Sei ein Mann und weine

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Neulich ging ich mit meiner einjährigen Tochter zum Spielplatz. Wir setzten uns in den Sandkasten, begannen zu spielen und kriegten folgendes Gespräch mit. Also ich kriegte es mit, meine Tochter belauscht noch keine Fremden.

„Echte Männer weinen nicht“, und, „Weißt du, was eine Memme ist?“, sprach eine ältere Tante zu einem kleinen Jungen, der gerade vier oder fünf Jahre alt war. Mann, die wusste echt zu trösten, die Gute.

Der Junge weinte weiter. In aller Öffentlichkeit. Vor allen anderen Kindern. Was für ein tapferer kleiner Kerl, dachte ich. Seinen Gefühlen freien Lauf lassen, da könnten wir uns alle eine Träne von abschöpfen. Kindertränen – das wäre der Verkaufsschlager bei Rossmann.

Ich wollte schon zu ihm, ihn in den Arm nehmen und sagen: „Natürlich weinen echte Männer, komm, lass es raus, mein Kleiner. Heule dir die Tropfen aus dem Leib und wenn keine mehr da sind, spiel Fussball oder schmink deine Lippen rosa, zieh dir die Kleider deiner Oma an und rasier dir deine Beinhaare, blättere in Klatschmagazinen und träume von Prinzen auf weißen Pferden. Oder Prinzessinnen. Du darfst alles träumen, was du willst – außer vielleicht Serienkiller, Terrorist oder Politiker zu werden.

Und, weißt du, was eine dumme Kuhgansziege ist? Die doofe Tante, die dir sagt, dass echte Männer nicht weinen. Und wenn sie das tun, weinerliche Memmen sind. Scheiß auf die, du hast besseres verdient als Erziehungsmethoden aus den 30ern. Du hast mindestens Erziehungsmethoden aus den 90ern verdient.“

Ein anderer kleiner Junge setzte sich zu uns in den Sandkasten und fuhr meiner Tochter über die Wange. „Lass das, Puddi“, sagt die strenge Tante, die auf echte Männer stand und rügte ihn. Hätte er meiner Tochter lieber Sand in die Augen streuen sollen oder ihr eine reinhauen? Sie an den Haaren ziehen und kratzen? Nach ihrer Nummer fragen und sie nie anrufen? Sachen, die richtige Männer machen?

Ich wollte schon zu der Tante hin, sie in den Arm nehmen und sagen: „Ist es nicht besser, Jungen und Mädchen, beide gleich zu erziehen? Ihnen aufhelfen, wenn sie hinfallen, sie in den Arm nehmen, trösten, „Alles wird gut“ sagen, ihnen die zarte Seite des Daseins beibringen, Kekse backen, Kakao machen, Locken in die Haare wickeln, in hochhackige Schuhe stecken, sie laufen und hinfallen lassen, ihnen wieder aufhelfen und sagen: Dir gehört die Welt, mein Kind, wenn du genug Bares einstecken hast, verdammt gut aussiehst oder eine reiche Frau/einen reichen Mann heiratest?“

Doch die Tante wollte von der Art Pädagogik nichts wissen. Sie rief drei weitere Kinder zu Vernunft.
„Froop, Milram und Activia, hört sofort auf damit.“ Mir wurde klar, dass die Tante, so seltsame Ansichten sie auch hatte, es in der heutigen Zeit auch nicht gerade leicht hatte. Was für perverse Eltern benannten ihre Kinder nach Joghurtnamen?

„Hey, Sahne, nennen wir unsere Tochter Milram, wie unseren Lieblingsjoghurt. Höhö.“
„Höhö. Das ist eine tolle Idee, Leberwurst.“
Ein klassischer Fall von Kühlkettenunterbrechung. Ihr kranken Schweine, denkt ihr den keinen Schritt weiter?

Wenn Menschen wie Joghurt heißen, werden dann nicht auch bald Joghurts wie Menschen heißen?
Wird es dann nicht auch bald Hans, Klaus und Jürgen im Kühlregal geben? Den ein oder anderen sogar in Günther- oder Manfred-Geschmack.

Mann, war ich froh, dass unsere Tochter nicht wie ein Joghurt hieß, sondern Bounty. Ihr Köpfchen sah nach der Geburt aber auch wie eine Kokosnuss aus. Und sie war so süß wie Schokolade. Noch heute. Ich gab ihr ein Snickers. Sie lächelte. Höhö.

Der kleine Junge weinte immer noch.
„Jetzt hör endlich auf zu weinen, Exquisa-Keiner-Schmeckt-Mir-So-Wie-Dieser oder es gibt kein Mittagessen heute für dich“, rügte ihn die Tante erneut und es war um mich geschehen.

Ich rannte zu ihm und umarmte den armen Kerl voller Inbrunst. „Oh, mein Kleiner, weine ruhig, weine. Du kannst nichts dafür. Du hast allen Grund zu weinen. Die Welt ist scheiße und deine Eltern sind grausam. Was haben sie dir bloß angetan, diese dummen Kuhgansziegen. Bei diesem Namen würde ich auch weinen und nicht mehr aufhören. Weine, solange du willst, mein Junge. Und wenn du fertig bist, dann wischen wir dir die Tränen ab, füllen sie in Fläschchen, verkaufen sie bei Rossmann und schmieren dich aufs Brot, ja?“

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