Genau so gut auch anders

Der heilige Franz

Neulich war ich mit einem Freund in Rom, und Rom, nun ja, das ist wirklich eine schöne Stadt. Wo du auch hinkommst, alles ist eine einzige Filmkulisse.

Außer natürlich das Forum Romanum, die spanische Treppe und der Trevi-Brunnen – mit die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt – da ist natürlich alles eine riesige Baustelle. Und das Circus Maximus musst du jetzt auch nicht unbedingt sehen. Da kannst du auch auf der Theresienwiese picknicken; ist genauso hässlich.

Aber, aber. Wer wird denn da so kleinlich sein, wie es dort aussieht oder mal aussah, das kannst du dir doch auch alles in alten Filmen anschauen. Ben Hur, Fahrraddiebe, Spartacus – da brauchst du nicht nach Rom.

Eigentlich müssten viele Menschen gar nie nirgends wohin, weil sie dort eh nur Selfies von sich selbst schießen. Und wirklich, das kannst du dann auch zu Hause, und besser, da musst du nicht unbedingt nach Paris, London oder Rom. Da montierst du einfach nachträglich am Computer den Eifelturm, den Buckingham Palace oder das Pantheon rein und ta da – das Ergebnis zeigst du deinen Freunden.

„Schau mal, Markus, das Pantheon.“
„Also ich sehe nur dein Gesicht, und von dem muss man nicht unbedingt ein Foto machen. Schon gar nicht von so nah.“
„Oh, ja, stimmt. Aber likest du trotzdem auf Facebook, oder?“
„Nö. Fuck you.“

Gut. Jetzt gibt es sogenannte Selfie-Sticks, da bekommst du mehr vom Hintergrund und auch noch ein wenig was vom Adonis-Körper aufs Foto. Oder, wenn es kein Adonis-Körper ist, auch nicht. Da solltest du selbstverständlich sofort nach Rom. Weil, da gibt es Selfie-Sticks an jeder Ecke. Von nervigen Straßenverkäufern aus erster Hand.

Und das ist schon bezeichnend für die heutige Zeit. Früher haben sie Freundschaftsarmbänder verkauft, heute verkaufen sie Selfie-Sticks.

„Hey, psst, psst. Wolle Selfie-Stick?“
„Danke, hab schon drei von deinen Kumpels.“
„Komm, kaufst du vierte, dann kannst du von jeder Seite Foto von deine hässliche Ich machen.“
„Aahh, ihr Straßenverkäufer seid schon Schlawiner. Ihr wisst genau, wie ihr mich rumkriegt. Wie viel?“
„5 Euro“
„Waaas? Bei den anderen habe ich 15 gezahlt.“
„Na, dann bei mir auch 15.“
„Einverstanden.“

Fünfzehn Euro der Selfiestick, vier fünzig der Cappuccino, sieben Euro das Bier, und beim Fleischgericht fragst du gar nicht erst nach – in der ewigen Stadt kannst du es dir richtig gut gehen lassen. Aber schau nicht zu sehr in die Ecken. Da, wo der ganze Müll rumliegt. Und die Obdachlosen.

Da könntest du dir dann ein wenig dekadent vorkommen mit dem Milchschaum um den Mund und der Panna Cotta auf der Zunge. Zur Ablenkung schnell ein Selfie, jetzt ist dolce vita, bin doch nicht der Samariter. Und überhaupt, was ist mit der katholischen Kirche, die ist doch gleich um die Ecke. Warum hilft die nicht?

Vielleicht, weil die zu sehr damit beschäftigt ist, sich selbst zu feiern. Auf zum Vatikan. Der Papst gibt ein Konzert. Geiler Typ. Pfeift auf das erste Gebot. Lässt sich mit einem Mercedes durch die Massen fahren und wie ein Rockstar beklatschen, während unten am Tiber Menschen in Pappkartons hausen. Doch wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Selfie-Sticks schmeißen. Ein guter Mensch, so ein Gutmensch, so ein richtiger Vorzeigemensch bin ich wahrlich auch nicht.

