Wie Seeigel unterm Meerspiegel

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In der Nähe von Sukosan an der kroatischen Küste am 16.8. um 11.49 Uhr
Sitze im Klappstuhl, den meine Tante unserer großen Tochter geschenkt hat. Und den ich jetzt für mich beanspruche. Er hält ein Gewicht von bis zu 100 Kilo aus, bin locker drunter. Noch.
Die Sonne sonnt mich, die Grillen grillen sich in den Pinien hinter mir. Und zirpen unaufhörlich. Vor mir schlagen die Wellen rhythmisch gegen die scharfen Steine des Strandes, die sinnbildlich für die Einheimischen hier stehen. Kantig, träge, warm. Wer sanften Sand will ist woanders besser dran.
Eine asiatische Touristenfamilie fotografiert sich mit Smartphones vor den Inseln, die Gregor und Hannes heißen, weil ich es nicht besser weiß im Moment. Und es gerade auch egal ist.
Die Kinder sind bei der Oma, meine Frau und ich wissen gar nicht, wohin mit der kleinen Freiheit. Vielleicht kurz ins Meer, kurz ins Cafe, bisschen lesen, ein wenig schlafen, sonnen. Fünf Minuten schreiben.
Die japanische, koreanische oder taiwanesische Großmutter wäscht ihre Hände in Salzwasser. Dann riecht sie an den Fingerspitzen und verzieht das Gesicht. Sie sieht, dass ich sie sehe, der europäische Tourist. Spanisch, kroatisch oder griechisch, denkt sie. Wir lachen uns an, weil wir kurz die Gleichheit unserer Gedanken erkennen, während meine Frau sich dem erfrischenden Nass nähert. Zaghaft tapsend, langsam vorwärts schreitend, jeden Tritt aufs Neue bedenkend, damit die Steine sie nicht schneiden und die Stacheln der Seeigel unterm Meerspiegel dort bleiben, wo sie besser hingehören.

Aus der Reihe “Fünf Minuten”. Weitere Beiträge findest du hier

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