Alle lachen außer Einem

Zitat_Allen

Meine Theaterwerkstatt ist eine bunt gemischte Truppe. Von jung zu alt, schwul und hetero, bis Mann und Frau sind alle vertreten. Alle lieben wir die Lust am Spiel. Alle wollen wir unterhalten und auf der Bühne begeisternd performen. Oder wie ich, die Performance steigern. Nicht zuletzt wegen meiner Liebsten, die diese in letzter Zeit äußerst kritisch hinterfragt.

(seufzt)„Also in letzter Zeit lässt deine Performance arg zu wünschen übrig. Wenn du bis Ende des Jahres die ausgehandelte Zielvereinbarung erreichen möchtest, musste du dich noch gehörig ins Zeug legen“, sagte sie mir neulich, während ich die Toilette schrubbte. Und dann zählte sie auf, wo es mir an guter Performance überall mangelte.
Ich sollte öfter den Müll raus bringen, das Katzenklo säubern, das Geschirr wegräumen, die Wäsche aufhängen, Staub saugen, ihre Befehle befolgen und nicht immer dazwischen funken, wenn sie redete. Einzig unser Liebesleben sparte sie aus. Es gibt Dinge, die ich auch gut mache, meinte sie. Performancetechnisch gesehen. ( beide lachen)*

Damit wir in der Theatergruppe richtig loslegen konnten, brauchten wir erstmal das richtige Theaterstück, welches wir aufführen. Dieses zu finden stellte sich als zunehmend schwierig heraus.

„Habt ihr denn alle die Stücke gelesen?“, fragte die Leiterin, eine erfahrene Schauspielerin, letztes Treffen in die Runde. Alle nickten. Zur Auswahl standen Die Ratten von Gerhart Hauptmann, Hannah und ihre Schwestern von Woody Allen und Haltestelle Geister von Helmut Krausser. Eine Trashoper, bei der man gar nicht singen musste.

Wir saßen alle auf Stühlen im Kreis und jeder durfte zu jedem Stück seine Meinung äußern. Am Ende sollte abgestimmt werden.

„Ich finde die Ratten ganz wunderbar. Die Geschichte ist abwechslungsreich, die Rollenverteilung ausgewogen, die Charaktere tiefgründig und überhaupt der Humor, ganz toll.“

„Was für ein Humor? Da klaut eine Frau der anderen das Kind und das Kind stirbt dann. Alle sterben am Ende. Das ist doch nicht witzig, sondern zutiefst furchtbar und tragisch.“

(erzürnt) „Das sagst du doch jetzt nur, weil du selbst gerade ein Kind bekommen hast und sensibel auf solche Themen reagierst.“

„Mag sein, aber er hat trotzdem Recht. Das Stück ist scheiße. Und der Berliner Dialekt, das kriegen nicht mal gestandene Profis hin, ohne sich lächerlich zu machen.

„Ich hasse auch berlinerisch. Das ist ein echter Proletendialekt.“

„Hast du denn das Stück überhaupt gelesen, um dir so ein hartes Urteil zu bilden?“

„Ja, aber nur die ersten zwei Seiten, dann hab ich es weggelegt, weil es mich schrecklich angeödet hat und lieber Mr. Bean geschaut.“

„MR. BEAAAAAN? Du Banause.“

„Nein, wirklich. In dieser Phase des Theaterkurses ist es ungemein wichtig, dass wir alle die Stücke lesen. Die Ratten fallen nun wohl aus dem Rennen. Was ist denn mit Hannah und ihre Schwestern?“

„Das ist ein ganz tolles Stück. Ich bin ja sowieso großer Woody Allen Fan und hier kommt sein nihilistischer Duktus besonders gut zur Geltung. Ja, gut, klar, die verschiedenen Szenenwechsel sind sicherlich eine Herausforderung, aber die Charaktere sind allesamt so wunderbar kauzig und verschroben, neurotisch bis zum geht nicht mehr, und dann der Humor, super.“

„Na ja, ich weiß nicht. Ich fand das Stück schrecklich langweilig und öde. So absolut nichtssagend. Ohne jeglichen Witz und Chuzpe.“

„Wie kannst du so was sagen? Darin geht es um die essenziellste aller Menschheitsfragen überhaupt: Was ist der Sinn des Lebens und wo finde ich in New York einen Parkplatz? Hast du denn das Stück überhaupt gelesen?

