Du musst gar nicht so viel müssen

Essen verboten

Ich finde es seltsam, wenn Menschen Befehle mit „Wir müssen…“ beginnen. Denn das hieße ja, dass man etwas gemeinsam erledigen müsse oder gar wolle. Aber das stimmt in den wenigsten Fällen, wenn solche Sätze getätigt werden.

„Wir müssen reden“, heißt meistens, der andere will reden, während du lieber weiter schweigen und deinen Gedanken nachgehen möchtest.

Mit einem „Herr Huber, wir müssen die Kundenpräsentation noch feinschleifen“, meint der Chef nicht, dass ihr jetzt gemeinsam die Präsentation feinschleifen werdet, sondern, „Herr Huber, zieh dir einen Espresso rein, für dich ist heute Nachtschicht angesagt, während ich mit meinem Cabrio gen Feierabend düse.“

Die traurige Wahrheit lautet nämlich: In einem „Wir“ vor „müssen“ ist das „Ich“ am Starnberger See auf der Sonnenterasse, während du im Keller die Kartoffeln schälst.

Meine Frau beginnt Sätze an mich auch gerne auf diese Weise.
„Wir müssen der Mimi noch Futter kaufen“, bedeutet übersetzt, dass ich unserer Katze noch Futter kaufen muss.
„Wir müssen noch Milch kaufen“, heißt, ich soll mich beeilen, die Geschäfte schließen gleich.
„Wir müssen noch die Hecke schneiden“, bedeutet, dass ich die Gartenschere mir schnappen soll, während sie vom Gartenstuhl aus zusieht und so Sachen sagt, wie, „Da links hinten müssen wir es aber noch ein wenig mehr kürzen.“

Während ich es da hinten links ein wenig mehr kürze, denke ich, dass sie Ihre Befehle an mich genauso so gut mit „Du musst…“ beginnen könnte. Das wäre irgendwie ehrlicher. Aber meine Frau ist schlau und weiß, dass ich allergisch auf Befehle von ihr oder sonst jemanden reagiere und diese dann meist verweigere. „Revolte for life“ ist mein Motto.

Das ziehe ich auch knallhart durch, wenn ich zu mir selbst „Du musst…“ sage. Was ich seltsamerweise immer wieder mal mache. „Mate, du musst noch die Geschichte fertig schreiben, du musst noch die Kleine baden, du musst noch die Steuererklärung machen, du musst noch deiner Frau sagen, sie soll endlich mit diesem „Wir müssen“ aufhören.“

Der Druck, den ich mir durch diesen inneren Dialog setze, macht mich immer so fertig, dass ich erst mal gar nichts mache und mich entspanne. Solange, bis die Katze miaut und meine Frau sagt, „Wir müssen der Mimi jetzt dringend etwas zu essen geben, damit sie es wieder auf den Teppich erbrechen kann.“ Warum kann sie nicht einmal sagen, wir müssen die Mimi jetzt auf den Pluto schießen, damit sie neue Welten entdecken kann. Das würde ich sofort erledigen. Asap sozusagen.

Meiner Tochter ist noch nicht so schlau und hinterlistig wie ihre Mutter. Sie äußert ihre Befehle direkt. „Tata, schnappen sofort. Tata, schwimmen gehen an See. Tata, Staracetelli-Eis essen jetzt. Tata, Marie nach Hause gehen nein.“

Bei dieser Grammatik hätte sie gute Chancen in der nächsten Star-Wars-Verfilmung mitzuspielen. Als kleine Jedi-Ritterin, die den dunklen Lord besiegt.
„Darth Vader, dunkle Macht verwenden nein. Besser Staracetelli-Eis gehen essen jetzt mit Marie. Gut, ja?“
„Ok, aber ich nehme zwei Kugeln dark chocolate.“

Erstaunlich finde ich es auch, wie meine Tochter an sie gerichtete Befehle verweigert. Wenn man zu ihr etwas sagt wie z.B. „Marie, iss deine Nudeln auf“ oder „Geh dir die Hände waschen“ und sie keine Lust darauf hat, sagt sie ganz entspannt, „Nein, danke.“ Als ob das ein Vorschlag wäre und sie das Recht hat, ihn nicht anzunehmen. Ach, lass stecken, Tata. Nette Idee das mit den Nudeln aufessen und dem Hände waschen, aber ich mach erst mal lieber weiter Unsinn. Genial, oder?

In der Stadtbibliothek Hasenbergl haben sie kürzlich orange Schilder aufgestellt, auf denen steht: ESSEN VERBOTEN.

Essen verboten bedeutet übersetzt nichts anderes als, „Du musst hungern“. Oder wie meine Frau sagen würde, „Wir müssen hungern“, wenn sie mir das letzte Stück Pizza vor der Nase wegschnappt.

Diese Schilder stehen wegen mir da. Weil ich, wenn ich dort bin und bevor ich zu schreiben beginne, immer etwas esse. Weil ich sonst, während ich schreibe, immer an etwas zu essen denken muss. Und dann schleichen sich sprachliche Unkorrektheiten in meine Geschichten ein. Und so Worte in Sätze wie Butterbreze, Krustenbraten oder Wienerschnitzel.

Fakt ist, es gibt nicht viele Dinge im Leben, die man machen wirklich muss. Atmen, trinken, essen, schlafen, Zähne putzen, Hecke schneiden, Frau und Tochter, ok, Katze auch, glücklich stimmen. Schreiben.

Ohne essen nicht können schreiben gut, Mate. Sonst sterben. Das nicht gut. Besser sterben später, viele große Geschichten verfassen und Verbot in Bücherei ignorieren. Butterbreze, Krustenbraten und Wienerschnitzel aus Tasche packen und mampfen drauf los. Sehen, was passiert. Dunkle Lord von Bibliothekar schon besänftigen irgendwie.

„Was machen sie da?“
„Essen ich. “
„Warum tun sie das?“
„Leben muss“
„Ja, aber können sie nicht lesen?“
„Schlecht, wenn nichts gegessen ich hab. Buchstaben verschwimmen vor meine kurzsichtige Auge wie quirlige Karpfen in trübe Teich.“
„ABER ESSEN IST HIER VERBOTEN.“
„Nicht schreien, der Herr. Hören ich noch gut.“
„Dann hören Sie sofort damit auf.“
„Nein, danke.“

Mein lieber Imperativ. Der Bibliothekar hat einen Wutanfall bekommen, wenn ich nach solchen Antworten von meiner Tochter so reagieren würde, müsst ich in der Hölle die Hecke aber ewig noch ein wenig mehr kürzen.