Mit der Hoffnung nach vorn

Heute hat meine große Cousine Geburtstag. Sie wird 51 und ist geistig behindert. Das hat natürlich keinerlei Zusammenhang. Sie hätte auch 51 werden können und dabei geistig gesund sein. Ich weiß gar nicht, ob man das überhaupt noch so sagen darf. Geistig behindert. Ich habe das immer gesagt, ohne mir etwas dabei zu denken. So wussten die Leute immer gleich Bescheid. Das ist meine Cousine und sie ist geistig behindert, nicht ganz klar im Kopf, ein wenig verballert, so wie ein Kind irgendwie.

Aber eigentlich braucht man das gar nicht extra erwähnen. Weil, wenn man sie sieht, sieht man schnell, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Es sei denn, man ist selbst irgendwie beeinträchtigt. Dann sieht man es natürlich nicht. 

Wenn ich so darüber nachdenke, ist es auch falsch zu sagen, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Denn eigentlich ist mit ihr alles in Ordnung. Also so in Ordnung wie mit uns anderen auch alles in Ordnung ist. Weil, wenn wir ehrlich zu uns sind,  ganz sauber sind wir ja auch alle nicht.

Wenn ich so darüber nachdenke, sind sogar viele Menschen viel behinderter als meine große Cousine. Verschwörungstheoretiker, Coronaleugner oder generell schwarz-weiß denkend-handelnde Politiker und Menschen fallen mir da jetzt spontan ein. Viele von denen sind so behindert, die können ihre Alltagsmasken gar nicht richtig anziehen. Die verrutschen ihnen immer unter die Nase. Meist passiert das Männern, es gibt aber auch die ein oder andere Frau, denen das passiert. Unter uns: Mit denen möchte ich nicht gerne verwandt sein.

Mit meiner Cousine hingegen bin ich gerne verwandt. Sie ist ein fröhlicher Mensch, kann ihre Maske richtig tragen und hat mich schon oft zum Lachen gebracht. Oft auch unfreiwillig, weil Sie Worte und Inhalte verdreht, weil sie Zusammenhänge durcheinander bringt, weil sie eben wie ein Kind ist. Und Kinder sind zum Schießen. 

Meine kleine Tochter bringt mich zum Heulen vor Lachen. Aber sie will  nie, dass man lacht, wenn sie einen zum Lachen bringt. Dann fängt sie an zu heulen und schreit, hört auf zu lachen. Dann lachen wir noch mehr und der Wirbelwind wird zum Orkan. Neulich am See ist eine Frau oben ohne ins Wasser gesprungen und meine Kleine rief ganz laut: „Wow, die hat aber ganz schön große Boobies.“ Ach, was haben wir alle gelacht. Alle, außer die Kleine. Die hat gewütet.  

So in etwa bringt mich auch meine Cousine zum Lachen. Das Gute dabei, sie lacht meist auch mit. Und sie fragt einen auch immer die wichtigen Fragen. Zum Beispiel wie man heute geschlafen hat, ob man heute arbeiten muss, ob man einen Kaffee will und wann man sich wieder sieht.  Ich finde, das sind intelligente Fragen, die sollte jeder jedem jeden Tag stellen. Auch sich selbst, wenn keiner in der Nähe ist. Gut, meine Cousine stellt sie jedem mehrmals am Tag. Das kann dann schon mal nervig sein, besonders wenn man nicht so gut geschlafen hat, keinen Kaffee hatte und zur Arbeit muss. 

Oder wenn man meine Tante ist und die Mutter meiner großen Cousine. Die kümmert sich jetzt heute ganze 51 Jahre um sie. Wow, das ist schon eine sehr lange Zeit. Wenn man da Tag für Tag immer die gleichen Fragen gestellt bekommt, dann geht das ganz schön an die Substanz. Meine Kinder stellen mir jeden Tag andere Fragen und das geht an die Substanz. Vor allem die vielen Warums. Dabei sind sie erst vier und sieben und irgendwann außer Haus. 

