To Sarah With Love

„Mit all deinen Farben
und deinen Narben,
hintern den Mauern.
Ja ich seh dich.
Lass dir nichts sagen.
Nein, lass dir nichts sagen.
Weißt du denn gar nicht,
wie schön du bist?“ Sarah Conner

Immer wenn ich in letzter Zeit traurig bin, steige ich ins Auto und mache das Radio an. Egal, welchen Sender ich einstelle, sie wartet schon auf mich. Und singt, ob ich denn nicht wisse, wie schön ich sei.

Ich schaue in den Rückspiegel und denke: ja, stimmt. Dann lache ich wie ein Entrückter. Von der Schönheit der Sängerin völlig Verzückter.

Das Tolle und auch ein wenig Unheimliche ist ja, sie kann das sehen. Denn ja, sie sieht mich. Keine Ahnung, wie sie das macht. Vielleicht hat sie übersinnliche Kräfte, arbeitet beim BND oder liegt im Kofferraum meines Skodas, aber Sarah Conner sieht mich. Und ist überall. In jedem Lautsprecher, in jedem Kaufhaus, in jedem Cáfe.

Als ich das erste Mal hörte, dass sie ein neues Album rausbringt, auf dem sie nur Lieder auf deutsch singen werde, dachte ich, so ein Unsinn, das hat sich doch schon auf Englisch schrecklich angehört.

Nicht, dass sie nicht singen könnte, aber ich bitte euch. „Let´s get back to bed, boy“ „From zero to hero“ oder „From Sarah with love“ sind wirklich keine Titel, die mich hinter dem Ofen hervorlocken. Erst recht, wo meine Frau gar nicht Sarah heißt, ich gar kein Held sein will und es nah am Ofen so schön kuschelig warm ist.

Doch ihr aktueller Hit „Wie schön du bist“ hat es geschafft. Und all die Radiosender und die famose Sarah haben mir unglaublich viel neues Selbstvertrauen verpasst. In Muttersprache.

Hinter den Mauern. Und den Bergen. Den sieben Zwergen. Zwischen den Bauern. Mit den Kartoffeln. Und den Pantoffeln. Mit ihren Traktoren, den Brummi-Motoren. Ihren Löchern in Socken, den Kühen mit Glocken, ich tu es frohlocken. Auch bei Stau mach ich nie Radau. Und ich lass mir nichts sagen, nein, ich lass mir nichts sagen. Nie mehr.

„Liebster, bring den Müll raus.“
„Nö.“
„Tata, mach den Popo frisch.“
„Nö.“
„Miau, miau, ich hab Hunger.“
„Verzieh dich, Katze.“

Selbst die Kapuzenpulligangster aus der Nachbarschaft machen mir keine Angst mehr. Wenn sie mir „Was bist du für ein hässliches Opfer, du Missgeburt“ hinterher rufen, bleibt mein Selbstvertrauen unerschüttert.

Sarah Conners Musik ist die Antwort. Und ich weiß nun, wie schön ich bin. Und wie schön sie ist. Jedes Mal aufs Neue, wenn ich ins Auto steige, das Radio anmache und in den Rückspiegel schaue.

Und jeder Punkt in meinem Gesicht, die Augen, die Nase, der Mund und die Ohren, alles ist genau da, wo Augen, Nase, Mund und Ohren hingehören. So perfekt. Rein zufällig. Es gibt nichts Schöneres als mich.

In und mit diesem Bewusstsein gehe ich mittlerweile sogar auf die Kapuzenpulligangster meines Viertels zu, nachdem sie mich beschimpft haben und singe ihnen lieblich in ihre wohl geformten Ohren:
„Und du siehst so traurig aus. Komm in mein‘ Arm und lass es raus. Glaub mir ich war wo du bist und weiß, was es mit dir macht. Doch wenn du lachst, kann ich es sehn. Ich seh dich.“

Aber noch bevor ich den Refrain anstimme, hauen sie mir zwei Fäuste ins Gesicht, links, rechts, bumm, bumm und fragen mich im Anschluss, ob ich sie jetzt immer noch sehen könne. Schwierig, lautet meine Antwort, während ich auf dem Boden liegend nach meiner kaputten Brille taste.

Natürlich bin ich danach auch nicht mehr ganz so schön, mit all meinen Farben und meinen Narben im Gesicht. Aber niemals gebe ich Sarah Conner und ihrem Lied die Schuld an diesem grausamen Schicksal als vielmehr meinen miesen Gesangskünsten.

Jedes Mal, wenn ich das tue, gehe ich zu meinem Wagen und öffne den Kofferraum. Sarah Conner sieht mich und ich frage sie:
„Kannst du mir beibringen, auch so zu singen wie du?“

Wegen dem Tennisball in ihrem Mund und dem Panzerband auf ihren Lippen verstehe ich nie richtig, was sie antwortet.

Dann frage ich sie, ob ich das Radio anmachen soll, damit wir ihr Lied hören. Sie schüttelt energisch den Kopf.
„Nein? Aber weißt du denn nicht, wie schön das ist?“

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