Nichts Monumentales jetzt

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Kurz nach zehn oder später. Sitze auf der Bank von Fritz und Gabi. 130 Jahre steht über ihren Namen. Keine Ahnung, ob das jetzt heißt, dass Fritz und Gabi 130 Jahre alt, seit 130 Jahren verheiratet oder schon 130 Jahre tot sind. So oder so, in jedem Fall geht der Lack langsam ab.

Ich habe eine Oma, die ist 94 Jahre alt. Da glänzt auch nichts mehr. Nicht einmal ihre Augen. Obwohl die es könnten, wenn sie sich in den letzten 94 Jahren ein wenig mehr Mühe gegeben hätten – in den entscheidenden Momenten, als es darauf angekommen wäre.

Mein Blick streift eine Frau in Hosenanzug, die einen Jungen wie einen Hund an der Hand führt. Geistig, ihre Augen verraten es, ist sie gerade ganz woanders, nur nicht hier. Der Junge zerrt an dem linken Ärmel ihrer Angela Merkel Gedächtnisjacke.
„Mama, Mama, ich will dir was sagen!“
„Was?“ sagt sie, herausgerissen aus ihrer Absenz.  Ihre Lippen umspielt ein aufgesetztes Lächeln, während ihre Augen weiterhin glanzlos bleiben.

Wie die Augen meiner Oma, denke ich. Oder der Lack dieser Bank hier.
Wenigstens altern die beiden in Würde, zeigen ihre Narben, Wunden und Risse wie ein heimgekehrter Soldat seine Tapferkeitsmedaillen. Der graue Fleck neben dem Herzen, die getrocknete Gänsekacka, die wie zu großzügig aufgetragene Farbe an einem Gemälde über dem Rücken einen Tropfen formt. Und ja, die Bank hat bestimmt auch ihre Geschichte.

Gesichter erzählen Geschichten, die man nicht einfach so ausradieren sollte. Wie das der Frau neulich an der Bushaltestelle. Ihr Mund zog eine nie enden wollende Schnute, obwohl die für sie würdigen Selfie-Zeiten schon lange vorbei waren. Ich konnte nicht anders als immer wieder hinschauen und mich fragen, warum Menschen so etwas machten. Warum ließen sie sich von Schönheitschirurgen Schnuten ziehen? Für immer?

Und warum sagte diesen Menschen niemand, dass ein permanentes Duckface nur den Enten im Park gut zu Gesicht stand?

Neben mir auf der Bank erinnert mich ein älterer Herr daran, warum es gut war heute das Smartphone daheim zu lassen. Denn sonst hätten du und ich niemals etwas von Gabi, Fritz und ihrer Bank, meiner Oma, der Mutter, ihrem Jungen, dem älteren Herr und der Frau mit ihrem Duckface erfahren. Die Welt um uns erzählt Geschichten in jedem Moment, den wir bewusst erleben. Wir sollten sie nicht so einfach wegwischen.

Heute habe ich mal wieder ein wenig hingehört, hingeschaut, hingefühlt, hingelauscht. Und mit meiner Hand sogar über die Bank getastet. Das ist jetzt zwar nichts Monumentales, aber vielleicht ja ein viel versprechender Anfang.

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