Das Loch im Baumhaus

Ich liege im Bett und lese. Da klingelt das Handy. Unbekannte Nummer. Ui. Alles ist möglich. Ich reibe mir die Hände und hebe ab. 

„Du bist der Auserwählte. Wir brauchen deine Hilfe“, sagt eine tiefe Stimme am anderen Ende der Leitung.  Ich zögere. 
„Das ehrt mich, dass sie mich für den Auserwählten halten, aber ich kann jetzt nicht.“ 
„Warum?“ 
„Ich lese.“ 
„Moment“, sagt der Fremde und legt auf.  

Es klingelt an der Tür. Unbekannter Klingeltakt. Ui. Alles ist möglich. Ich öffne die Tür. 
„Du bist der Auserwählte. Wir brauchen deine Hilfe.“ 
Es ist der Nachbar von gegenüber. 
„Hast du mich gerade mit unterdrückter Nummer angerufen.“
„Pssst. Nicht so laut. Herr Schmied beobachtet uns.“ 
Ich schaue rüber zu Herrn Schmieds Fenster. Tatsache. 
„Für einen kurzen Moment dachte ich, du seist Neo aus Matrix“, flüstere ich.  
„NEIN“, schreit mein Nachbar empört. 
„Ich bin Anselm aus der Westendstraße.“ 
„Ah, schön“, sage ich. „Was gibt´s denn?“ 
„Du musst das Loch im Dach von Heidis Baumhaus dichten.“
„Ach ja, und wie?“
„Hier hast du eine Leiter, Panzerband und eine Plane. Ich habe sie bereits zurecht geschnitten.“ 
„Prima. Und warum kannst du das nicht machen? Du hast doch viel mehr handwerkliches Geschick.“ 
„Das stimmt. Aber ich habe auch viel mehr wohl genährten Bauch. Die Leiter ist alt, das Baumhaus morsch und der Aufstieg ist zu gefährlich für mich. Ich könnte dabei draufgehen und sterben. 
„Und ich etwa nicht?“ 
„Nein, du nicht.“
„Warum denkst du das?“ 
„Du bist der Auserwählte.“ 
Damit hatte er mich. 

„Na gut, ich helfe. Muss nur schnell meine Birkenstocks anziehen und den Aluhut aufsetzen. Die Strahlen da oben sind viel stärker als hier unten.“ Wir blicken beide in den Himmel und nicken ehrfürchtig. Ein Chemtrailzwinkersmiley nickt zurück.

Gemeinsam machen wir uns auf den Weg in Heidis Garten. Wir umgehen filigran einen Kirschkernkothaufen, streicheln zart die Katze, verscheuchen schroff den Bo-Frost-Fahrer, schließen Freundschaft mit der Hecke und werfen Herr Schmied einen bösen Blick zu, dem das Fernglas aus der Hand rutscht. Er zieht die Rollos runter. Was hat er zu verbergen, das Schwein? 

Nun stehen wir vor dem Baumhaus. 
„Da sind wir also“, sage ich. 
„Ja, da sind wir. Die Entscheidung naht“, sagt Anselm. 
Er lehnt die Leiter im perfekten Winkeln ans Baumhaus. 
„Da oben ist das Loch. Klebe es zu, Neo.“ 
„Was?“
„Än, Mate, meine ich, Mate natürlich. Los jetzt.“ 

Ich meistere die erste Stufe, blicke zu Boden und damit dem Tod in Gesicht. Aus dem Gebüsch blickt mir ein Marder teuflisch  in die Augen fährt ein Marder mit seiner Pfote unter seinen Hals. Ich zittere am ganzen Leibe, sogar die Leiter zittert. 
„Ich kann nicht“, sage ich zu Anselm, der unmittelbar aufhört, an der Leiter zu wackeln.
„Doch, du kannst das. Ich glaube an dich.“
„Warum glaubst du an mich?“
„Einer muss es machen.“ 
Er ballt von unten eine Siegerfaust. Und Herr Schmied, der die Rollos wieder rauf hat, hält einen Pappkarton hoch, auf dem mit pinkem Edding steht: Yes, you can! Daneben hält seine Frau einen Pappkarton hoch, auf dem mit türkisem Edding steht: Who run the world? GIRLS!

Das gibt mir Mut und ich steige erneut auf die Leiter. Stufe für Stufe überwinde ich meine Angst, vergesse den kampflustigen Marder und meistere den Tod. Die oberste Stufe erklommen fühle ich mich wie neugeboren. „Wääh, Wääh“, schreie ich wie ein Baby im Kreißsaal. Ein Vogel kackt mir auf die Schulter. Willkommen. Mein Aluhut neutralisiert den Fleck sofort. 

Gekonnt klebe ich mit der Plane und dem Panzerband das Loch zu und steige wieder ab. 
Der Nachbar hat zwei Bier in der Hand. „Die rote oder die blaue Flasche?“

Ich greife nach der blauen. Herr Schmied applaudiert. Ich kehre nach Hause. Mit Panzerband überklebe ich die Klingel, das Handy schalte ich auf stumm. Ich lege mich wieder ins Bett und lese weiter. Mit dem Bier in der Hand ein noch größerer Genuss. 

Ein zufriedenes Lächeln umspielt das Gesicht des Auserwählten. Die Drohnenkamera fliegt rückwärts aus dem Zimmer des Helden und zoomt aus der Szene heraus. Wir sehen ein Stück Plane auf dem Dach des Baumhauses im Wind flattern. Das Panzerband hat sich vom morschen Holz gelöst. Das Loch steht wieder offen. Der Nachbar steht im Schlafzimmer. Verdammt. Déjá-vu. Gefangen in der Matrix. Wie komme ich da wieder raus?

Fühlst du dich auch manchmal gefangen in der Matrix? Wann hast du das letzte Mal etwas erfolgreich/erfolglos repariert? Wurdest du je für etwas auserwählt? Und wie hast du es gemeistert? Ich freue mich auf deine Antwort. Schreibe sie in die Kommentare, schau dir mein letztes Video auf youtube an, falls du es noch nicht gemacht hast, hab´einen schönen Tag und bleib tapfer. Die Entscheidung naht.

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