Meine orangene Hose oder nur der Himmel als Grenze

Ich habe eine orangene Hose. Es ist eine kurze Hose,  ich habe sie seit meiner Kindheit und trage sie noch heute. 

Meine Mama hat sie mir gekauft, als ich 12 Jahre war. Im Hertie am Stachus. Den Hertie gibt es nicht mehr, die Hose ist immer noch da. Ein Qualitätsprodukt eben. 

Die Hose ist eine locker sitzende Sportshorts. Damals ging mir übers Knie, das Orange war hell leuchtend wie das einer gerade gepflückten Mandarine, das Nike Logo wie frisch von einem motivierten Jungen Näher aus Bangladesh drauf gestickt. 

In dieser Hose fühlte ich mich wie Michael Jordan. Darin spielte ich Basketball wie Michael Jordan und ohne falsche Bescheidenheit, ich war auch so gut wie Michael Jordan. Damals mit 12. Da war ich nämlich noch größer als die meisten meiner Mitschüler, weil ich in Deutschland erst ein Jahr später eingeschult wurde, weil ich noch kein Deutsch sprechen konnte. Aber Basketball, das konnte ich. 

Deutsch lernte ich auch schnell, so dass ich in der vierten Klasse der beste Schüler der Grundschule Neu-Esting war. Der beste Schüler und der beste Basketballer. Hinter meinen Rücken nannten mich die Erstklässler ehrfürchtig MJ. Mate Jordan.  

Als ich dann noch ein „cooles“ Knight-Rider-Shirt bekam, mit David Hasselhof aka Michael Knight drauf, schien der Himmel keine Grenzen zu haben. Ich war der Held vom Sportfeld, wer sich mit mir maß, wurde immer für zu klein gemessen, ich dribbelte, ohne abzugeben, trat jeden Korb mindestens am Ring und wenn ich nach Hause wollte, sprach ich in meine Casio Uhr, “ K.I.T., fahr den Wagen vor.“ Dann radelte ich auf meinem BMX-Bike nach Hause. Die Uhr ging irgendwann kaputt, das Knight Rider T-Shirt wurde zu klein, die orangene Hose blieb. 

Es gibt sicher viele Hosen da draußen, aber diese eine Hose ist immer noch meine. Ich trage sie, wo ich nur kann. Im Bad, auf der Toilette, auf der Couch, wenn ich die Katze streichle, mit meiner Frau Netflixe, und manchmal sogar beim Staubsaugen.

Eigentlich war mir die Hose damals viel zu groß, aber ich wollte sie unbedingt haben. Ich sah sie in der Sportabteilung, es war Liebe auf das erste Anprobieren. Und weil Eltern immer denken, zu große Größen gibt es nicht, das Kind wächst schon rein, kauft man Sachen immer eine oder zehn Nummern größer. Nach der Logik müssten wir Kinder den Eltern, wenn die alt werden, kleinere Größen kaufen, weil die da bestimmt schon hinein schrumpfen. 

Damals dachte ich, da würde ich schon eines Tages daraus hinein und sogar heraus wachsen, in die Höhe schießen, Basketballprofi werden, der weiße Michel Jordan, Mate Air Tabula, die orangene Hose als Markenzeichen. 

Kinder aus der ganzen Welt würden mir nacheifern und übergroße orangene Hosen tragen, die Kinder aus Bangladesh für sie genäht hätten. Mir zu Ehren, ihrem Riesenvorbild. Alles schien möglich, man musste es nur tun. Denn hatte nicht schon der große William Blake gesagt: 

„No bird soars too high, if he soars with his own orange shorts.“ 

Ganz so hoch lief es nicht. Ich bin nie in diese Hose hinein gewachsen, denn irgendwann hörte ich einfach auf zu waschen, ziemlich bald wahrscheinlich, nachdem ich diese Hose hatte, mit 13 vielleicht. Bei bestem Willen, mehr als 174 cm wurden es nicht. Das ist genau die Größe zwischen klein und groß, würde ich sagen. 5 Zentimeter unter deutschem Durchschnitt. Für Slam Dunks definitiv zu klein. 

Meine Schulkameraden überwuchsen mich und wurden besser im Basketball, meine orangene Hose ging mir weiter übers Knie und ich auf die Ersatzbank. Der Glanz vergangener Siege verblasste genauso wie von Waschgang zu Waschgang das hell leuchtende Orange des Stoffes. 

Aber durch welche schweren pubertären voll verpickelten Zeiten ich auch ging, die Hose blieb mein treuer Begleiter. Auch wenn ich darin kein Basketball mehr spielte, nichts mehr gewann und Michael Jordan seine Karriere beendete,  sie war weiter mein Supermancape. Und wurde mein superchiller Wohlfühloutfitt. In der Hose hing ich mit meinen Freunden ab, kiffte, fuhr Skateboard auf der Playstation, träumte von Mädchen und neuen glorreichen Tagen.   

Der Himmel hatte Grenzen, meine Träume auch, aber diese Hose war grenzenlos unverwüstlich. Jetzt knapp 20 Jahre später trage ich sie immer noch. Mittlerweile ist das elastische Band am Bund ausgeleiert, es müsste getauscht werden. Aber da sich mein Bauch mittlerweile auch gedehnt hat, passt das schon. Wenn ich die Schnüre ganz fest ziehe, rutscht die Hose nur ein wenig über die Knie, aber das hat Style und offenbar nur einen Hauch meines Maurerdekolletés. 

Mittlerweile habe ich viele Hosen, aber keine mag ich so wie diese. Sie sieht mittlerweile wie ein alter Stofflappen aus, aber es ist mein Stofflappen, damit bin ich Mate Air Chillerboy Tabula, darin bin ich Sohn, Bruder, Freund, Ehemann und Vater. 

Jeder, der mich kennt, lernt irgendwann auch diese Hose kennen. Die Leute freuen sich, wenn sie mich in dieser Hose sehen, fragen aber auch: „Wann schmeißt du das alte Ding endlich weg?“ Meine Antwort: Warum? Diese Hose ist ich, ich bin diese Hose, diese Hose ist mein Leben. Wir gehen zusammen ins Grab. Der Himmel ist die Grenze.

Habt ihr auch so einen Evergreen? Ein Kleidungsstück, ein Spielzeug, ein Andenken an die Kindheit, dass ihr für immer behaltet? Schreibt eine Geschichte darüber oder erzählt mir in einem Kommentar darüber. Dann lest weitere Geschichten hier und schaut euch meine Videos auf youtube an (Heute wieder ein Neues). Danke.  

2 Gedanken zu “Meine orangene Hose oder nur der Himmel als Grenze

  1. ja, oldie but goldie. Ich hab auch solche Lieblingsstücke. Einen Jeansrock, der mir trotz körperlicher Veränderung immernoch passt. Den geb ich auch net weg.*g***
    Welche Sprache hast du denn zuerst gelernt?

    • Hallo brille85,
      yeah, Jeansrock. Der fehlt mir in meiner Sammlung. Aber ich habe noch eine Trainingsjacke von Kappa , die habe ich jetzt seit knapp 20 Jahren, trage ich auch immer noch, aber nichts kommt an den Wert der orangenen Hose. 😉 Und die Sprache meiner Eltern ist kroatisch, die habe ich zuerst gelernt. Schönen Gruß Mate

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