10 Gründe, warum Kroaten immer nur übers Essen reden

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Neulich in Kroatien ist mir aufgefallen, dass meine Familie ausschließlich übers Essen redet. Während deutsche Freunde und Bekannte über die Flüchtlingswelle, die Griechenland-Krise oder das Wetter debattieren, sprechen meine Tanten, Onkels und Cousinen den ganzen Tag nur über Lamm, Blitva und Pasticada.

Das Lamm, das sie gestern hatten, die Blitva, die es heute gibt, und die Pasticada, die es morgen auf der Hochzeit von Marko und Marta geben wird.

Dabei geraten aber die kulinarischen Köstlichkeiten aus der Vergangenheit keineswegs in Vergessenheit. In dieser Hinsicht ist meine Familie sehr nostalgisch.
„Erinnerst du dich noch an Weihnachten 2010?“
„Oh, ja, klasse, der Kalbsbraten von deinem Vater, ein echtes Meisterwerk.“
„Und erst die Kruste.“
„Und die Bratkartoffeln. Eine Sinfonie in Kohlenhydrat C.“

So geht das von früh bis spät. Essen, Essen, Essen. Man könnte meinen, meine Familie stamme aus Afrika und sei einer Hungersnot entkommen.

„Können wir nicht auch mal über etwas anderes reden?“, bitte ich meinen Vater, doch er erklärt mir daraufhin, warum das Lamm aus Kroatien das beste der Welt sei. „Das Wetter, die Meeresluft und der kroatische Schlager, mein Sohn, sind das Geheimnis. Und jetzt nimm noch ein Stück und sag mir, wie es schmeckt.“

Gut. Es wird schon auch über das Wetter, die Griechenland-Krise oder die Flüchtlingswelle geredet. Aber immer als Beilage zum Essen.

„Ganz schön heiß heute“ heißt, „Heute ist das perfekte Wetter für Cevapcici.“.
„Die armen Griechen“ heißt, „Lass uns heute zu Ehren der armen Griechen Gyros aus Lammkotelett machen.“

Und „Wie gehen wir jetzt nur mit den vielen Flüchtlingen um?“, heißt „Keine Ahnung, aber solange sie uns nicht unser ganzes Essen wegputzen, kriegen wir das schon irgendwie hin.“

Das ist zum Ajvar aufs Brot schmieren, sag ich euch. Wenn meine Familie dich fragt, wie es dir geht, fragen sie dich nicht, wie es dir geht, sondern, ob du schon was Leckeres gegessen hast. Je nachdem, was du antwortest, können sie abschätzen, wie es dir wirklich geht.

„Kalbsschnitzel mit Bratkartoffeln? Läuft bei dir, was?“
„Knäckebrot mit Frühlingsquark? Oh, Gott, bist du krank? Ich koche dir gleich was anständiges, damit dein Kummer verfliegt.“

Natürlich gibt es auch bei uns Familienstreitigkeiten am Tisch. Doch niemand würde einem jemals etwas konkretes an den Kopf knallen wie zum Beispiel, man sei ein selbstsüchtiger Arsch, eine frustrierte alte Jungfer, ein chronischer Alkoholiker oder Ähnliches. Oh, nein.

Wenn du jemanden in unserer Familie beleidigen möchtest, kritisierst du einfach seine Kochkünste. Sätze wie „Letztens hast du den Fisch aber besser hingekriegt“, „Hat da jemand etwa das Salz im Einkaufswagen vergessen?“ oder „ Wenigstens sind deine Topfpflanzen nicht so trocken wie das Filet“ sind ultimative Kriegserklärungen.

Und „Ich konnte deine Krautwickerl noch nie richtig leiden“ bedeutet auf gut deutsch genauso viel wie „Ich will dich nie wieder sehen, du verfluchter Mistkerl.“

Trotz, dass man dann im Streit auseinandergeht und nicht mehr miteinander redet, obwohl es doch nur ums Essen ging („Nur ums Essen?“, höre ich schon die vorwurfsvolle Stimme meines Vaters), ist meine Familie nie lange nachtragend. Spätestens am Grab versöhnt man sich wieder und kondoliert mit Worten wie. „Ich werde sein Raznici vermissen.“ Und „Möge sie im Himmel immer ihre Palatschinken selber machen dürfen.“

Den Spatz hat in dieser Hinsicht mein Onkel abgeschossen. Letztes Jahr bei der Trauerfeier seiner Frau, es war Zeit für die Beisetzung, meinte er lakonisch in die Runde.
„Wozu die Eile, die läuft uns schon nicht weg. Probier doch erst noch meinen Kabeljau-Auflauf, Neffe.“

Ich sagte nicht nein und nahm einen Teller.
„Und wie ist es?“, fragte er.
„Vorzüglich“, sagte ich, aber wer hätte sich an diesem Tag gerne mit meinem Onkel gestritten.

Übrigens: Die Überschrift hat nichts mit dem Text zu tun und ist nur so gewählt, weil ich gehört habe, dass auf die Art Leute zum Lesen animiert werden. Um das zu verifizieren, hinterlasst ein „mäh“ als Kommentar, wenn ihr bis hierher gekommen seid. Oder auch nicht. 

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2 Gedanken zu “10 Gründe, warum Kroaten immer nur übers Essen reden

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