Wenn Hitler mein Sohn wäre

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„Wenn du in der Zeit zurückreisen könntest, würdest du Adolf Hitler als Baby töten?“, fragt mich meine Frau.

Wir haben gerade einen Artikel gelesen, der berichtet, dass die New York Times diese Frage ihren Lesern gestellt hat. 42 Prozent der Leser antworteten mit „Ja“, 30 Prozent mit „Nein“ und 28 Prozent mit „Nicht sicher“. Ich muss lange überlegen, bis ich zu einer Antwort komme.

Der erste Impuls: natürlich würde ich Hitler töten, dieses Monster. Dadurch rette ich das Leben vieler unschuldiger Menschen und befreie die Welt von einem schrecklichen Tyrannen.

Aber was mache ich, wenn das Monster mich vorher mit seinen süßen Babyaugen anlächelt und mit seinen kleinen Fingerchen nach meiner Nase schnappt? Dann könnte ich die Tat nicht übers Herz bringen.

Als Baby hat Hitler auch noch nichts Schlimmes getan, um ein schlechtes Urteil über ihn zu fällen. Er hat in die Hose gemacht, nach Milch geschrien und am Daumen genuckelt. Schwer vorzustellen, dass er von vornherein mit solch schändlichem Gedankengut auf die Welt gekommen ist, mit dem er später in die Geschichte eingeht.

Weil ich eine Tötung von Baby-Hitler kategorisch verneine, ist mein nächster Gedanke, ihn irgendwie zu versehren, so dass er als Führer nicht in Frage kommt. Ich könnte ihm die Ohren abschneiden, damit er nichts hören kann. Die Zunge abschneiden, damit er nicht sprechen kann. Oder die Hände abhacken, damit er nicht grüßen kann.

Aber einen Gedanken weiter merke ich, das hätte ich genauso wenig gekonnt. Um jemanden zu verstümmeln, muss man noch viel mehr als ein Mörder sein. Und ich war viel weniger als das.

Ich hätte den kleinen Hitler höchstens auf irgendeine andere Art brandmarken können. Mit einem Tattoo am Oberarm oder auf der Stirn zum Beispiel. Ein Davidstern vielleicht. Oder eine Tafel mit den zehn Geboten womöglich. „Du sollst nicht töten“ fett hervorgehoben.

Doch wer weiß, ob ihn das von seinen abscheulichen Vorhaben abgehalten hätte. Wenn dieses kleine Baby wirklich zu Hitler würde, würde er sich das Brandmal einfach von seiner Frau wegschminken lassen.
„Wie sieht das denn aus, wenn ich vor die Menge trete. Eva, mein Schatz. Nimm noch ein bisschen Rouge. “

Schließlich sage ich zu meiner Frau:
„Ich habe hin und her überlegt. Und das Baby Hitler töten kommt für mich nicht in Frage. Aber da lassen könnte ich es auch nicht. Deshalb glaube ich, dass ich es mitnehmen und großziehen würde.“

Meine Frau blickt mich erschrocken an.
„Du würdest was?“

„Na ja, Ich bin kein Experte auf diesem Gebiet, aber soviel ich weiß beeinflussen die Gene und das soziale Umfeld den Charakter eines Menschen in etwa gleich. Das heißt, dass der kleine Adolf wahrscheinlich bereits eine Disposition zur Herrschsucht und Führerschaft hat. Daran könnte man nichts ändern.“

„Verdammt richtig.“

„Wenn du dir aber unsere Tochter betrachtest, ist das bei ihr nicht anders. Sie führt sich gerade auch wie eine kleine Diktatorin auf. Erteilt uns Befehle, wie es ihr gefällt, wirft sich auf den Boden, wenn sie etwas nicht kriegt und tritt mit Füßen, um uns los zu werden.“

„Hm. Das stimmt. Gut, dass sie noch so klein ist und keine Macht hat. Um uns wäre es geschehen. Weißt du noch, wie sie neulich der Erzieherin befohlen hat, dass die ihren Rucksack tragen soll?“

„Ja. Aber wie gehen wir nun mit unserer Tyrannin um? Wir nehmen sie in den Arm, geben ihr Bussis, streichen ihr über die Wange und sagen: Ganz ruhig, Kleine, alles halb so wild.“

„Sie ist ja auch unsere kleine Prinzessin.“
„Genau. Und das würde ich auch aus Hitler machen. Unsere kleine Prinzessin. Ich würde ihm ein Kleidchen anziehen, Musik anmachen und ihn tanzen lassen.

Wenn er brav ißt, würde ich ihm ein Stück Schokolade geben, Pudding oder Eis. Vor dem Schlafen gehen, würde ich ihm eine Geschichte vorlesen. Natürlich möglichst nichts Fremdenfeindliches von den Gebrüdern Grimm oder so.

Und wenn er etwas zeichnet, würde ich seine Kritzeleien ins Unendliche loben, so dass er erst gar nicht auf den Gedanken kommt, kein großer Künstler zu werden.“

In den Augen meiner Frau sehe ich, dass sie überzeugt ist.
„Ja, und wenn sich unsere Tochter nicht wickeln lässt, könnte er ebenfalls behilflich sein . Schließlich kennt sich niemand mit brauner Kacka besser aus.“

„Das wär witzig. Der Tyrann zähmt die Tyrannin:
Ruhig jetzt, mein haselnussblonder Engel. Da ist ein Nazi in deiner Windel und der muss weg. Soforrrt.“

Als wir wieder zu uns kommen, stellt meine Frau aber eines ganz klar. Falls er in irgendeiner Weise antisemitische Tendenzen zeige oder Ähnliches, komme er zu meiner Tante. Die werde seinen Kopf schon zu recht rücken. Die lässt nämlich gern kleine Kinder fallen.

Ich finde diesen Vorschlag drastisch, aber annehmbar, frage mich aber zugleich, wer jetzt in die Zeit zurückreist, um uns vor dem zu retten, der womöglich Hitlers Rolle einnimmt. Und was passiert mit den ganzen Millionen, die seinen Parolen blindlings folgen?

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