Umso beachtlicher ist es, dass meine Tante so ein gelassener Mensch geblieben ist. Sie ist sehr hilfsbereit und zuvorkommend. Sie hat uns dieses Jahr ein bisschen Geld gegeben, als wir uns ein neues gebrauchtes Auto gekauft haben. Sie besorgt unseren Kindern Anziehsachen. Die sind meist nicht sehr modisch und viel zu groß, aber das Material und die Geste zählen. Oft schimpfe ich sie, wenn sie solche Sachen kauft, aber im Grunde bin ich ihr dankbar. Gerade jetzt, wenn ich jetzt so darüber nachdenke. 

Ich denke, wir sollten alle mehr jetzt so darüber nachdenken, was so Tag für Tag mit uns geschieht wie welche Menschen mit uns umgeben. Und wir mit ihnen. Und uns. Da kommt man dann bestimmt zum Schluss, dass, die vermeintlich Behinderten gar nicht so behindert sind und umgekehrt. 

Keine Ahnung, ob der Vater meiner Cousine behindert war oder nicht, aber er hat meine Tante verlassen, als die hochschwanger war. Und so hat sie ihr gemeinsames Kind alleine groß gezogen. Das war bestimmt nicht einfach, aber sie hat es gemeistert. 51 Jahre lang. 

Ich habe meine Tante erst neulich gefragt, wie sie bei dem Ganzen so auf ihr bisheriges Leben blickt. Sie meinte, trotz allem habe sie immer hoffnungsfroh nach vorne geblickt. Auch wenn es im Nachhinein gar keinen richtigen Grund dafür gab, hoffnungsfroh nach vorne zu blicken. Aber besser mit Hoffnung nach vorne blicken als mit Bedauern zurück, oder etwa nicht? 

Meine Kindheit und Jugend haben die beiden immer mit uns zusammen gelebt. Wohnung an Wohnung. Tür an Tür. Wir sind also schon sehr eng miteinander verbunden. Nicht so wie manche Tanten und Cousinen, von denen man weiß, dass man sie hat, sie aber lange nicht gesehen hat. Nein, die zwei sind so richtig meine Familie. Manchmal vergesse ich das und dann brauche ich solche Geschichten, um mich wieder daran zu erinnern. 

Als ich in die Schule gekommen bin, habe ich überlegt, ob man das mit meiner Cousine nicht irgendwie hinbiegen könnte. Ich habe versucht, ihr Lesen und Schreiben beizubringen, und es dann nach einer halben Stunde wieder gelassen. Seitdem ist sie da, so wie sie ist. Ich nehme sie wahr und dann auch wieder nicht. Meist begrüße ich sie herzlich und wir reden kurz. Nach einer Weile, wenn sie mir zu viele von denselben Fragen gestellt hat, sage ich, ist gut jetzt. Dann lässt sie mich in Ruhe und geht ins Zimmer. 

Sie häkelt viel, puzzelt gerne und mag Armbanduhren. Jedes Jahr zu ihrem Geburtstag kaufe ich ihr abwechselnd Garn, Puzzle oder eine Uhr. Dieses Jahr bekommt sie einen Fitnesstracker, der ihre zukünftigen Schritte zählen wird.  

Wir werden Kuchen essen und Zeit miteinander verbringen. Meine Tante, meine Cousine, meine Familie und ich. Ich werde versuchen, ein wenig wacher zu sein als sonst und ihr mehr von meiner Aufmerksamkeit zu schenken. Vielleicht mache ich mal wieder ein Foto von uns beiden. Das habe ich schon lange nicht mehr gemacht. Dann werde ich sie fragen, ob sie gut geschlafen hat, ob sie heute arbeiten muss, ob sie einen Kaffee will und wann wir uns wieder sehen. Die wichtigen Fragen des Lebens halt.

Lust auf mehr Stories? Schaut euch die weiteren Geschichten an oder meine Videos auf youtube an.

4 Gedanken zu “Mit der Hoffnung nach vorn

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