Der Mann erzählt dir also und jede Pore seines Körpers schreit lauthals, „ich lüge, ich lüge, ich lüge“, dass er an einer Baustelle arbeitet. Du folgerst, dass er kein Kroate sein kann, denn die arbeiten ja nur in Spielhallen.

Er hat hart gearbeitet – wahrscheinlich Außenfassaden gestrichen, denkst du – aber der Chef hat ihn nicht ausbezahlt. Passiert vielen angestellten berufstätigen Kroaten auch mit ihren Chefs – den Glückspielautomaten.

Jetzt möchte er Weihnachten nach Hause und brauche Geld für eine Fahrkarte. Weiterer Gedanke in deinem Kopf: kein eigenes Auto, kein Kroate.

Du sollst bitte so gut sein, und ihm ein wenig von deinem geben. Weil Weihnachten ist und wegen dem christlichen Geiste und so.

Was würde Jesus an deiner Stelle tun? 

Die sicherste Variante ist nun natürlich, du kaufst ihm seine Geschichte ab und gibst ihm etwas von deinem Geld. Die komplizierte ist, du sagst, dass du keines hast, weil dein Chef dich ebenfalls diesen Monat nicht ausbezahlt hat. Oder du ein mittelloser Künstler bist. Oder du lieber dein Geld für einen schlechten in Neuseeland gedrehten Film ausgeben möchtest.

„Belaste nicht deine katholische Seele mit Lügen, mein Freund. Das krümmt den Rücken“, sagt der Bettler dann zu dir und du antwortest, dass er dafür aber ganz schön gerade stehe.

Dann entschuldigst du dich bei ihm.
„Es tut mir leid. Ich habe dich angelogen. Es stimmt nicht, dass ich kein Geld habe. Ich möchte dir aber nur nichts davon geben.“

Der Bettler wirft dir einen anerkennenden Blick zu, weil du diesmal ehrlich zu ihm warst. Einen Moment später realisiert er aber, dass du ihm nach wie vor nichts geben wirst. Daraufhin beschimpft er im feinsten Kroatisch nicht nur dich und deine Mutter, sondern auch die Mutter der Mutter und die Mutter der Mutter der Mutter und so weiter.

Du setzt dich heiter in den Bus und denkst, warum hat der Mann  eigentlich einen falschen Gastarbeiter statt einen richtigen Kroaten angebettelt? Der hätte ihm bestimmt etwas von seinem hart erspielten Geld gegeben, seinen Sportteil vielleicht auch, ja hätte ihn sogar mit seinem voll getankten Auto die fünf Meter bis nach Hause oder bis zum nächsten Cafe gefahren. Mit einem Goldkettchen um den Hals, dem Rosenkranz am Rückspiegel und „Stille Nacht“ im Ohr.

Doch so ist das halt in Kroatien und überhaupt überall auf der Welt: manche Menschen wissen einfach nicht, was gut für sie ist. Frohe Feiertage allerseits.

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