La Ola der Wonne oder innen und außen

Als freiberuflicher Autor, Texter und Lebemann ist es gerade nicht einfach. Ich habe keine Werbeaufträge, ich habe keine Lesebühne oder Auftritte auf Poetrys Slams und der leckere Inder in der Westendstraße hat auch zu. Dafür hat der zweite Lockdown auf, ich habe eine Frau im Home Office sowie zwei Kids auf der Couch, die bespaßt werden möchten.   

Die Kindergartenampel ist von gelb auf rot geschaltet. Bei gelb gibt man nochmal so richtig Gas, da geht noch was, bei rot geht nichts mehr. Alles bleibt stehen. Alle warten, bis es wieder grün wird. Deshalb haben wir am Sonntag vor dem Lockdown nochmal richtig Party gemacht. Essen, Trinken, Rock´n Roll. Oder wie es bei uns heißt: Pommes, Kakao, Kinderlieder. Woohoo. 

Die Große durfte bisher immer in die Schule, aber immer nur mit Maske. Vielleicht ist aber bald wieder Heimunterricht angesagt. Die Kleine durfte zeitweise nur tageweise in den Kindergarten. Der F.C. Bayern darf hingegen immer spielen, obwohl einer der Spieler sogar positiv auf Corona getestet wurde. Aber mei. Als Profi darf man immer spielen, als Amateur und Hobbysportler nicht. Wie soll man aber Profi werden, wenn man als Amateur nicht trainieren darf ? Da wird mal einer schlau draus. 

Seit März schaue ich eh keinen Sport mehr, mache dafür selbst welchen. Alleine. Auf der Straße, auf dem Fahrrad. Am See. Am Laufen. Im Wald. In Asics. Weil: Anima sana in corpore sano.  

Daheim hat keiner Corona, aber wir lassen uns auch nicht testen. Am Ende haben wir es noch. So ist es sicherer. Wir fühlen uns wohl. Wenigstens ein bisschen Sicherheit in dieser ungewissen Zeit. Das Virus ist. Aber wie lange und warum, das sind Dinge, die nicht einmal die Experten wissen. 

Wenn niemand etwas weiß, wissen alle mehr und jeder wirst selbst zum Experten. Wie bei „Wer wird Milionär“. Von der Couch aus haben wir alle die richtige Antwort auf alles, aber auf der Intensivstation mit angeschlossenem Beatmungsgerät, da wird es dann schon schwieriger. Da gerät man dann leicht aus dem Gleichgewicht. Und wir brauchen alle unser Gleichgewicht, sonst geht es in den Abgrund. 

Für meine Balance brauche ich Zeit zum Denken und Schreiben. Muße und Müßiggang. Über die Pandemie denke ich wenig bis gar nicht mehr nach, sie ist da und wer weiß, wann sie wieder geht. Das Einzige, was ich die Tage versuche, ist zu verhindern, dass die Kinder meinen Geist unterwandern.

In der früh nehme ich mir einen kurzen Moment für Kaffee und ein paar bewusste Züge fürs Atmen, ich lese Senecas Briefe an Lucilius und schreibe ein paar Zeilen ins Notizbuch. Was ich mir vom Tag erwarte, wofür ich dankbar bin, was gestern gut lief und morgen gut laufen sollte. Solche Sachen halt. Fünf Minuten. Mehr oder weniger. So viel muss schon drin sein. So viel ist schon immer drin. Ruhe, da hinten in der Spielecke. 

Aber mit Kindern geht es nie um gestern oder morgen, es geht um das hier und jetzt, Dummerchen. Wenn du weißt, wie der Tag laufen wird,  akzeptierst du das. Bist ja drauf eingestellt. Du hast Gewissheit und bleibst im Gleichgewicht. Auch als Leichtgewicht.  

Letztens war ein Tag, an dem die Große in die Schule und die Kleine in den Kindergarten durfte. Ich rieb mir bereits im Bett die Hände und fasste einen Plan: Brotzeit für die Kids, Kuss für die Frau, viel Spaß in der Schule, im Kiga, im Home Office und mir am See beim Spazieren, Atmen, Laufen, Leben.  

