Auf dünnem Haar

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Auf einer Parkbank in Harthof am 21.06.16 um 13:58 Uhr
Eine grau melierte Frau schiebt sich mit ihrem Rollator an mir vorbei. In der Ablage vor ihr steht eine Sauerstoffflasche bereit. Inklusive Schlauch und Mundmaske. Und schon ist sie vorbei.
Um mich herum singen Vögel in Stereo. Und die Mücken sorgen für das 3D-Erlebnis. Die Sonne legt einen Gang zu und durchbricht die Wolken, die ihr die Sicht auf mich versperren. Sie wärmt mir die Arme, Hände, das Gesicht. Meine Gedanken.
Irgendetwas kriecht an mir herum. Eine Ameise mit Rollator?
Ein in die Jahre gekommener Jogger hinterlässt ein gleichmäßiges Geräusch seiner Spuren im Kies.
Neue Wolken schieben sich vor die alte Sonne und verdunkeln erneut die Welt.
Das Rauschen des Windes durch die Blätter der Bäume verdeutlicht die unaufhaltsame Verwehung von allem.
In der Ferne, aber auch nicht ganz so fern, Autos, Bagger und Rasenmäher. Gehen ihren Gang. Jemand fährt rückwärts, um kurz darauf wieder vorwärts zu preschen. Bis die Wand kommt, hinter der es nicht mehr weiter geht.
Ich denke an diesen jungen Schauspieler, der von seinem eigenen Auto überfahren wurde. Tot. Einfach so. So dramatisch wie dämlich irgendwie. Aber dann auch wieder: warum nicht so. Der Tod ist der Tod ist der Tod.
Die Ameise auf meinem Arm bemerkt nicht, dass sie sich auf dünnem Haar bewegt. Doch heute habe ich meine Handbremse gezogen und sie überlebt. Für den Moment.

Aus der Reihe “Fünf Minuten”. Weitere Beiträge findest du hier

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