Mit vier Koffern Richtung Traum

Foto: Louis Vuitton

Letztens sah ich diese Werbung in der Wochenzeitschrift DIE ZEIT. Ich sah einen kleinen Jungen, zehn oder elf Jahre alt, vor einem wolkenverhangenen Himmel stehen, auf einem moosbedecktem Feld direkt vor dem vereisten Meer. Die Inseln um ihn herum, teils grün, teils mit Schnee bedeckt, verharren gelassen, dahinter erstrecken sich weite Gletscher, die nur zu erahnen sind, weil der Nebel die  Sicht auf sie verdeckt. 

Der kleine Junge blickt sehnsuchtsvoll in die Ferne. Der Werbeslogan lässt vermuten in Richtung seines Traums. Towards a dream. Dabei trägt er einen dünnen Pulli, eine dünne Hose und billige Gummistiefel. Was bitte hat er für Rabeneltern, ich würde ihnen die Ohren lang ziehen, ihr Kind so nach draußen in die Kälte zu schicken, er muss doch furchtbar frieren. 

Oder wärmt ihn etwa das neue Gepäckset von Louis Vuitton, dass hinter ihm nur darauf wartet, weiter getragen zu werden. Ist in dem größten Koffer vielleicht ein leistungsstarker Heizstrahler im Deckel integriert? Vergessen Sie dicke Jacken und warme Stiefel, nehmen die das neue Louis Vuittoon Kofferset mit integriertem Heizstrahler. Kalte Füße sind Geschichte, wenn Sie zu Ihren Träumen marschieren. 

Doch selbst, wenn das so wäre, wer hat dem kleinen Jungen die ganzen Koffer bis ans Ufer getragen? Mama, Papa oder der Praktikant vom Set des Fotoshootings? Und warum sind sie da stehen geblieben und tragen die Koffer nicht weiter Richtung seines Traums? Oder haben sie ihm gesagt, bis hier hin und nicht weiter, Junge. Über die flache Wiese helfen wir dir, das ist leicht, aber über das vereiste Meer und über die glatten Gletscher musst, das schwierige Stück, dorthin musst du es schon alleine schaffen. 

Meine große Tochter ist manchmal nicht mal in der Lage, sich selbst zu tragen, wenn wir zum See spazieren, geschweige den ein 4-teiliges Gepäckset. Gut, sie ist auch erst sieben. Vielleicht fängt man erst mit acht an, ein kleines Täschchen zum See mitzunehmen, dann mit neun kommt der Rucksack dazu und man geht zum nächst gelgegenen größeren See, mit zehn nimmt man eine größere Tasche dazu und flaniert zum Mittelmeer, und mit elf geht es dann mit einem Riesenkoffer und integriertem Heizstrahler zum Atlantik. Ozean. 

Ist das denn wirklich der Traum eines Kindes kurz vorm Übertritt in eine weiterführende Schule, so wie uns diese durchdachte Werbeanzeige vermittelt? Mit vier Koffern zum Meer, towards a dream. 

Kein ferngesteuertes Auto oder eine warme Jacke, ein heißer Kakao, ein „Kind, komm in meine Arme, dieses Shooting ist scheiße, wir gehen nach Hause“ von den liebevoll sich sorgenden Eltern. 

Was für ein Traum liegt denn da in der Ferne, auf den Inseln, an den Gletschern? Da ist kalt, neblig und rutschig. Mit den Gummistiefeln, die ihm angezogen wurden, ist der nächste Abgrund sein letztes Zuhause. Falls er da überhaupt hinkommt, mit den vielen Koffern. 

Und ist in den Koffern überhaupt etwas drin? Was packt so ein Kind in seine Louis Vuitton Koffer? Einen Schlafanzug von Armani, eine Schmusedecke von Karl Lagerfeld, einen Teddybär von Hugo Boss und die Biographie von Elon Musk als Comic? Sind Kinder die neue Werbezielgruppe von Louis Vuitton? Wer hat sich diese bescheuerte Idee ausgedacht und wie hat dieses Genie es geschafft, sie ans Marketing zu verkaufen? Frage für einen Freund. 

Lesen Kinder überhaupt „DIE ZEIT“ und werden auf diese einzigartigen Produkte aufmerksam? Mama, Mama, ich will dieses neue Gepäckset mit integriertem Heizstrahler von Loui Vito. Ich räum auch gleich mein Zimmer auf.  

Vielleicht ist das auch alles Schwachsinn und ich liege komplett daneben. Vielleicht ist dieses Werbebild anders zu interpretieren. Vielleicht als eine zeitlose Hommage an das Reisen. Dieses Bild ist allein schon eine Reise. Eine Reise durch die Zeit. Da, wo der Junge steht ist die Gegenwart, der Horizont ist die Zukunft, verschwommen, aber sichtbar. Privatschule, Abschluss, Studium in Oxford, Karriere an der Börse, Penthouse in der Innenstadt, Koks und Nutten und dann endlich die Effüllung des langgehegten Traums, ein edles Gepäckset von Louis Vuitton, dass eigentlich schon immer hinter einem stand und den Rücken wärmte, Richtung seinesTraum. 

Ein wenig so wie beim Alchimisten. Der Traum ist gar nicht weit weg, sondern direkt vor einem. Wir müssen nur in den eigenen Garten. Wir brauchen nur eine Schaufel und Gummistiefel, und wenn wir tief genug das Beet umgraben, finden wir das, was wir uns immer gewünscht haben – ein neues Kofferset von Louis Vuitton mit integriertem Heizstrahler. 

Wir können alles schaffen, wenn wir nur wollen, oder wie es in der Pressemitteilung von Louis Vuitton heißt: die neue Markenkampagne erinnert an die Kernwerte Freiheit und Reisen, wobei das Reisen über die Entdeckung des physischen Ziels hinausgeht, sondern als Prozess der Selbstfindung und der persönlichen Weiterentwicklung zu verstehen ist. Towards your dreams eben. Aber um Himmels Willen, das nächste Mal bitte mit Mütze, Schal und Handschuhen. 

Wie viele Koffer nimmst du immer zum Meer mit? Was packst du alles rein? Und ziehst du dich wärmer an, wenn du deine Träume verfolgst? Oder wärmt dich bereits das Träumen? Schreib mir, ich bin gespannt. Und frohes Neues natürlich.

5 Gedanken zu “Mit vier Koffern Richtung Traum

  1. Ich halte alle deine Fragen für sehr berechtigt und oft schaue ich bei solch recht subtiler Werbung gerne genau hin. Und je genauer man hinsieht, desto so mehr wird unklar 🙂 desto mehr Fragen entstehen. :); schöner Text.

  2. Maty, ich hab mal 1ne Frage: Hab deinen Blog abonniert und mir ist aufgefallen, dass dein post in deiner Newslettermail gar nicht komplett zu lesen ist, sondern nur 1 Teaser und der Rest auf den Blog verlinkt. Wie hast du das gemacht? hmmmm

    • Ehrlich, ich habe keine Ahnung, wie ich das gemacht habe. Es ist so lange her, dass ich das eingerichtet habe. Habe auch gerade versucht, es herauszufinden. In meiner dunklen Erinnerung hab es bei dem klassischen Editor einen Button, der hieß „More“. Den konntest du z.B. nach einem Absatz einfügen, und dann konnte man nur bis zu diesem Absatz lesen. Vielleicht habe ich das damals so eingestellt. Lieben Gruß Mate

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