Als ich ins Zimmer kam, fiel mein perfekter Plan auseinander wie ein windiges Kartenhaus.Die Kleine schniefte mit der Nase. 

„Geht es dir nicht gut?“ 

„Ich hab Schnupfen.“

„Oh nein, magst du daheim bleiben?“ 

„Ja.“ 

Ich holte den letzten Trumpf aus der Jogginghose.

„Du weißt schon, wenn du jetzt nicht in den Kiga gehst, kannst du am Nachmittag auch nicht zu deiner Freundin spielen.“ 

Das ist der ultimative Lackmus-Krankmus-Test für Kinder. Stelle ihnen am Nachmittag etwas in Aussicht, was sie gerne möchten, aber nicht können, wenn sie am Vormittag auf krank machen. 

„Vielleicht verschieben wir das besser“, sagte sie und zeigte damit, dass sie wirklich krank war  – und meine Pläne passe. 

Was tun? Verzweifeln? Klagen? Wüten? Ich holte tief Luft und entschied mich für einen Morgenkreis. Wir sangen Kindergartenlieder, machten Fingerspiele, spielten MauMau. Dann puzzelten wir. Ein 200-Teile-Puzzle für Achtjährige. Die Kleine ist vier, ich bin 38, zusammen haben wir die Hirnpower eines 34jährigen Menschen. Halb Kind, halb Freiberufler, auf geht´s, welche Märchenprinzessin setzen wir zuerst zusammen?

Oh Mann, wie wir puzzelten. Es war der Wahnsinn. Wir puzzelten eine Prinzessin nach der anderen, ihr hättet uns sehen sollen. Eine La Ola der Wonne hättet ihr gemacht. Wir puzzelten wie Robert Lewandowski und Thomas Müller Tore schoßen. Zack, zack, und drin. Passt. Wir waren der F.C. Bayern des Disney-Prinzesinnen-Zusammenpuzzelns. Richtige Vollblutprofis. Ein Teil griff in das andere, jedes Stückchen saß. Und was wir uns gegenseitig lobten, wenn wir passende Puzzle fanden, meine Herren und Damen. Wir klopften uns triumphierend auf die Schulter, wenn das eine Kleid fertig war, machten uns gleich an das nächste, verloren uns im Moment und klatschten uns, als wir das Werk vollendeten ab. Wie richtige Champions. 

„Ja, gut, Papa, genau richtig.“ 

„Danke, Kleine, du bist aber auch nicht von schlechten Eltern.“ 

Danach schauten wir uns Funny Bunnies an. Meine Kleine meinte, dass sei richtig, richtig megawitzig, sie wollte mir unbedingt eine bestimmte Folge zeigen. Jetzt, wo sie mir auch ein Freundschaftsband geschenkt hatte, ging das schon klar.  

Also schaute ich statt zu denken und zu schreiben fünf bunten Plüschhasen beim Frühstück zu. Der lilafarbene verputzte so viel, dass er richtig dick wurde und dann nicht durch die Gartenzauntür passte, mit den anderen kein Ball spielen konnte. Aber seine Freunde halfen ihm, sie hüpften gemeinsam Seil, gaben ihm ein Hulahuup, stellten ihn in ein Hamsterrad, und das lila Häschen lief.  Es lief und lief und lief, und wurde von dem vielen Laufen plötzlich so dünn wie ein Pfannkuchen, so dass ihn seine Freunde mit einer Luftpumpe auf Normalgröße pumpten. Meine Kleine und ich kicherten. Es war richtig, richtig megawitzig. 

Alles ergab perfekt Sinn. Wir waren beide superultraurentspannt, happy und bereit für das nächste Level. Bereit für grün. Es war, wie es war und alles hing von einem selbst ab. Was auch von außen kommt, du stellst dich innerlich darauf ein. Homo sapiens Style, Asics eben. Wie das geht? Hier. Ganz einfach, Schalter um und zack. Eingestellt. Und wenn die Zeit für dich kommt, nimmst du sie dir wieder. Aber so was von.

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