Ode an Herrn van Kollenberg

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Wir haben den nettesten Paketmann der Welt. Herr Van Kollenberg sein Name. Ein junger Mann aus Holland, etwa eins achtzig groß, mit offenem Lächeln und leuchtenden Augen.

Wenn er die Pakete liefert, strahlt er übers ganze Gesicht, tanzt über den Flur und bewegt seinen Kopf rhythmisch zum Takt seiner Schritte. Ein bisschen so wie Goofy in den Zeichentrickfilmen von Disney.

„Guten Tag, Herr Tabula“, begrüßt er mich immer wie einen alten Bekannten und schiebt so stilsicher wie Arjen Robben den Ball ins linke obere Eck die Frage hinterher, wie es mir denn heute gehe.

Dabei transportiert seine Stimme so viel ehrliches Interesse, dass ich geradezu gerührt von dieser banalen Frage, die aufrichtig gemeint so viel Tiefe in sich birgt, nicht anders kann, als „Blendend, wenn ich sie sehe“, zu erwidern.

Also ehrlich, dem Kerl macht sein Job so viel Laune, dass sich seine Laune auf einen selbst überträgt. Man wird einfach in seiner Gegenwart gut drauf. Und erinnert sich an seine Träume.

Da brauchst du gar nicht kiffen oder so. Superpaketmann van Kollenberg ist ein wandelnder Joint auf zwei Beinen. Ganz ohne, dass sein Kopf orangen glüht. Ein kurzer Smalltalk mit ihm und du bist voll high.

In letzter Zeit warte ich jeden Tag vor unserem Hauseingang auf ihn und nehme alle Pakete der Nachbarn in Empfang, so dass Herr van Kollenberg, was für ein toller Name übrigens, nicht extra überall zu klingeln braucht.

„Das ist aber nett, Herr Tabula. Warum tun sie das?“, fragt er mich in seinem niederländischen Akzent.
Ich lächle verlegen und antworte,
„Weil sie es sind. Was halten sie zur Erfrischung von einer selbst gemachten Limonade?“
„Oh, da kann ich nicht nein sagen.“
Dann werden wir beide rot. So ganz platonisch versteht sich.

Weil er es ist, nehme ich sogar die Pakete eines unserer Nachbarn an, obwohl wir von dem die Pakete aus Prinzip nie annehmen, weil er laut meiner Frau ein wandelnder Arsch auf zwei Beinen ist.

Doch wenn Herr van Kollenberg die Pakete liefert, und mich fragt, „Herr Tabula, ich habe ein Paket für Herrn wandelnden Arsch. Nehmen sie es bitte an?“, kann ich nicht anders als ja zu sagen.

Ja, ja, ja. Genau so muss man seiner Arbeit nachgehen. Gelassen, fröhlich, mit federnden Schritten und einem Pfeifen auf den Lippen.

Bei schlechter Laune bestelle ich Sachen übers Internet, die ich gar nicht brauche. Einzig deshalb, damit Herr van Kollenberg sie mir liefern und ich wieder lächeln kann.

Neulich habe ich ihn gefragt, was das Geheimnis seiner positiven Lebenseinstellung ist.
„Ach wissen Sie, Herr Tabula. Während meiner Kindheit in Holland, da wollten alle meine Freunde Fußballspieler, Coffee-Shop-Betreiber oder Wohnwagen-Besitzer werden. Mein größter Traum war es aber, Pakete auszuliefern. Und hier bin ich,  living my dream.“

„Wirklich?“
„Nein, aber es ist großartig, sie zu sehen. Wie geht es ihnen heute?“ Ich antworte in gewohnter Weise. Mit meinem breitesten Zahngelblächeln. Dann lachen wir und trinken selbst gemachte Limonade.

Zum ersten Mal in meinem Leben wünsche ich einem Angestellten der Deutschen Post etwas richtig Gutes. Gehaltserhöhung, Karrieresprung und einen Duft, der Hunde zahm macht.

Nachdem ich darüber schmunzle, dass die Post es tatsächlich auch auf ihrer Internetseite schafft, sich als Kunde so verloren wie in einer ihrer Filialen zu fühlen, finde ich tatsächlich ein Formular für Lob.

Ich schreibe eine Ode an den nettesten Paketmann der Welt. Erzähle von seinem Lächeln und seiner freundlichen Art. Seinen Augen, seinen Schritten.
Erkläre, dass es ein Gedicht von Erich Kästner ist, ihm beim Pakete ausliefern zu beobachten.
Berichte, dass er durch seine Art eine Inspiration ist. Und meine Träume, die wie Vertriebene aus meinen Gedanken fliehen, wenn ich sie mit Ängsten und Sorgen zerbombe, wieder zurückkehren lässt.
Mache deutlich, dass ich im Grunde gar nicht verstehen kann, dass so ein inspirierender Mensch bei der Deutschen Post gelandet ist, aber wahrscheinlich findet auch ein blindes Unternehmen mal ein Korn.
Und schließe mit den Worten:
„Wenn einer eine Gehaltserhöhung, ein neues Dienstfahrzeug und eine eigene Briefmarken-Edition verdient hat, dann ihr Angestellter Herr van Kollenberg.“

Keine Ahnung, was meine Nachricht ausgelöst hat. Vielleicht den Alarmknopf beim BND.
„Hey Arne, schau mal.“
„Was los, Gunnar?“
„Da hat einer Lob für einen Mitarbeiter hinterlassen?“
„Ja, und?“
„Es ist für einen Mitarbeiter der deutschen Post.“
„Oh, nein. Wir müssen sofort die NSA informieren.“
Gunnar drückt auf einen roten Knopf.
„Schon geschehen.“
„Gott, steh uns bei.“

Seit meinem Lob nämlich, habe ich Herr van Kollenberg nicht mehr gesehen. Er ist vom Paketboden verschwunden. Jemand anders liefert jetzt bei uns die Päckchen aus und ein wenig betrübt macht mich das schon.

Der neue Paketmann ist ganz in Ordnung, aber mehr auch nicht. Sein Gang ist gewöhnlich, er grüßt mich nicht wie einen alten Bekannten und fragt auch nicht mit ehrlichem Interesse, wie es mir denn heute gehe.

So warte ich auch nicht mehr vor der Haustür, um ihm die Arbeit zu erleichtern, verweigere wieder die Pakete von Herrn wandelndem Arsch und trinke meine selbst gemachte Limonade alleine.

Dabei denke ich an den nettesten Paketmann der Welt und werde rot. Es ist so wichtig, mit federnden Schritten und einem Pfeifen auf den Lippen seine Arbeit zu verrichten. Auch wenn man sie im Moment vielleicht scheiße findet. Was Neues wird sich schon ergeben, wenn man an seinen Träumen festhält. Hoch, lebe Herr van Kollenberg, weil er mich wieder daran erinnert hat.

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