Auch ohne Sixpack kannst du es schaffen

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Neulich beobachtete ich interessiert zwei Männer im Fernsehen, die mit Pfeilen auf eine Scheibe warfen. Die Scheibe war in Ringe und Felder unterteilt. Je nachdem, wo die Pfeile landeten, gab es unterschiedliche Punktzahlen. Die höchste Punktzahl, die man mit drei Pfeilen erreichen konnte, war 180. Dazu musste man dreimal die „dreifach zwanzig“ treffen.

Die Männer, die an den Armen tätowiert waren, teilweise witzige Frisuren und rote, das heißt gerötete Nasen hatten sowie seidene Hemden wie Charly Harper in Two And A Half Man trugen, wurden von einem Haufen Zuschauern angefeuert, die im Hintergrund Bier tranken und entrückt jubelten. Die Szenerie erinnerte mich an ein Volksfest. Doch es war die Darts-WM. Darts mit einem „s“ am Ende.

Die Zuschauer waren teilweise als Ninjaturtles, Grinche, Jesus oder Pinguin verkleidet. Wenn einer der dicken Männer, die von den Kommentatoren ab und an auch als Profidartsspieler bezeichnet wurden, die „dreifach zwanzig“ traf, hielten nahezu alle Zuschauer ein Schild in die Höhe, auf dem „180“ stand.

Auf manchen Schildern stand auch einfach nur „Yeah“, „Jesus liebt dich“ oder „Phil, ich will ein Kind von dir“. So wie Phil „The Power“ Taylor aussah, bekam er eher ein Kind von einem seiner Fans. Als einer der Besten konnte man sich das wohl erlauben.

Einer der Spieler trug den Spitznamen „Snakebite“, weil das sein Lieblingsgetränk war. Ein anderer Spieler hieß Robert Thornton. Auf dem Rücken seines seidenen Hemdes stand der Spitzname „The Thorn“. Der Dorn. Da musste ich an Rocky Balboa denken. Der Vergleich ist nicht weit hergeholt. Auch die Darts-Profis laufen von leicht bekleideten Mädchen begleitet mit rockiger Musik in die Halle ein.

Doch während „Rocky“ fiese Russen und nicht ganz so fiese Schwarze mit fiesen Frisuren verprügelt hat, durch sibirische Wälder in Schuhen ohne warmes Innenfutter gejoggt ist, in Kühlkammern auf tief gefrorene Tierkadaver eingeprügelt und zehn Eier zum Frühstück verspeist hat, meint man beim Anblick von „The Thorn“, dass er zehn Guinness zum Frühstück verspeist, seine Frau in der Kühlkammer tief kühlt und noch nie vom Joggen gehört hat. Schon gar nicht in sibirischen Wäldern.

„The Thorn“ sieht ein wenig aus wie einer von den Wildecker Herzbuben. Oder, falls man die Wildecker Herzbuben nicht kennt, wie Rainer Calmund. „The Thorn“ gilt als Sportler und ist die Nummer neun in der Weltrangliste der Darts-Profis.

Ich finde ihn klasse. Denn „The Thorn“ und jeder der anderen Spieler gibt ein Versprechen an den „Durchschnittsmate“ an den Bildschirmen da draußen ab. Auch untrainiert kannst du es in den Sportolymp schaffen. Es muss nicht immer ein Sixpack sein. Schon gar nicht, wenn es kein Bier ist.

Was mich am meisten an diesem Sport fasziniert, ist die Präzision der Würfe, welche die Spieler im Sekundentakt abfeuern. Wenn einer die „Dreifach zwanzig“ treffen will, trifft er die „Dreifach Zwanzig“. Wenn einer die „Doppel Acht“ treffen will, trifft er die „Doppel Acht“. Um einen Punkt zu gewinnen, muss der Spieler immer das „Doppeltfeld“ am Ende treffen. Meistens klappt das.

Meine Frau betrachtete die Darts–WM am Anfang skeptisch.
„Was soll das für ein Sport sein? Zwei dicke Männer werfen abwechselnd Pfeile auf eine Scheibe. Na, toll.“
Da hat sie aber noch nicht das Archaische an der Sache gesehen. Dafür hätte es für sie ein anderes originäres Spektakel sein müssen.

Die Bügel-WM zum Beispiel. Wir sehen zwei Frauen die abwechselnd Blusen bügeln. Auf einer kleinen Scheibe. Mit drei Bügeleisen. Wenn sie es in drei Minuten schaffen, die Bluse glatt zu kriegen, halten die bierseligen Zuschauer ein Schild in die Höhe: „180“.

Oder die Wickel-WM. Zwei Frauen wechseln abwechselnd die vollen Windeln von Babys. Auf einer kleinen Scheibe. Um einen Punkt zu gewinnen, muss man am Ende zwei Windeln auf einmal wechseln. Wenn das gelingt, halten die Zuschauer Schilder in die Höhe, auf denen „Pooh Pooh“ oder „Doublecrap“ steht.

Oder mein Favorit, die Schmink-WM. Zwei Frauen laufen wie Boxerinnen mit rockiger Musik in die Halle ein, stellen sich abwechselnd vor einen runden Spiegel und schminken sich. Sie tragen seidene Hemden auf denen Spitznamen stehen. „The Flying Lipstick“, „Make Up Queen“ oder „The Glossinator. Eine der Spielerinnen trägt den Spitznamen „Latte Macchiato“, weil das ihr Lieblingsgetränk ist. Um einen Punkt zu machen, müssen sie ein so genanntes „Double Make Up“ schaffen. Sie müssen sich gleichzeitig die Lippen schminken und die Augenlider nachziehen.

Solange diese Spiele von Stefan Raab nicht erfunden werden, schaue ich weiter Darts. Meine Frau schaut mittlerweile mit. Sie hat womöglich das Potenzial des Sports entdeckt. Die besten Spieler verdienen Millionen.

Gestern hat sie mir eine Wurfscheibe, drei Pfeile und ein seidenes Hemd geschenkt. Auf dem Rücken des Hemdes stand „The lazy Wombat“. Ich würde keine schlechte Figur bei der Darts–WM machen, meinte sie. Vom Umfang her nähere ich mich langsam der Profiliga an. „Jetzt geh üben und komm erst wieder, wenn du dreimal hintereinander die „dreifach zwanzig“ getroffen hast.“ Puuh. Im Fernsehen sah das so einfach aus. Ich glaube, ich werde nie Millionär.

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