„Ja, aber nur bis zur zweiten Seite. Dieses ewige Gelabber war so belanglos, dass ich mir lieber „Bauer sucht Frau“ auf RTL angeschaut habe.“ (alle lachen)

(Alle, bis auf einer, der sagt) „Bauer sucht Frauuu“? Wie trivial ist das denn.“

„Gut, aber im Prinzip hat sie schon Recht. Woody Allen mag man oder man mag ihn nicht. Ich kann zwar nicht verstehen, wie man ihn nicht mögen kann, aber dennoch, so großartig er als Drehbuchschreiber und Regisseur auch ist, seine Stücke haben nichts auf der Bühne verloren. Das Theater lebt schließlich von großen Gesten und nicht von verzweifelten, ellenlangen nach dem Sinn strebenden Monologen“

„Dann fällt das wohl auch weg. Kommen wir zu Haltestelle Geister. Wie hat euch das denn gefallen?“

„Mann, das war echt klasse. Am Anfang, denkt man sich, hä, was soll das, aber dann nimmt die ganze Geschichte schön Fahrt auf und entwickelt sich furchtbar amüsant. Die Rollenverteilung ist absolut ausgewogen und perfekt für unser Ensemble, die Charaktere sehr tiefgründig und skurril, lassen einem ganz viel Raum, den man mit seinem Spiel füllen kann. Und dann der Humor, einfach hervorragend.“

„Oh, mein Gott. Ich kann nicht glauben, dass wir das gleiche Stück gelesen haben. Du redest immer noch von Haltestelle Geister, oder? Also, ich fand das ganz furchtbar und oberflächlich. Diese vielen klischeehaften Typen mit ihrer vulgären Sprache und dann diese Prinzessin Tallulah oder wie die dumme Schnepfe heißt, aus dieser fremden Galaxie, das war doch unglaubwürdig bis zum geht nicht mehr. Als die auftrat habe ich das Buch direkt zur Seite gelegt und mir lieber meine Fingernägel lackiert.“

„Aber die tritt doch schon auf der ersten Seite auf?“

„Ja, richtig. Ich hab es auch nur bis zur ersten Seite geschafft. Da habe ich das dann aus der Hand gelegt, so dumm und sinnlos war das Stück. Im Gegensatz zu meinen Fingernägeln. Schaut mal, wie toll die geworden sind.“ (alle schütteln verständnislos den Kopf)

„Leute, Leute, wir sollten die Stücke wirklich zu Ende lesen, um darüber sprechen zu können.“

„Ich wollte ja, aber auf meinem Kindle konnte ich die Datei nicht öffnen.“

„Auf deinem was?“

(betont langsam sprechend) „Meinem K i n d l e. Das ist so ein Gerät, auf dem du elektrische Bücher lesen kannst.“

„Du meinst elektronische? Und ich weiß, was ein Kindle ist. Ich habe dich nur akustisch nicht verstanden. Verstehst du? (betont langsam sprechend) A k u s t i s c h.“

„Was auch immer.“ (blickt pikiert aus dem Fenster)

„Und wie geht es jetzt weiter? Wir sollten uns langsam für ein Stück entscheiden, damit wir endlich zum Spielen kommen.“

„Genau, schließlich sind wir hier in der Theaterwerkstatt und nicht beim dramatischen Kritikertreff.“

„Ich finde, wir sollten uns noch Zeit lassen, damit wir auch alle Spaß haben, an unserer Performance. Ach ja, und das sind wirklich hübsche Fingernägel, Chantal.“

„Lenkt jetzt nicht vom Thema ab. Schauen wir uns doch noch ein paar andere Stücke an.“

„Zum Beispiel Oha, eine Leiche. Der Name des Autors fällt mir gerade nicht ein.“

„Oder was von Dürrenmatt.“

„Ach, komm, der ist doch schon so ausgenudelt.“

„Dann was von Kästner.“

„Was klassisches.“

„Oder modernes.“

„Einen modernen Klassiker oder so.“

„Fontanes Unterm Birnbaum

„Oder Leben sie noch oder erben wir schon.“

„Das hört sich an wie von IKEA.“

„Hey, keine Beleidigungen.“

„Kinder, Kinder, Schluss jetzt. Lasst uns doch diese Stücke lesen bis nächste Woche. Und bitte wirklich alle lesen.“

(alle nicken) „Ja, Frau Lehrerin.“

(alle, bis auf einer) „Gilt auch eine Seite als ganz gelesen? Hab noch ein paar Folgen MR. Bean zu schauen.“

„Und „Bauer sucht Frau“ wird grad auch ganz spannend.“

„Wie wärs eigentlich, wenn wir unsere Treffen als Stück auf die Bühne bringen?“

Alle schütteln den Kopf bis auf einen. Dunkel. 

Der Kurs war zu Ende. Auf dem Weg nach Hause fragte ich mich, ob ich da etwas in der Beschreibung zur Theaterwerkstatt falsch verstanden hatte und wie ich auf andere Art und Weise meine Performance steigern könnte. Als ich daheim ankam, hatte meine Liebste schon eine Liste an prima Ideen für mich. Ich widersprach nicht, tat aber so, als ob ich sie a k u s t i s c h nicht verstanden hätte.  Jetzt, wo ich auf den sicheren Hafen der Ehe zusteuerte, konnte ich mich erstmal ruhig ein wenig entspannt treiben lassen.

* Diese Passage ist frei erfunden und nur der Dramaturgie wegen verfasst. (Anm. der Liebsten.)
„Aber natürlich, mein Schatz.“ (Anm. des Autors.)