Das weiße Blatt zur weißen Weihnacht

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Für meine Familie.

Kaum schreibe ich ein paar Tage nicht, spüre ich diesen Mangel. Die Sehnsucht nach einem leeren Blatt Papier, einem funktionierenden Stift und ein wenig Zeit für mich. Ruhe.

Kaum schreibe ich ein paar Tage nicht, spüre ich, wie ich außer Form gerate, der Geist erschlafft und es sich unter der geschmückten Tanne gemütlich macht.

Die Worte stocken, die Sätze stolpern, die Prosa hinkt. Bis es mir zum Himmel stinkt. Dann brauche ich eine Auszeit von der Weihnachtszeit. Von welcher Zeit auch immer. Da besinne ich mich an die Tugenden eines Schriftstellers. Disziplin und Ausdauer.

Ich räume den Schreibtisch auf, setze mich auf meinen Arsch und schreibe sinnlos die Seiten voll, bis womöglich was sinnvolles kommt.

Keine Ahnung, wohin der Füller mich führt und welche Worte er als nächstes auf die vor ihm liegenden leeren Stellen des Blattes schreibt. Wie ein Räumfahrzeug den Schnee beiseite schafft, so räumt der Stift die Leere beiseite und offenbart unter dem Weiß die Straße. Eine Geschichte vielleicht. Ein Gedicht womöglich.

Es ist eine reine Fingerübung, die ich betreibe. Und mit der ich nichts bezwecke. Ich schreibe und räume den weißen Schnee beiseite. Gleichmäßig und ausdauernd. Ritsch, ratsch. Ritsch, ratsch.

Nach einer Weile finde ich einen Rhythmus, eine Stimme, einen Fluss. Am Ende ist es immer die Natur, die man zum Vergleich bemüht. Ich schalte aus, ich schalte ab, die wirren Gedanken verweilen und dank des Füllens der Seiten mit Tinte, dem Leeren des Blattes vom Weiß, kehrt Ruhe ein.

Langsam erreiche ich den Zustand des völligen Einsseins mit dem Moment, dem Jetzt, der Gegenwart.

Es hat geschneit, also doch weiße Weihnacht. Ich höre durch das gekippte Fenster Schritte im Schnee und Flocken schmelzen. Autos fahren über nasse Straßen und hinterlassen Klänge wie Wellen an den Felsen der Algarve. Oder anders.

Vor mir flackert ein Teelicht, ein Nachbar betätigt die Spülung. Festbraten. Oder was davon noch übrig ist. Außer dem sanften Kratzen des Füllers über das Papier, welcher den leeren Seiten Substanz verleiht, ist es angenehm still. Besinnlich.

Meine Frau ist zur Bank und überweist den Jahresbeitrag für die Autoversicherung. Sicherlich wartet ein Angestellter gerade darauf. Ah, die Tabulas. Endlich haben auch sie überwiesen. Nun kann ich in Ruhe meinen Stollen essen.

Die Katze liegt auf der Couch und verdaut den letzten Streifen Lametta, bevor sie ihn ausspuckt und ich es wegwische. Mir wird klar, warum früher mehr davon war. Früher war weniger Katze nämlich.

Unsere Tochter schläft. Sie plagt sich die Tage mit hohem Fieber. An Weihnachten waren wir im Krankenhaus. Es ist nichts Ernstes, aber sein eigenes Kind leiden zu sehen ist nie einfach. Die Ärztin hat „viel Trinken“ gesagt und ihr einen Teddy geschenkt, also war die Fahrt nicht ganz umsonst.

Ich hoffe sehr, dass sie davon träumt, wie sie mit ihrem schicken Schlitten, den ihr die Tante gebracht hat, an weißen Landschaften vorbei gleitet, bunte Schneemänner grüßend. In den Armen ihrer Mama, gezogen von ihrem Tata. Hallo. Hallo. Sie winkt mit ihrer Hand und je länger die Schneemänner nicht antworten, desto lauter wird ihr Hallo. Kalter Schnee kühlt heißen Kinderkörper und lässt das Fieber schwinden.

Manchmal denke ich, dass Leben ist hart, kurz und ungerecht. Es bietet einem zu wenig Zeit für die vielen Dinge, die man machen mag. Fürs Schreiben. Aber immer, wenn ich inne halte und es genauer betrachte, wird mir klar, hier und jetzt, da hat es mich gar nicht so schlecht erwischt. Deshalb als letztes Wort für heute: DANKE.

 

 

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