Im Linksaußen des Geschehens

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Das Ärgerlichste für jemanden, der gerne im Mittelpunkt steht, ist jemand in seiner Nähe, der noch mittiger steht. Wenn es dann noch ausgerechnet das eigene Kind ist, ist frei nach Wolf Haas Hölle ein Hilfsausdruck.

In letzter Zeit stiehlt meine Tochter mir die Show, weil nicht mehr ich die Aufmerksamkeit bekomme, die ich verdiene, sondern sie. Dabei verdient sie sich nicht mal die Aufmerksamkeit, wie ich es tue, indem sie Prosa verfasst, herausgebuddelt aus der Tiefe ihres Herzens, um die Qualen des menschlichen Daseins ans Licht der Welt zu befördern und anderen Menschen dadurch klar zu machen: „So schlecht wie dieser Mate Tabula habe ich es gar nicht erwischt. Ab sofort genieße ich mein Leben mehr.“

Nein. Meine Tochter ist einfach nur da und ein zweijähriges Kind. Mit großen Kulleraugen, roten Wangen und niedlichem Blick. Mehr hat sie noch gar nicht auf dem Kasten. Beim Spaghetti essen kleckert sie wie Sau, volle Gläser schmeißt sie an die Wand als ob sie russische Vorfahren hätte und den Po selbst abwischen kann sie auch nicht. Im Gegensatz zu mir. Meistens zumindest. Das ist nicht fair.

Sehnsüchtig denke ich an die guten alten Zeiten zurück, als ich in der Schule als Klassenclown meine Mitschüler zum Lachen brachte, es keinen störte, wenn ich auf Hochzeiten zwischen Braut und Bräutigam saß oder gar auf dem Schoß der Braut, und beim Fußball immer im Mittelkreis stand, obwohl ich eigentlich links außen spielte.

Früher haben mir wildfremde Menschen in die Backen gekniffen und zu meiner Mutter gesagt:
„Ja, der ist aber ein Süßer. Ein ganz ein braver Bub.“
Heute kneifen wildfremde Menschen meiner Tochter in die Backen und sagen zu mir:
„Ja, die ist aber eine Süße. Ein ganz ein braves Mädchen.“ Mich ignorieren sie völlig, die Schweine.

Dabei übersehen sie, dass meine Tochter niemals so süß wäre, wenn ich nicht als Kind so süß gewesen wäre. Und immer noch bin. Zumindest laut meiner Frau. Und die weiß es ja objektiv gesehen immer am besten.

Bonbon für den Papa

Das die Logik hinter diesem Gedanken keinen Sinn ergibt, weil ja meine Mutter auch mal süß gewesen sein musste und ihre Mutter auch und ich demzufolge die Süße nicht erfunden habe, vernachlässigen wir jetzt. Denn es handelt sich hier nicht um die Lehre der Genetik, sondern um meine Geschichte. Und in der hat meine Tochter Ihre Süße mir zu verdanken. Deshalb sollte auch ich die süßen Lorbeeren dafür ernten.

Warum können die Leute nicht einfach weiter mich in die Backen kneifen wie früher und zu meiner Tochter sagen: „Du hast aber einen süßen Papa. Darf ich ihm ein Bonbon schenken?“

Natürlich dürften sie das. Ich liebe Bonbons. Und ich darf sie auch schon essen, weil ich sie nämlich schon kauen kann ohne mich dabei zu verschlucken. Meistens zumindest.

Aber nein, es gibt nichts für mich und alles für meine Tochter. Das Lächeln, die Komplimente, die Süßigkeiten und Geschenke. Das ist eine lauthals grölende Ungerechtigkeit. Ich habe nämlich viel mehr drauf als meine Tochter und beweise das auch Tag für Tag. Gut. Sie versteht kroatisch und deutsch und kann „Hallo“ in beiden Sprachen sagen, aber was ist das bitte für eine Kunst? Ich kann in beiden Sprachen ganze Sätze bilden und damit großartige Geschichten erzählen. Und wenn mir jemand sagt, ich soll endlich still sein, kann ich auch mal schweigen.

Doch wenn meine Tochter zu Ihrer Oma „Baba, Schoki“, sagt, strahlt die Großmutter über beide Ohren als ob die Kleine gerade ein Gedicht von Goethe rezitiert hätte. Dabei ist doch mein Satz „Holde Mama, darf ich es wagen, dich um ein Stück verarbeiteten Kakao zu fragen“, viel goethischer.

Für ein paar Backenkneifer mehr

Und es kommt noch schlimmer. Wenn die Kleine ein paar wirklich unschöne Striche mit Bleistift aufs Papier kritzelt, loben alle ihr Gekritzel, als ob es ein Picasso sei. Dabei mal ich bei Malen nach Zahlen mit den richtigen Farben die richtigen Zahlen aus. Meistens zumindest.

Und wenn wir im Sandkasten mit Förmchen spielen, dann backe ich die viel stabileren Kuchen als sie, weil mir meine Frau erklärt hat, dass sich die feuchten Körner besser dafür eignen. Und ich habe das verstanden. Weil ich auch zuhören kann. Aber fuck it, niemand lobt meine Sandkuchenkreationen, alle nur die von meiner Tochter.

Niemand macht mir die Milch warm, niemand kauft mir ein Eis. Niemand trägt mich auf Schultern, niemand wiegt mich in den Schlaf, niemand wechselt mir die Windeln, niemand schnallt mich im Kindersitz fest, um für meine Sicherheit zu sorgen und wenn ich auf den Kopf falle, pustet mir auch niemand die Schmerzen weg und sagt: „Alles wird gut, kleine Prinzessin.“

Dabei hätte ich es doch so verdient. Dabei tue ich echt mein bestes, um einen Backenkneifer von wildfremden Menschen zu kassieren. Reiße mir den Arsch auf für ein Bonbon. Mach mich zum Affen, um euch zu unterhalten. Einzig für ein kleines Lächeln. Einzig für ein kleines Lob.

Aber am Ende gewinnt doch wieder meine Tochter und stiehlt mir die Show. Sie nimmt die Stelle im Mittelpunkt des Geschehens ein und bekommt die Heldenrolle. Auch in dieser Geschichte. Dabei hat sie absolut nichts dafür getan. Ja, sie kann noch nicht mal schreiben. Mit großen Kulleraugen, roten Wangen und niedlichem Blick, mein Aussehen hat sie mir auch noch geklaut, ist sie einfach nur da. Und alleine schon deshalb liebe ich sie.

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