Schnarchos

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Abends, wenn die Kinder schlafen, schauen meine Frau und ich gerade Narcos. Damit teilen wir für ein, zwei Stunden am Tag das Leben mit einem der größten Drogendealer der Welt: Pablo Escobar.

Dabei sind wir irritiert und fasziniert zugleich von seinem ambivalenten Charakter. Auf der einen Seite ist Escobar der liebevollste Sohn, Vater und Ehemann, den man sich nur vorstellen kann, auf der anderen Seite ist er ein Psychopath und Mörder.

Er lässt Flugzeuge in die Luft sprengen, verübt Bombenanschläge auf Kaufhäuser und drückt selbst den Abzug, so ganz ohne Skrupel. Gleichzeitig trinkt er Tee mit seiner Mama, schenkt seiner Frau Blumen und fängt mit seiner Tochter Pokemons im Garten. Gut, damals gab es noch keine Pokemons, aber ihr versteht.

Wenn sich Pablo jemand in den Weg stellt, sagt er gerne den Satz „Plata o Plomo?“, was übersetzt bedeutet: Silber oder Blei. Oder anders gesagt: „Wenn du kooperierst, wirst du reich. Wenn du nicht kooperierst, stirbst du.“

Von der physischen Erscheinung her sind Pablo und ich uns nicht unähnlich. Wir haben beide ein Bäuchlein, gehen beide ein wenig schäps und gestikulieren beide beim Sprechen wild mit unseren Armen.

Manchmal, nach einer Folge Narcos ahme ich Pablo Escobar sogar nach. Wenn mir meine Frau nicht die Salzstangen reichen möchte, die ich wie ein Kokskopf seinen Stoff so unbedingt will, drohe ich ihr mit: „Plata o Plomo?“.

Wenn meine Tochter, die schon längst schlafen sollte, sich nicht die Zähne putzen will, sage ich zu ihr ein wenig angepasst an die Situation: „Plaque o Plombe?“

Mich als Drogenbaron kann ich mir durchaus vorstellen. Alle hätten Angst bei unseren Begegnungen, behandelten mich mit höchstem Respekt und grüßten ehrfurchtsvoll mit „Hola, Don Mato. Come estas?“ Ich würde lakonisch nicken und „bueno“ durch meinen Schnauzer nuscheln.

Aber sollte ich mal wirklich Drogenboss werden, dann auf jeden Fall nur in Teilzeit, so Dienstag bis Donnerstag, 11 bis 16 Uhr, und basta. Nicht mehr, nicht weniger.
„Du willst cocaina? Komm zu den Geschäftszeiten, marica!“

Wenn Geschäftspartner am Freitag Nachmittag anrufen, hören sie folgenden Ansagetext:
„Hola, das ist die automatische Anrufmaschinos von Don Mato Tabula. Ich mache gerade Siesta. Falls du wegen einem wichtigen Drogendeal anrufst, hinterlasse eine Nachricht und ich rufe umgehend zurück – Dienstag, ab 11.“

Um den Verdienst mach ich mir ebenfalls keine Sorgen. Bei einer Arbeitszeitreduzierung auf fünfzig Prozent die Woche würde ich als Don der Sicarios immer noch genug Gehalt kassieren.

Weiterer entscheidender Vorteil: ich wäre ganz schwer zu fassen. Denn wenn ich jetzt zum Beispiel am Samstag in den Münchner Zoo gehe und mich die DEA (die amerikanische Drogenbehörde) vor dem Affengehege verhaften will, kann sie das nicht, weil ich doch an dem Tag frei habe. Da bin ich nämlich ganz Familienvater und Ehemann.

Klar gäbe es bei einem solchen Arbeitsmodell das ein oder andere Problem, vor allem auch, da ich noch bei keinem Arbeitsmodell wirklich gut in Verantwortung übernehmen war.

„Don Mato, das Cali-Kartell macht uns das Geschäft in Miami kaputt. Was machen wir jetzt?“
„Hm. Wie wäre es mit einem feinen Kräutertee, leckeren Butterkeksen und einer Folge Schnarchos.“

Schnarchos ist eine deutsche Serienproduktion der Öffentlich-Rechtlichen über meine Frau und mich. Sie erzählt unseren täglichen Kampf gegen die elterliche Müdigkeit.

Cliffhanger jeder Folge ist der Moment, in dem wir kurz vorm wegpennen sind, es aber eigentlich nicht dürfen.
Die Müdigkeit kommt, obwohl das Baby noch auf der Wickelkommode liegt. Cut.
Wir schlafen ein, kurz bevor die Große aus der Spielgruppe abgeholt werden muss. Cut.
Der Wecker klingelt, weil wir zum Brunch eingeladen sind, doch wir drücken auf die Schlummertaste und schlafen wieder ein, während sich unsere Freunde vor dem gedeckten Tisch ungeduldig fragen: Wo bleiben bloß Don Mato und seine Señorita? Cut.

Oder meine Lieblingsfolge, Mann, war das ein Spaß beim Dreh: Wir sehen meine Frau und mich im Bett liegen, beide schlafend. Plötzlich beginnt meine Frau ohrenbetäubend zu schnarchen. Die Kamera zoomt auf mein Gesicht und zeigt meine geweiteten Augen, meine Zornesfalte unterm rechten Nasenloch zuckt. Cut.

Ich sehe schon die Werbeplakate an den Bushaltestellen: Schnarchos – wer erwischt Don Mato wach? Manchmal stelle ich mir sogar vor, wie Pablo Escobar und seine Frau abends, wenn ihre Kinder schlafen, die Serie schauen und sich damit für ein, zwei Stunden am Tag das Leben mit einem der größten Schlafmützen der Welt teilen.

Dabei sind sie irritiert und fasziniert zugleich von meinem Charakter. Auf der einen Seite habe ich so große Träume und Ambitionen, auf der anderen Seite bin ich ein fauler Hund. Ich verschlafe in der früh, schlendere durch Kaufhäuser oder vertrödle ohne Skrupel den ganzen Tag im Park. Gleichzeitig beschwere ich mich bei meiner Frau, dass ich keine Zeit habe, total überarbeitet bin und nicht mit meiner Tochter im Garten Pokemons fangen kann.

Wenn sich mir jemand in den Weg stellt, sage ich gerne den Satz „Pizza oder Pasta? “, was übersetzt bedeutet „Pizza oder Pasta?“ Oder anders gesagt: „Wenn du Lust auf Pizza hast, kriegst du Pizza, und wenn du Lust auf Pasta hast, kriegst du Pasta.“

Von unserer physischen Erscheinung sind wir uns gar nicht so unähnlich, denkt Pablo sich  und ahmt mich manchmal nach einer Folge Schnarchos vor seiner Frau nach.

„Oh Tata, meine Tata.“
„Was ist los, Schatz?
„Ich weiß gar nicht, wo ich beginnen soll. Ich fühl mich schlapp und hab Kopfweh, mein Rücken macht mich fertig und ich kriege nichts auf die Reihe. Das Einzige, was ich jetzt will, ist zum Kühlschrank gehen und mir Eis holen.“
„Für deinen Rücken, Don Mato?“
„No, für meine Gaumen, bonita!“

Dann lachen beide entrückt. Und schließlich, wenn das lachen verklingt, denkt sich der gute alte grausame Pablo, dass er sich so ein Leben durchaus vorstellen könnte – ein ganz gewöhnliches Leben – so als ich. Aber wenn, dann auf jeden Fall nur in Teilzeit.

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