Von der Neonlampe des Kreißsaals geblendet

Birthday-Cake-ns
Am fünften fünften vor zweiundzwanzig Jahren wurde ich elf. Am fünften fünften vor elf Jahren zweiundzwanzig. Und jetzt, am fünften fünften vor null Jahren dreiunddreißig. Es war ein Dienstag und die Sonne schien. Am Dienstag vor dreiunddreißig Jahren schien ebenfalls die Sonne und ich wurde exakt, das heißt, falls die Krankenhausuhr richtig ging, um 9.34 Uhr von der Neonlampe des Kreißsaals geblendet.

Am interessantesten ist, dass meine Mama an diesem Dienstag exakt um 9.34 Uhr angerufen hat, um mir zum Geburtstag zu gratulieren. Ich frage mich, ist das nun Zufall, Bestimmung oder stecken die Illuminati dahinter?

Falls ja, warum haben sie ihr nicht gesagt, dass ich kein Parfüm geschenkt haben will, sondern lieber ein unterhaltsames Buch? Jetzt lese ich vorm Einschlafen immer den Text auf der Verpackung und rieche an der Flasche. Von Proust keine Spur.

Und überhaupt: Warum gratuliert man jemandem zum Geburtstag? Er kann doch gar nichts dafür, dass er geboren wurde. Das ist, wie wenn jemand stolz darauf ist, ein Deutscher zu sein oder ein Amerikaner oder ein Mädchen.

Wäre es nicht viel sinnvoller, den Eltern zur Geburt des Kindes zu gratulieren.
„Hallo, Herr Tabula. Wir gratulieren Ihnen recht herzlich, dass sie vor etwas mehr als dreiunddreißig Jahren ihren Sohn gezeugt haben. Und Ihnen, Frau Tabula, gratulieren wir, dass sie ihn exakt vor dreiunddreißig Jahren geboren haben. Herzlichen Glückwunsch. Feiern sie schön und genießen sie den Tag.“
„Ja, vielen Dank auch. Lief ganz gut damals.“

Zugegeben, das ist weitaus komplizierter als jemanden „Alles Gute“ auf die Facebook-Pinnwand zu schreiben, vor allem, weil meine Eltern gar keine Facebook-Profile haben, aber niemand hat gesagt, dass der Weg zur Wahrheit einfach wäre.

Für mich war es auch nicht einfach, als mir am Tag der Geburt niemand zu meinem nullten Geburtstag gratuliert hat. „Ah, der checkt doch eh nichts“, haben sich viele Verwandte wohl gedacht, aber von wegen. Auf manche war ich so stinksauer, dass ich zwei Jahre lang nicht mit ihnen geredet habe. Oder nur so mit Lauten und Silben.

Dann plötzlich. Die Wende. Erster Geburtstag. Niemand gratuliert den Eltern mehr, jeder dem Kind. Aber wer hat dem Kind 365 Tage und falls Schaltjahr war ein Tag länger jeden Tag, das Fläschchen gegeben, die Windeln gewechselt, ein Gutenachtlied gesungen? Das ist ein Bingo.

Deshalb plädiere ich dafür, dass man den Eltern zum Geburtstag des Kindes gratuliert und nicht dem Kind. Mindestens solange, bis das Kind aus dem Haus ist und selbst durchkommt. Falls das Kind das erste Jahr ohne elterliche Hilfe schadlos übersteht, hat es sich die ersten Geburtstagsglückwünsche seines Lebens redlich verdient. Und dann darf es auch die ersten Geschenke behalten. Mit zweiundzwanzig, dreiundzwanzig oder wann das passiert.

Meine kleine Tochter wird in wenigen Tagen zwei und ich wünsche mir zu ihrem Geburtstag neue Schuhe, Bücher und Kinokarten. Bitte kein neues Parfüm, das Alte habe ich noch nicht fertig gelesen, die Lektüre stinkt.

Falls ihr denkt, das ist jetzt aber unfair, Mate. Du kannst doch deiner Tochter nicht einfach ihren Geburtstag wegnehmen, sage ich: ach ja? Nein? Und wer gibt mir bitte meinen nullten Geburtstag zurück?

Außerdem ist sie noch klein. Wenn sie etwas nie kennenlernt, wird sie es auch nie vermissen. Und später wird sie sich dann umso mehr freuen. Mit zweiundzwanzig, dreiundzwanzig oder vierundzwanzig. In jeder der drei Zahlen steckt übrigens eine zwei und ein „und“. Zufall, einfache Arithmetik oder erneut das Machwerk der Illuminati?

Die Wahrheit liegt irgendwo im Park. Wer weiß, ob wir sie je erfahren. Aber wenn ihr mir das nächste Mal zum Geburtstag gratulieren wollt, sagt Bescheid und ich gebe euch die Nummer meiner Eltern. Die freuen sich bestimmt über euren Anruf.

Advertisements