Versuch es morgen wieder

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Viele denken, Eltern zu haben, die ein Restaurant führen, ist toll. Man bekommt zu jeder Zeit etwas zu essen und kann sich immer das Lieblingsgericht von der Karte bestellen. Doch die Wahrheit ist ernüchternd. Denn meist werden die eigenen Kinder schlechter als die fremden Gäste behandelt.

„Papa, ich hab Hunger.“
„Hast du einen Tisch reserviert?“
„Nein.“
„Dann kann ich dir nicht helfen, mein Sohn.“
„Aber ich hab doch Hunger.“
„Versuch es morgen wieder.“

So ging es meinem Bruder und mir ständig in der Kindheit. Wenn das Restaurant unserer Eltern voll war, gingen wir mit leerem Bauch ins Bett. Am nächsten Tag versuchten wir telefonisch, einen Tisch zu reservieren.

„Restaurant Dalmacija, hallo?“
„Ja, hallo, Müller hier. Wir bräuchten einen Tisch?“
Wir verstellten die Stimmen, um unsere Chancen zu erhöhen.
„Sohn, bist du das?“
„Ähm, ja, Papa.“
„Was willst du?“
„Kriegen mein Bruder und ich zwei Plätze heute Abend?“
„Du weißt, dass nur zahlende Gäste einen Tisch reservieren können.“
„Wir zahlen auch, wenn es sein muss.“
„Ich kann doch von meinen Kindern kein Geld annehmen.“
„Aber verdammt, wir haben Hunger.“
„Versucht es morgen wieder.“

Mein Bruder und ich wurden immer dünner. Manchmal klingelten wir bei Nachbarn und fragten nach Eiern. Wenn sie welche hatten, baten wir sie, uns ein Omelette zu braten.

In der Schule wunderten sich unsere Mitschüler, warum wir so schwach und dürr waren.
„Wir haben scheiß Hunger!“
„Haben eure Eltern nicht ein Restaurant?“
„Ja, aber es ist nur für zahlende Gäste.“
„Ihr Armen, wir teilen mit euch. “

Sie gaben uns von ihren Vollkornbroten mit Leberwurst, Salami, Käse und sauren Gürkchen, die ihre deutschen fürsorglichen Mütter liebevoll für Sie bereitet und in Benjamin Blümchen oder Bibi Blocksberg Brotzeitboxen gepackt hatten. Mein Bruder und ich schluchzten und sehnten uns auch nach einer deutschen Mutter. Oder wenigstens Vollkornbrot. Mit Leberwurst. Salami. Und Gürkchen. Meinetwegen auch ohne Gürkchen. Und scheiß auf die Box. Eine einfache Semmel in Alufolie hätte es auch getan. Hauptsache etwas zu essen.

Ab und zu schafften wir es, unsere Stimmen so gekonnt zu verstellen, dass wir tatsächlich einen Tisch reserviert bekamen. Das Dumme nur war, dann wurden wir von dem einzigen Kellner des Ladens nie bedient.

„Herr Ober, die Karte bitte. Wir warten schon eine Ewigkeit.“
„Junge, noch ein Wort und ich verpass dir eine Tracht Prügel.“
„Eine Frechheit, ihr Service, hier gehen wir nie wieder hin.“
Der Kellner, der gleichzeitig unser Vater war, kam auf uns zu und schmiss uns raus.
„Aber wir haben scheiß Hunger, verdammt.“
„Versucht es morgen wieder.“

Manchmal war unser Magengrummeln so laut, dass wir jüngeren Kindern die Süßigkeiten klauten, damit es aufhörte. Am Schlimmsten war es an Weihnachten. Da hatte das Restaurant geschlossen und wir aßen Tannenzweige.

Ein, zwei Mal im Monat schafften wir es tatsächlich nicht nur einen Tisch zu reservieren, sondern auch eine Karte zu bekommen und sogar etwas zum Essen zu bestellen. Das Dumme nur war, dass das Essen dann nicht schmeckte.

Aber wie beschwerst du dich bei einem Kellner, der dein Vater ist, dass das Essen der Köchin, die deine Mutter ist, nicht schmeckt?

„Und, mein Sohn? Schmeckt es dir?“
„Wenn ich ehrlich bin: nein.“
„Willst du etwa sagen, dass deine Mutter nicht kochen kann?“
„Ist der Papst katholisch?“
Mein Vater schmiss uns raus.
„Aber wir sind deine Kinder und wir haben scheiß Hunger, verdammt!“
„Solche Gäste brauchen wir hier nicht.“

Zum ersten Mal in meinem jungen Leben begriff ich den Ausdruck „Ironie des Schicksals“. Unsere Eltern hatten ein Restaurant und wir verhungerten wie ein zu schwach geschossener Pass in einem Fußballspiel.

Verstoßen saßen mein Bruder und ich auf der Straße und lechzten nach etwas Essbaren. Manchmal war es so hart, dass wir Obdachlosen ihre Pommes klauten, um nicht zusammenzuklappen.

„Schlimmer geht es ja wohl nimmer“, sagte ich.
„Doch. Stell dir vor, die beiden hätten eine Arztpraxis“, sagte mein Bruder.
„Die würden uns ohne Termin verbluten lassen.“
„Und wir könnten keinen Termin machen, weil wir keine zahlenden Patienten sind.“

„Papa, ich wurde angeschossen.“
„Oh Gott, was ist passiert?“
„Vor lauter Hunger habe ich einem salafistischen Kind die Süßigkeiten geklaut.“
„Hast du einen Termin?“
„Nein.“
„Dann kann ich dir nicht helfen, mein Sohn.“
„Aber ich verblute, verdammt!“
„Versuch es morgen wieder.“

Am Ende überlebten mein Bruder und ich doch irgendwie diese ernährungsarme Kindheit. Den deutschen fürsorglichen Müttern und ihren leckeren Vollkornbroten sei Dank. Jetzt sind wir selbst Väter und versuchen es, besser zu machen. Wir geben unseren Töchtern immer brav zu essen. Aber nur, falls sie vorher telefonisch einen Tisch reserviert haben.

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