Die großen Fragen des kleinen Mannes

Foto (11)

Das Seltsame an der Politik heutzutage ist, sie kümmert sich stets um das große Ganze, vergisst dabei aber die Belange des kleinen Mannes. Meine und die meiner Familie zum Beispiel.

Sanktionen gegen Russland, Kampf gegen Ebola, Atomverbot für den Iran und Frauenquote bei Unternehmen schön und gut, aber wir hatten die letzten zwei Tage kein fließendes Wasser in der Wohnung. Wir konnten nicht auf Toilette, nicht baden und auch das Geschirr blieb ungespült.

Wir wussten zwar, dass das passieren würde, im Hausflur hing eine Mitteilung, dass Handwerker die Leitungen erneuern und für zwei Tage das Wasser von acht bis siebzehn Uhr abstellen würden, aber wir hätten uns dennoch ein aktiveres Handeln seitens der Regierung gewünscht. Damit sie das verhindert und wir nicht auf dem Trockenen bleiben.

Irgendeine Aktion im letzten Moment, ein anrückendes Polizeiaufgebot, das Verhaften der Handwerker oder zumindest eine Pressemitteilung, indem die Bundeskanzlerin das Abstellen des Wassers im Hause Tabula und das Rauchen der Handwerker im Hausflur aufs Schärfste verurteilt, wäre nett gewesen. Ein Zeichen des guten Willens, ein paar diplomatische nichts sagende Worte, damit das Volk ruhig gestellt wird.

Doch nichts geschah. Meine Frau machte das wütend. Sie schimpfte auf die große Koalition, den Bundestag, die CDU, die SPD, Barack Obama und stellte den Wecker für Montag bereits um halb fünf. Um die Zeit gab es noch Wasser im Haus.

Pünktlich nach dem ersten Signalton stand sie auf, goss die Blumen, wischte den Boden, putzte die Fenster, spülte das Geschirr und füllte alle leeren Flaschen, Tassen und Gläser, die sich im Haus befanden, voll; als Notreserve für die bevorstehende Dürreperiode.

Nachdem sie mit allem fertig war, duschte sie sich. Dann weckte sie unsere Tochter und badete sie. Dann badete sie die Katze, obwohl die das gar nicht wollte. Dann weckte sie mich.

„Steh auf, Liebster und geh duschen, solange das Wasser noch fließt.“
Ich schaute auf die Uhr. Es war kurz nach fünf.
„Ich will nicht“, murmelte ich ins Kissen und drehte mich weg.

„Bei uns herrscht gleich Notstand und der feine Kerl will sich nicht duschen.“
„Ich will mich sehr wohl duschen, aber nicht jetzt.“
„Willst du den ganzen Tag stinken? Was stimmt mit dir nicht?“
„Liebste, mit mir ist alles in bester Ordnung. Ich bin einfach noch völlig geschafft vom gestrigen Nichtstun.“ Da lag ich den ganzen Tag auf der Couch und schaute weltbewegende Nachrichten und den noch bewegenderen Wetterbericht.

„Du gehst dich jetzt sofort duschen oder ich sanktionier dich.“
„Willst du mir das Wasser abdrehen?“
„Schluss jetzt, Stinker!“

Sie zog mir die Bettdecke weg und schüttete mir ein volles Glas unseres Notvorrats ins Gesicht.
„Hey! Unsere kostbaren Reserven“, rief ich.
„Ab ins Bad, sonst dusch ich dich gleich hier!“
Kurz vor halb sechs beugte ich mich meinem Schicksal.

Unter der Dusche dachte ich über die alltäglichen Probleme des kleinen Mannes nach, also meine, und sehnte mich nach neuen politischen Impulsen. Nach nachhaltigen Lösungen, die langfristig etwas bewirkten.

Ich träumte von EU-Gipfeln in Wien, London und Paris, auf denen Merkel, Cameron und Hollande beschlossen, Wasserkanister in unseren Garten zu werfen und uns mit Adelholzener zu beliefern. Die Sorte mit wenig Kohlensäure.

Ich träumte von Zeitungsberichten mit Überschriften wie „Wassernotstand in Milbertshofen“, „Sahelzone in München, „Merkel verhängt Sanktionen gegen putzwütige Ehefrau“ und „GroKo beschließt mehr Schlafzeit für müde Ehemänner“.

Ich träumte von Auftritten in Politsendungen. Bei Maischberger, Plasberg und Jauch. Meine Frau und ich als Gäste, die das Grauen schildern:
„Es war schrecklich.“
„Das kann man sich nicht vorstellen.“
„Wir hatten kein Wasser.“
„Ganze zwei Tage.“
„Die Politik hat versagt.“
„Merkel hat zu spät gehandelt.“
„Niemand hat etwas unternommen.“
„Kein Wunder, das alles den Bach runtergeht.“
„Die Handwerker haben im Hausflur geraucht.“
„Die Katze ist abgehauen.“
„Sie hatte ein nasses Fell.“
„Das gibt ne’ Erkältung.“
„Der Wecker hat um halb fünf geklingelt.“
„Ich konnte nicht ausschlafen.“
„Das kann man sich nicht vorstellen.“
„Die Bettdecke wurde mir weggezogen.“
„Es war schrecklich.“
„Niemand hat etwas unternommen.“

Ich bin überzeugt, wenn die Politik endlich weit reichende Entscheidungen trifft, um diese Missstände zu beseitigen, beantworten sich auch die großen Fragen dieser Welt von alleine. Ich helfe sogar dabei, nachdem ich ausgeschlafen habe und frisch geduscht bin.

Advertisements