Das eine Stück Gold

 

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Ich sitze in meinem Lesesessel und schreibe. Oder zumindest versuche ich es. Erneut. Wieder und wieder setze ich mich auf einen Stuhl, die Couch, das Bett oder den Lesesessel. Ich klappe das Notizbuch auf, löse die Verschlusskappe des Füllers und hoffe, das noch genug Tinte drin ist, um meine Sätze festzuhalten.

Ich schreibe ohne zu wissen, worüber, ohne zu wissen, wie und mit welchen Worten die leeren Seiten heute gefüllt werden, ohne zu wissen, welche Gedanken diesmal auf dem Papier landen, um dann später von mir beurteilt, veröffentlicht oder vernichtet zu werden.

Oft verzweifle ich beim Schreiben. Weil mir die Idee, die Lust, die Zeit zum Schreiben fehlt und ich sie vergebens zu Finden suche – im täglichen Wahnsinn, der den Namen Alltag trägt. Arbeit, Kinder, Eheleben. Mein Dasein als Mensch in dieser irren Welt. Und jetzt klingelt auch noch die Postbotin zum zweiten Mal.

Ich erhebe mich, gehe runter und öffne ihr die Tür. Ich kämpfe um das Einschreiben, dass sie mir nicht geben will, weil sie bereits einen Zettel im Briefkasten hinterlassen hat, dass ich es in der Filiale abholen soll, und verzweifle erneut. Aber ich gebe nicht auf, setze nach, argumentiere, kämpfe, bekomme das Einschreiben, gehe wieder ins Büro, setze mich erneut hin. Setze erneut an.

Neun von zehn Mal habe ich dabei überhaupt keine Inspiration, keine Ausdauer, keinen Antrieb oder Elan, um den Unsinn auszusitzen, bis die guten Sätze sitzen. Es ist ja auch sinnlos. Warum? Es gab und gibt so viele, die es besser können. Also, warum die Mühe? Warum der Schweiß? Warum nicht etwas Anständiges mit sich anfangen?

Doch weil ich nichts Anständiges kann, setze ich mich erneut hin. Und ich kratz mit dem Füller über das Papier, um die Geschichte darunter zu offenbaren. Weil ich weiß, dass einmal von zehnmal etwas auf dem Papier erscheint, was wertvoll ist, was sich lesen lässt, was mich mit Freude erfüllt – gleich oder später.

So war das bisher, so ist es nun, so wird es morgen sein. Ein ständiger Kampf ist dieses Schreiben – und ich stelle mich ihm. Stets aufs Neue. Weil ich nicht anders kann als zu schreiben, weil ich nichts anderes kann als Schreiben. Und ich kämpfe und kämpfe, Runde um Runde, Seite um Seite, und das, obwohl ich gar kein Kämpfer bin. Kämpfen nicht mag.

Eigentlich bin ich feige und versteck mich lieber unterm Bett, ganz weit hinten in der Ecke, an der Wand, wo mich keiner sehen kann, wenn er oder sie nach mir sucht, um mich nach draußen zu locken. Los, du Feigling, stell dich. Doch ich versteck mich.

Wenn ich jedoch schreibe, fühle ich mich mutig, fühle ich mich stark, fühle ich mich selbstbestimmt, fühle ich mich als Held. Und dann gewinne ich neue Kraft, um mich dem draußen zu stellen. Vielleicht, weil ich durch das Schreiben das Innen bewältigt habe. Ganz nach Konfuzius. Erst das Innen, dann das Draußen ordnen. Und dann auf zu den Sternen.

Klar, manchmal gebe ich vorzeitig auf, oft sogar. Ich kapituliere, schwenke das weiße Blatt, schließe den Füller und hadere über die Niederlage, mein Versagen, das Chaos im Kopf und in der Seele.

Aber selbst in diesen Momenten der Niederlagengeschlagenheit treibt mich alsbald die Hoffnung, dass ich, wenn schon nicht in dieser, dann doch in der nächsten Schreibsession, in der nächsten Schürfsitzung etwas Wertvolles zu Tage fördere.

Schreiben ist wie Goldschürfen, denke ich, auch wenn ich das gar nicht richtig beurteilen kann, weil ich noch nie nach Gold geschürft habe. Aber in meiner Vorstellung nimmst du das Sieb, die Pfanne und die spitze Schaufel. Du schnürst deine Stiefel und dann schürfst du drauf los, am Flusslauf deines Vertrauens. Da wo die Träume baden gehen. Und wieder und wieder an dir vorbeirauschen.

Die meiste Zeit schürfst du dabei Schrott und Stein, siebst Schlamm und Schlick. Manchmal gibst du auf, manchmal machst du weiter, und manchmal, so gegen Mittag stellst du dir einen Burger rein, machst eine Flasche Bier auf, lässt die Sonne auf dein Schürfbesteck scheinen und lässt das Gold Gold Sein. Lebst im Draußen, wenn man so will, und chillst. Um dann, wenn du genug geatmet und gewesen bist, dich wieder hinzusetzen, um einen Ausflug ins Innere zu machen.

Du setzt dich wieder hin.
Und schürfst drauf los.

Schürfst und schreibst
schreibst und schürfst
schwitzt und sitzt
siebst und bleibst.

Neun von zehnmal fließt
Stein und Schrott
Schlamm und Schlick
Scheiße aufs Papier.

Aber diese eine Mal
Dieses eine Stück Gold
lässt dich lächeln
und wieder und wieder
von vorne beginnen.

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2 Gedanken zu “Das eine Stück Gold

  1. Ein sehr cooler Beitrag! Der Vergleich mit dem Goldschürfen ist sehr gelungen. Ich kenne das gerade von meiner eigenen Schreibtätigkeit nur zu gut. Ich schreibe immer erst einmal drauf los, um dann aus Scheiße Gold zu machen…

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