Der heilige Franz dagegen. Ein Bild von einem Papst. Er lächelt, winkt, küsst Babys auf die Stirn, die ihm seine Tour-Crew reicht. Ich frage meinen Freund, ob er mich dem Papst reichen könne, damit ich auch einen gesalbten Schmatzer abbekomme, aber er sagt nein, ich sei ihm zu schwer. Er fragt mich, ob ich ihn ihm reichen könne und diesmal verneine ich, weil der Satzbau mich verwirrt. Außerdem sage ich, gebe Franz Andersgläubigen grundsätzlich keine Baci.

Dann fahren wir weiter. Immer weiter. Den Tiber entlang zur Villa Borghese und weiter durch die Stadt. Das Denkmal von Giordano Bruno auf dem Campo de´ Fiori beeindruckt mich sehr, das Campo de´ Fiori wiederum weniger.

Sehenswürdigkeit an Sehenswürdigkeit zieht vorbei. Wir lassen alles passieren und saugen den Moment auf. Lauschen Straßensängern und Saxofonspielern, lassen uns die Sonne auf den Rücken scheinen, treten in die Pedale und machen keine Selfies.

Nein. Keine Fotos, keine selbstverliebten Erinnerungen für den Zeitpunkt, wenn wir nicht mehr hier sind, die wir niemals mehr ansehen, wenn wir einmal weg sind, weil wir ahnen, dass die beste Art, den Moment zu zerstören, die ist, ein Foto davon zu machen.

Oder nach dem WLAN zu suchen. Im nächsten Ristorante. Auch ein Grund, daheim zu bleiben, Freunde. Da ist das Netz besser. Und auf der Couch penetriert dich kein unfreundlicher Kellner Marke Jason Statham, du sollst den Fisch des Tages nehmen, weil heute Tag des Meeres sei.
„Ich nehma Pizza Tonno. Ist das Fisch genug?“
„Testa di…, naturalmente, Signori.“

Und so essen wir Thunfisch aus der Dose, lassen die Elektronik in den Taschen, öffnen die Augen, spitzen die Ohren und tauchen ein in das Hier. Erheben uns erneut, radeln wieder los und staunen uns durch das jetzt. Es gibt so viel zu sehen, so viel zu erleben. Auch in Rom. Der Stadt des ewigen Widerspruchs.

Ein afrikanischer Flüchtling oder vielleicht auch nicht bittet um Geld. Ich gebe ihm etwas, ohne dass ich wie sonst nein sage und beschämt wegblicke, weil ich mir denke, der ist doch bestimmt einer von der rumänischen Bettelmafia.

„How much do you want?“
„Five Euro.“
„That is too much. I give you two.“
„Ok. Where you from?“
„Germany.“
Dankeschön, my german brother.“
„I am a Croat.“
„But i don´t know Dankeschön in Croatian.“
„It´s hvala lipa.“
„Ok. Give me two Euro more and i repeat it.“

Mit einer Taxifahrerin, die Opernsängerin werden will, singen wir deutsche Weihnachtslieder, während wir Richtung Testaccio sausen. Süßer die Glocken nie klingen, bella. Leise rieselt der Schnee, bambina. Still und starr ruht der See, ragazzo.

Sie lässt uns vor dem italienischen Kunstpark raus, weil da die Post abgeht. Aber wir wollen gar nicht, dass die Post abgeht, sind gewohnt, dass sie streikt, und nehmen das nächste Taxi zurück ins Zentrum.

Dann wird es Nacht. Und Rom am schönsten. Keine Touristen. Keine Kellner. Keine Straßenverkäufer. Kein Verkehr. Kein Papst. Kein Nichts. Du kannst das Weihwasser behalten, aber die Stadt gehört mir. Und so radeln wir wieder los. Radeln am Kapitol vorbei über die Piazza Venezia, zum Kolosseum, am Termini entlang, Richtung Stadtmauer und darüber hinaus. Sind hundemüde und geschafft, aber tiefe Freundschaft hält uns wach.

An einem Blumenstand entlang der Via Tiburtina kaufen wir ein letztes Bier. Zum Abschied. Und machen ein Selfie. Ohne Stick. Dann binden wir uns Armbänder um die Handgelenke und ich spüre, dass alles genau so gut ist. Aber auch, dass alles genauso gut ganz anders hätte kommen können.

Das Lied zur Reise 

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