Das Schweigen der Anderen

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Das Seltsame am Internetzeitalter ist, Leute antworten nicht, wenn man ihnen eine Nachricht schickt.

Keine Ahnung, ob ihnen etwas Wichtiges dazwischen kommt oder sie einfach keine Zeit oder Lust haben. Aber ein kurzes, „Sorry, doch du in meinem Postfach, das ist wie ein Prospekt vom ALDI im Briefkasten“, wäre schon höflich irgendwie.

Ich meine, im echten Leben würde man doch niemals Menschen auf die Art ignorieren.
„Wollen wir uns heute um 16 Uhr treffen?“
„…“
„Hey? Wo willst du hin?“
„Muss weg.“
„Kannst du mir nicht kurz antworten?“
„Keine Zeit.“
„Aber ich stehe vor dir. Ein kurzes ja oder nein reicht.“
„Später.“

Am Telefon würde man das auch nie mit jemanden machen.
„Hallo, ich brauche einen Termin“
„…“
„Hallo, Hallooo?“
„…“
„Ich hör sie schnaufen verdammt.“
„Das ist der Wind.“

Und beim Bäcker schon gar nicht.
„Ich krieg bitte drei Semmeln.“
Die Verkäuferin schüttelt den Kopf.
„Boah, auf den hab ich jetzt echt keinen Bock, ey.“
„Fräulein, ich stehe vor ihnen.“
„Der nächste, bitte.“

Aber im Internet ist das normal, dieser Umgangston. Es ist ja auch leicht. Ein Knopf und Papierkorb. Ich glaube, wenn wir die Macht hätten, uns auf offener Straße weg zu klicken, würden dauernd Leute spurlos verschwinden. In die tiefen Abgründe des dunklen Webs.

„Ich bin vor seinen Augen aufgepoppt, und er hat einfach auf mein x gedrückt.“
„Vielleicht wollte er keine Penis-Vergrößerung.“
„Hast du Interesse?“
„Hm.“
Klick und weg.

Klar, ich antworte auch nicht gleich auf jede Nachricht, die ich bekomme. Wenn zum Beispiel die Anuschka aus Russland „eine nette deutsche Mann zum die Heiraten“ sucht, erkläre ich ihr erst drei Tage später, dass ich schon verheiratet bin, die kroatische Staatsangehörigkeit habe und man „einen netten deutschen Mann zum Heiraten“ schreibt. Ob sie auch interessiert an meinem bosnischen Bekannten wäre?

Und wenn mein Onkel Mambo Mbeki aus Nigeria ein Vermögen erbt, von dem er mir ein Stück abgeben will, lass ich mir auch etwas Zeit, bevor ich schreibe, „Hallo Onkel, überweis bitte meinen Anteil an folgendes Konto. Und, hast du zufällig Interesse an einem russischen Mädchen?“

Doch selbst Anuschka und Onkel Mambo antworten darauf dann nicht mehr. Die einzige plausible Erklärung, auf die ich komme, ist ihr Tod. Wenn man stirbt, ist antworten schwer.

Mit Tränen in den Augen google ich „Anuschka“ und „Busunfall“ oder „Onkel Mambo“ und „keine Semmeln mehr“, aber nichts passiert. Ich mach mir dann Sorgen und sehne mich nach einer Trauermeldung oder so. Aber niemand sagt Bescheid, jeder ist beschäftigt.

Vielleicht gründe ich ein digitales Bestattungsunternehmen für Menschen, die keine Lust haben, auf Nachrichten zu antworten. Dann schreibe ich den Menschen, auf die sie keine Lust haben.

„Lieber Günther, es tut uns leid, dir mitteilen zu müssen, dass deine geliebte Schulfreundin Angelika heute Nachmittag nach Erhalt deiner Nachricht virtuell für dich verstorben ist. Bitte schreibe ihr nicht mehr, im Himmel gibt es kein WLAN.

Wenn du Beistand brauchst, schreib uns. Für einmalige 29,99 Euro bekommst du eine personalisierte Nachricht, die du so von Angelika nie erhalten würdest.

Wenn du innerhalb von drei Tagen antwortest, bekommst du sogar dieses einzigartige Energiearmband gratis dazu (Herstellerpreis: 29 Cent). Damit bist du immer bestens mit den Menschen im digitalen Jenseits verbunden, die dir nie wieder antworten werden.

Kopf hoch und nichts für ungut. Weiter geht´s.
Viele Grüße, Deine Trauerhilfe DENKSTE“

Ich spür jetzt schon das Potenzial meiner Idee. Das wird mich reich machen. Das einzige, was fehlt, ist ein wenig Startkapital. Vielleicht schreib ich nochmal Onkel Mambo. Oder bitte Anuschka um ihr Erspartes.

Solange ich auf ihre Antworten warte, höre ich mir die Telefonansage meines Lieblings-Augenarztes aus Schwabing an. Die wissen noch, wie man sich anständig benimmt.
„Hallo lieber Anrufer, wir sind gerade nicht erreichbar. Unsere Sprechzeiten sind Montag von 6.30 bis 6.31 Uhr und Dienstag und Donnerstag von 12.02 bis 12.03 Uhr. Die restlichen Tage nach vorheriger telefonischer Terminvereinbarung. Nach dem Ton können sie uns eine Nachricht hinterlassen, es ist jedoch ungewiss, wann wir sie abhören.“

Und falls das mit der Trauerhilfe nicht klappen sollte, frage ich Florian Henckel von Donnersmarck, ob er meine Geschichte verfilmen möchte. Den Filmtitel kennt ihr ja bereits.

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