Der Junge Jakob, der jetzt Jana heißt

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Meine Frau ist schwanger und wir bekommen erneut ein Baby. Okay. Sie bekommt ein Baby. Aber es ist vermutlich von mir. Also höchstwahrscheinlich. Also zu 99,9 Prozent.

Ich freue mich schon, unser zweites Kind zu wickeln, zu baden und mit Zitronen zu füttern. Damit es früh merkt, dass das Leben nicht nur süß ist und aus nackten Brüsten besteht. Aber auch ein wenig als Strafe, weil ich wegen ihm wohl bald gar nicht mehr zum Schreiben komme.

Wobei wiklich wahre Geschichtenerzähler eh keine Charaktere auf Papier erfinden. Nein. Sie beobachten echte Menschen im echten Leben und schreiben dann über sie. Von daher auch wieder ein Vorteil. Das zweite Kind.

Wir sind schon sehr gespannt, was es diesmal wird. Junge oder Mädchen, das ist jetzt die Frage. Aus dramaturgischer Sicht will ich eindeutig einen Jungen. Ein süßes Mädchen haben wir ja bereits. Doch wie fantastisch würde es sein, wenn ein Junge mich beim Windel Wechseln anpinkelt?

Und so begann ich jeden Abend vorm Schlafen gehen den Babybauch meiner Frau zu streicheln und ihm zu sagen:
„Träum schön, mein kleiner Junge.“
„Von wegen, Junge. Da ist eindeutig ein Mädchen drinnen“, sagte meine Frau.
Sie spüre das. Weibliche Intuition und so. Da könne ich nicht mitreden.

Ein anderes Mal meinte sie, ich glaube, sie war böse, weil das Laub im Garten noch ungerecht blieb, dass ich gar nicht in der Lage sei, einen Jungen zu zeugen.

Was für eine Frechheit. In welcher Lage muss man denn sein, um einen Jungen zu zeugen? Muss man vorher eine Runde saufen gehen, eine wildfremde Frau belästigen und sich vor dem Club mit dem Türsteher prügeln? Um dann daheim seine Holde Richtung Vollmond zu richten und beim Akt wie ein Wolf zu heulen, während im Fernsehen der F.C. Bayern schon wieder gewinnt?

Meine Frau meinte das nicht böse. Vielmehr spiegelten sich in ihren Worten eigene Bedenken wider.
„Ach, Liebster. Ich weiß gar nicht, wie man einen Jungen erzieht. Ich bin doch eine Mädchenmama.“
„Noch, Liebste, noch. Aber das wird sich schon bald ändern.“

Wenn der schwangere Bauch der Frau spitz zuläuft, wird es ein Junge, heißt es.
Es heißt aber auch, wenn der schwangere Bauch der Frau spitz zuläuft, wird es ein Mädchen. Beide Theorien zeigen vor allem zwei Dinge. Erstens, die meisten Theorien sind Unsinn und zweitens, am besten fragt man jemanden, der sich mit so etwas auskennt.

Als der Arzt beim Ultraschall einen Jungen ankündigte, war meine Frau ganz schön baff.
„Sind Sie sich da ganz sicher? Weil ich spüre es anders. Schauen sie lieber noch einmal mal nach, Herr Doktor.“
„Wissen Sie, Frau Tabula“, meinte der Arzt so trocken wie ein kroatischer Keks,
„es kommt auch vor, dass Jungen geboren werden.“
„Wie sicher sind sie?“
„Zu 80 Prozent.“
„Was? Dass Jungen geboren werden?“
„Nein. Dass sie einen Jungen bekommen.“

Diese Angabe reichte mir, um meiner Frau ins Gesicht zu brüllen.
„Siehst du! Auch als weinerlicher Mann ist man sehr wohl in der Lage, einen Jungen zu zeugen!“

Einen Moment später weinte ich in ihrem Schoß.
„Oh, Gott. Oh Gott. Ich weiß gar nicht, wie man einen Jungen erzieht. Ich bin doch ein Mädchenpapa.“
„Noch, Liebster, noch. Aber das wird sich schon bald ändern“, sagte meine Frau.

Einen Tag später kaufte ich einen Kasten Bier, abonnierte eine Autozeitschrift und übte mich im Schweigen.
„Liebster, du bist so still, willst du nicht wie immer über deine Gefühle sprechen und in meinem Schoß jammern?“
„Nein, ich lerne meinem Jungen ein guter Vater zu sein und unterdrücke mein Innenleben.“

Doch das Schweigen währte nur kurz. Vorm Schlafen gehen streichelte ich schon wieder über den Babybauch meiner Frau und sagte zu ihm:
„Träum schön, mein kleiner Jakob.“

Ganz genau. Wir hatten dem Kind schon einen Namen gegeben und seine Schwester hatte ihm bereits „Bruder Jakob“ vorgesungen. Manchmal hüpfte sie beim „Ding Dang Dong“ vor Freude so hoch in die Luft, dass sie bei der Landung die Glocken hörte.

Ich stellte mir bereits unsere Zukunft zu viert vor. Zwei jammernde Jungs, zwei starke Mädchen. Eine kotzende Katze. Familienherz, was willst du mehr?

Gestern waren wir dann beim Feinultraschall. Bei einem anderen Arzt. Einem richtigen Spezialisten seinem Namen nach zu urteilen. Dr. Romulus Remus Romanus.
Als Dr. Romanus anfing irgendwas von Schamlippen zu erzählen, die er auf dem Monitor sehe, waren wir aber ganz schön baff.

„Was? Unser Junge hat Schamlippen?“, fragte ich.
„Sie meinen, ihr Mädchen hat Schamlippen“, sagte er.
Ich konnte es nicht fassen.
„Wie sicher sind Sie sich? Schauen sie lieber nochmal nach.“
„Wissen Sie, Herr Tabula, auf der Welt kommt es auch vor, dass Mädchen geboren werden.“
„Wie sicher sind sie?“
„Zu 100 Prozent.“

Diese Angabe zeigte mir vor allem zwei Dinge. Erstens, 100 Prozent ist immer sicherer als 80 Prozent und zweitens, weibliche Intuition ist nicht zu unterschätzen. Zum Glück. Das Abo für die Autozeitschrift kann ich noch abbestellen und Schweigen üben muss ich auch nicht mehr. Im reden bin ich sowieso viel besser.

Träum schön, meine kleine Jana. Ich werde dich wickeln, baden, und mit Zitronen füttern. Aber nicht, damit du früh merkst, dass das Leben auch sauer sein kann, sondern weil du dann ein sehr komisches Gesicht machen wirst. Vielleicht pinkelst du mich zur Strafe beim Windeln Wechseln an. Und ich schreibe darüber. So als stolzer zweifacher Mädchenpapa, der ich dann bin.

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