Kekse und Bananen

Mein Onkel hat mir immer erzählt, wie wir in die Altstadt von Zadar sind und er mich stets vorher gefragt hat, ob ich ein Eis oder eine Cola wolle. Beides gehe nicht.
Natürlich wollte ich lieber das Eis, als wir am Eisstand vorbei gingen.
Als wir dann im Cafe saßen und mein Onkel sich ein Bier bestellte, wollte ich natürlich auch eine Cola. Mein Onkel strich sich dann schmunzelnd über seinen Schnauzer, bestellte sie mir und so bekam ich am Ende immer beides.

Jetzt liege ich in meinem Zimmer in Zadar und höre draußen den Wind pfeifen. Mein Onkel ist gestern gestorben und ich bin zur Beerdigung gekommen. Mit meiner Tante, seiner Frau, habe ich gescherzt, dass ich eigentlich nur wegen ihrer leckeren Suppe hier bin. Ihr Mann, also mein Onkel hätte sicherlich darüber gelacht. Weil er hat auch gerne gescherzt. Nur nicht so sehr mit ihr.

Ein Frauenhaar ist stärker als 100 Paar Büffel hat er immer gesagt und ich wünschte, ich könnte diesen blöden Spruch noch einmal von ihm hören, aber nun ist es passiert.
Ich meine, wir wussten, dass es früher oder später passieren würde. Früher oder später passiert es allen. Der Tod passiert uns alle.
„Hallo, hier bin ich. Steigen sie ein und sagen sie bye.“
„So früh schon?“
„Nun, ich war gerade in der Gegend und in meinem Kalender war noch was frei.“

Wir alle wollen ja irgendwie, dass alles früher kommt. Die Liebe, der Schulabschluss, Karriere, Kinder, das Leben, der Bus. Nur der Tod nicht, nein, der soll am besten gar nicht kommen und wegen Störungen auf der Stammstrecke bis auf Weiteres ausfallen.

Mit seinem Schnauzer sah mein Onkel immer ein wenig aus wie ein Seelöwe, obwohl er nie auf See war. Dieser Schnauzer stand ihm sogar noch, als es längst kein Trend mehr war. Solange ich denken kann, trug er diesen Schnauzer und wenn ich mich richtig um die Erinnerung bemühe, dann hat er ihn stets mit seiner rechten Hand glatt gestrichen, nachdem das Bier oder Weinglas ihn verwuschelt hatte oder ich ihn um die Cola gebeten hatte. Er hat ihn solange glatt gestrichen, bis seine rechte Hand nach einem Schlaganfall gelähmt war. Aber vielleicht war es auch die Linke.

Meine Onkel hat in Jugoslawien, Deutschland, Australien und Kroatien gearbeitet, er hat im Krieg gekämpft und gegen Diabetes. Die letzten Jahre dann hat er leere Schnapsflaschen gesammelt. Diese kleinen mit den Kurzen drin. Unterm Autositz, der Spüle und hinter dem Gartenhäuschen konnte man seine umfangreiche Sammlung begutachten.

Es heißt, dass mein Onkel ein guter Vater, Schwiegersohn und Opa war. Aber als Ehemann, nun ja, da hätte er schon besser sein können. Nach seinem zweiten Schlaganfall konnte er nur noch liegen und seine Frau konnte ihn nur noch pflegen, bis sie am Ende beide nicht mehr konnten.

Die letzte Zeit lief in seinem Zimmer immer der Fernseher auf voller Lautstärke, so dass man sich mit ihm gar nicht mehr richtig unterhalten konnte. Weil man ihn gar nicht mehr richtig verstand. Wegen des Lärms aus den Lautsprechern, den fehlenden Zähnen, seinem mangelnden Willen, dem Tod den Termin zu verweigern und bis auf Weiteres zu verschieben.

Vielleicht wollte er nicht mehr, dass man ihn versteht. Vielleicht wollte er nichts mehr von der Welt hören. Vielleicht war es ihm einfach zu viel. Es hat ihn erinnert, wie es war, da draußen, wo er nicht mehr hinkonnte. Und so hat er sich ins Innere verzogen, wo wir nicht mehr hinkonnten. Dann weigerte er sich zu essen, zu trinken, zu reden. Und das war es dann auch schon.

Jetzt wünschte ich, als es Zeit war, ich hätte ihm besser zugehört, um mich nun an mehr zu erinnern. Aber vielleicht geht es auch gar nicht immer um das Gehörte und Gesagte, sondern vielmehr um das Gefühlte, Gelebte. Vom Gefühl her war er ein ein guter Onkel, aber als Ehemann, da glaube ich, hätte er schon besser sein können.

Bei meinen letzten Besuch habe ich ihm Kekse und Bananen mitgebracht und gefragt, was er wolle, beides gehe nicht. Er aß immer diese weichen Kekse mit Orangenfüllung, weil er andere Kekse gar nicht mehr beißen konnte. Kroatische Kekse sind sowieso so trocken und hart, dass sie erst ab 8 Jahren freigegeben sind. Und bis zum Tod.
Wenn er die weichen Kekse dann gegessen hatte, wollte er natürlich auch die Bananen. Ich schmunzelte, gab sie ihm und so bekam er am Ende immer beides.

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