Halloween oder das schönste Gedicht der Welt

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Wir feierten also auch Halloween. Ich persönlich hätte mir das sparen können, aber meine Frau wollte unbedingt als Hexe verkleidet Süßigkeiten an Kinder verteilen.

„Dazu werde ich meinen Hexenhut aufsetzen“, sagte sie.
„Ach, Liebste, den brauchst du doch gar nicht“, sagte ich, als ich den Kürbis aushöhlte und kleine Stücke aus der Schale schnitt, damit der Rest ein gruseliges Gesicht ergab. Das Ergebnis war eher ein orangefarbener Smiley.

Viele regen sich ja auf über Halloween und klagen, dass die meisten Kinder und Eltern sich auf diesen heidnischen Brauch mehr freuen als auf christliche Traditionen wie Allerheiligen, den Buß- und Betttag oder die Kreuzigung eines unschuldigen Hippies, der aus Wasser Wein machen konnte.

Ich finde, dass diese Feiertage selbst schuld sind an ihrem Image und am Marketing arbeiten sollten. Gebetsbücher und kleine Kreuze mit Nägeln und Hammer, um unliebsame Dinge drauf zu nageln an Supermarktkassen wären da ein Anfang. Oder ein blutiges Gewand mit unbequemen Sandalen und einer Dornenkrone in einer Special-Jesus-Verkleidungs-Box, ja, ich glaube, dass würde Kindern Spaß machen.

Im Fernsehen noch ein paar Shows wie z.B. „Deutschland sucht den Supersünder“, „The Voice of Allerheiligen“, „Schlag den Christus“ und „Wer wird Herr oder Frau Vater Unser“ – eine Sendung ähnlich wie ein Wettessen, in der die Kandidaten ein Vater Unser nach dem anderen runterbeten, bis einem nach dem anderen schlecht wird, der letzte gewinnt und als frommer Hannes oder fromme Hanneline ins Guinness-Buch eingetragen wird – und ich bin überzeugt, dass Hallooween das nächste Jahr das Fest von gestern sein wird.

Noch war es nicht so weit. Noch war Halloween. Ich zog mir einen weißen Bademantel an und die Maske von dem Killer aus „Scream“. Meine Frau schminkte sich das Gesicht weiß und zog den Hexenhut an, den sie nicht brauchte. Am Hauseingang stellten wir den Kürbis und zwei Grabkerzen hin. Von wegen, wir gedachten nicht der Toten und vergaßen Allerheiligen. Wir gedachten, bevor es überhaupt Zeit war zu gedenken, so dass wir es morgen nicht machen mussten.

Wenn jemand klingelte, gingen wir wie folgt vor: Meine Frau öffnete die Tür und fragte, ob eines der Kinder ein Gedicht aufsagen konnte. Während die Kinder etwas vortrugen, sprang ich hinter der Tür hervor und baaah.

Das Erschrecken klappte prima. Am meisten erschrak immer unsere Tochter, die ihren eigenen Vater nicht mehr erkannte.
„Aber Kleine, ich bin dein Vater“, sprach ich durch die Maske und nahm sie ihn den Arm. Sie erschrak noch mehr. Ein Monster, das die Stimme meines Papas geklaut hat, dachte sie wohl.

Neue Opfer zum Erschrecken nahten. Was wir jedoch nicht bedacht hatten, wir lebten in Milbertshofen und aus irgendeinem Grund konnten die Kinder hier keine Gedichte aufsagen. Also sang uns eine Gruppe Mädchen „Happy Birthday to you“ vor. Solange, bis eines meinte, heute sei doch gar nicht Birthday, sondern Halloween. Dann sangen sie „Happy Halloween to you“. Das war sehr rührend, sage ich euch.

Ein Junge, der klingelte, meinte, er könne rappen. „Mein Style ist wie die Feuerwehr, ich rappe als ob meine Worte Feuer wären“, rappte er und wir fanden das so tight, dass er zweimal in die Süßigkeiten-Schüssel greifen durfte.

Dann kam der Höhepunkt. Drei Mädchen als Vampire verkleidet klingelten an der Tür.
„Mach auf, es klingelt“, sagte ich zu meiner Frau, die gerade unsere Tochter wickelte. Sie hatte sich in die Hose gemacht, aber ich versichere euch, ich hatte nichts damit zu tun.
„Ich kann nicht“, sagte sie und ich musste selbst die Tür aufmachen.

Ich drückte auf den Türöffner des Hauseingangs und blickte durch den Spion. Als die kleinen Vampire vor der Wohnungstür standen, machte ich das Licht im Flur aus und öffnete nur einen winzig kleinen Spalt die Tür. Ohne mich zu zeigen.

Zwei der Mädchen flüchteten sofort. Die Dritte wich verängstigt ein paar Schritte zurück und sagte mit zittriger Stimme: „Das ist nicht witzig.“
„Ich finde schon, dass das witzig ist“, sprach ich mit tiefer Stimme durch die Maske.
Sie wich noch einen Schritt zurück, doch ihr Drang nach Süßem war größer als die Angst.
„Hast du Süßes für mich?“, fragte sie.
„Hast du ein Gedicht, Geburtstagslied oder Rap für mich?“, fragte ich.
Und sie sagte, zumindest verstand ich das so: „Fick dich, du Hurensohn.“
Ich musste mir das Lachen verkneifen.

„Hast du gerade, fick dich, du Hurensohn gesagt?“
„Ja, das war mein Gedicht für dich“, sagte sie.
Da öffnete ich die Tür und baaah. Die Kleine schrie wie ein Mädchen und flüchtete.
„Liebster, du kannst doch die Kinder nicht so erschrecken“, sagte meine Frau, die hinter mir auftauchte. Sie nahm die Schüssel mit den Süßigkeiten und rannte den Kindern hinterher.

„Nicht wegrennen, ich hab Süßes für euch. Keine Angst, ihr Süßen. Das war nur mein Mann mit der Killermaske. Er macht nur Spaß und weiß nie, wann er zu weit geht“, schrie sie.
Ich kriegte mich nicht mehr ein und schnappte nach Luft. Dann ging ich zu unserer Tochter ins Zimmer. Gute-Nacht-Sagen. Baaah. Für alle, die jetzt meinen, ich sei ein Unmensch, meine einjährige Tochter so zu schocken, ich übernehme später mal die Therapiekosten – versprochen.

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