Hast du Kippen?

fullsizerender-14

Eine Bank im englischen Garten am 1. September 2016 um 9:22 Uhr
Sitze im Englischen Garten vor dem Kleinhesseloher See. Nach drei Wochen Meer und Weite und Essen und Trinken und so gut wie Nichtstun genau das Richtige jetzt. Willkommen im Alltag, aber noch nicht so ganz. Noch nicht voll. Noch nehmen die Nachbarn die Pakete in Empfang und das Festnetz verharrt in Stille.
Rechts von mir sitzt ein Mann in Anzug und Krawatte, der über ein Headset telefoniert. Home Office neu gedacht.
Ob er die Sirene des Krankenwagens vernimmt? Und die joggenden Menschen sieht, die an ihm vorbeilaufen?
Manche von ihnen sind viel zu schnell unterwegs. Gerade in der früh sollte man auf die Bremse treten, um sich noch ein wenig Sprit für den Abend zu bewahren.
„Macht langsam“ will ich ihnen hinterher rufen, aber schon sind sie weg und würden mich wahrscheinlich eh nicht hören. Weil ich viel zu leise rufen würde, um mir ein wenig Stimme und Stimmung für den Abend zu bewahren. Noch ein wenig Urlaub für daheim.
Eine Frau auf der Bank neben dem Geschäftsmann lässt die Sonne auf sich scheinen, hält die Augen geschlossen und scheint zu meditieren.
Jetzt schnäuzt sie sich die Nase und lässt den Rotz im Flow ihres Geistes fließen, bevor ein tätowierter Parkbewohner sie nach etwas fragt. Sie schüttelt den Kopf.
Der Parkbewohnter geht zum Geschäftsmann und fragt erneut. Der schüttelt den Kopf. Dann läuft der Parkbewohner zu mir, er läuft tatsächlich, aber nicht so schnell, dass man ihm etwas hinterher rufen müsste.
Kurz erhasche ich ein paar verschwommene Blicke auf die Tattoos um seinen Hals, die ich nicht weiter charakterisieren kann, bevor ich erfahre, was er will. Ich schüttle den Kopf und sage „sorry“. Im Hintergrund kreischen Krähen.

Aus der Reihe “Fünf Minuten”. Weitere Beiträge findest du hier