Professor Richter Marilyn Xavier Monroe

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„Ich boxe sie da schon raus“, sagte mein Verteidiger und ich suchte nach den Boxhandschuhen in seiner Kanzlei.

In seinem blauen Poloshirt von Lacoste, der beigen Leinenhose und den Segelschuhen sah er nicht gerade aus wie ein Boxer, sondern vielmehr wie ein Lebemann, der Geld verdiente, indem er Mandanten versicherte, er würde sie da schon raus boxen.

„Meine Frau ist auch Juristin und sie meint, ich bekomme auf jeden Fall eine Teilschuld.“
Da könnte sie durchaus Recht haben, meinte er, schließlich wisse man nie, wie Richter entscheiden. Gerade dieser sei recht seltsam und unberechenbar. Na, dann.

Im Gerichtsaal nahm ich in der ersten Reihe Platz. Neben mich setzte sich der andere Angeklagte, ein älterer Herr, der offene Sandalen trug und biblisch wirkte. Wir schüttelten uns die Hand.

Seine Frau und ihre Schwester nahmen hinter uns Platz. Sie waren als Zeugen geladen, weil sie beim Unfall durch unser Überholmanöver verletzt wurden. Die Anklage lautete auf schwere Körperverletzung.

„Die beiden Angeklagten Herr Simic und Herr Tabula haben beide die durchgezogene Linie überschritten und dabei fahrlässig das Leben unschuldiger kroatischer Bürger aufs Spiel gesetzt“, sprach der Staatsanwalt und sogleich begannen Frau Simic und ihre Schwester wehzuklagen.
„Aua, Aua.“
„Meine Rippen.“
„Es tut immer noch weh.“
„Diese Schmerzen.“
„Aua, Aua.“

Der Richter befahl Ruhe und drohte, den Gerichtssaal zu räumen. Seine Wange zierte ein Muttermal wie seinerzeit Marilyn Monroe, nur dass ihm jeglicher Charme und Sexappeal derselben fehlte.

Vielleicht tat ich ihm Unrecht und er trug einen luftigen weißen Rock unter der Robe, der flatterte, wenn er über einem Lüftungsschacht stand und tanzte.

„Hören Sie auf mit diesem Blödsinn, Herr Tabula. Ich trage nichts unter der Robe“, sprach der Richter und ich dachte, Heilige Scheiße, der kann ja Gedanken lesen, ein wahrer Meister seiner Kunst. Respekt.
„Danke“, sagte er und begann mit der Befragung.

„Herr Simic, fühlen sie sich schuldig?“
„Jein.“
„Was soll das heißen: Jein?“
„Na, teilweise fühle ich mich schuldig und teilweise nicht.“
„Das gibt es nicht.“
„Kennen Sie dieses eine Lied von Fettes Brot?“, warf ich ein.
„Sie sind nicht an der Reihe, Herr Tabula.“

Ich verstummte, doch in meinem Kopf lief die Musik weiter. Täm täräm tä tä tä, soll ich’s wirklich machen, oder lass ich’s lieber sein.

„Hören sie auf zu singen.“
„Alter, spooky. Wie bei X-Men der Professor“, sagte ich.
„Kenn ich nicht“, sagte Herr Simic.
„Aua, aua“, begannen wieder die Frauen.
Der Richter klopfte mit dem Hammer. Wie Thor in Thor.
„Ruhe!“ Alle verstummten.

„Herr Simic, haben Sie die Linie überschritten, oder nicht?“
„Ja.“
„Sind sie in der Hinsicht also schuldig?“
„Ja.“
„Na, geht doch!“

Der Richter blickte zufrieden. Der Staatsanwalt applaudierte. Mein Verteidiger, der große Gatsby, whatsappte. Die zwei Frauen stöhnten laut auf. Aua, aua. Diese Schmerzen. Frau Simic schlug mir seitlich in die Schulter.

„Was ist mit ihnen, Herr Tabula?“
„Danke, mir geht es gut. Was ist mit Ihnen, Herr Richter?“
„Ich meine, betrachten Sie sich in der Sache als schuldig?“
„Ach, kommen Sie, wer frei von Sünde ist, der werfe den ersten …“ Tock. Ein Stein traf mich am Kopf.

„Herr Richter, wirklich?“
„Ich fahre Fahrrad.“
„Wie können sie dann einen Autounfall beurteilen?“
„Ich kann Gedanken lesen. Und nun beantworten sie die Frage: schuldig oder nicht?“
„Lesen sie es mir doch von meinen Hirnlappen ab.“
„Täm täram tät ä tä. Es ist 1996, meine Freundin ist weg und bräunt sich?“
„Richtiiiiiig!“
„Hören Sie auf mit diesem Gesinge und beantworten sie die Frage.“
„Na gut, lesen sie noch mal, Professor.“
„Fischers Fritz fischt frische Fische, frische Fische, hehe, kleiner Spaß: NEIN?“
„Richtiiig. Mann, Richter, mit der Gabe könnten sie im fernsehen auftreten.“
„Meinen Sie wirklich?“, fragte er.

Ich erklärte ihm, dass es in Deutschland eine großartige Sendung gab, in der man sein Supertalent zur Schau stellen konnte. Und jetzt mal ehrlich, was war überzeugender, als ein Richter, der Gedanken lesen konnte? Höchstens ein geiler Rap-Text vielleicht.

Plötzlich erhob sich der Richter vom Stuhl und lüpfte die schwarze Robe. Darunter offenbarte sich ein durchsichtiger weißer Rock. Er stellte sich über den Lüftungsschacht am Fenster und sang „Happy Birthday, Mr. President“. Der Rock flatterte. Der Staatsanwalt applaudierte. „Sie Schlawiner“, sagte ich. Mein Verteidiger whatsappte, während die Protokollistinnen alles festhielten.

Herr Simic blickte zu Boden auf seine Sandalen und fragte sich womöglich, ob sie ihre Schuldigkeit längst getan hatten. Seine Frau und ihre Schwester wehklagten und schimpften, dies hier sei alles eine Riesenschweinerei und ein Meer aus Lügen. Eine Farce.

Hierauf erhob sich Herr Simic und meinte, dass er seine Aussage von vorhin zurückziehen möchte und sich ab sofort auch als nicht schuldig sehe. Da sprach der allmächtige Herr Rauschebart vom Himmel: „Simic, du sollst nicht lügen und durchgezogene Linien überschreiten.“

„Ruhe!“, befahl ihm der Richter, Professer Marilyn Xavier Monroe. Dann klopfte er zum letzten Mal mit dem Hammer auf den Tisch und verurteilte Herr Simic zum Kauf neuer Sandalen.

Mich sprach er frei, aber nur unter der Bedingung, dass ich ihm einen Auftritt beim Supertalent verschaffte. Der Staatsanwalt applaudierte, die beiden Frauen wüteten. Sie umkreisten mich und begannen, an mir zu ziehen.

Ich wähnte mich bereits gesteinigt, als mein Verteidiger unerwartet seine Whatsapp-Nachricht an wen auch immer beendete und aus seinem Aktenkoffer Boxhandschuhe herausholte. Mit einer gekonnten Linksrechtsrechtslinkskombination schickte er beide Frauen auf die Bretter. Wahnsinn. K.O. durch K.O.

„Ich hab doch gesagt, ich boxe sie da raus“, sagte er und klopfte mir auf die Schulter. Ich versprach ihm eine saftige Honorarerhöhung. Ob ich wollte oder nicht, der Mann verstand sein Handwerk und war jede Kuna wert. Ohne ihn wäre ich in diesem Irrenhaus komplett aufgeschmissen gewesen.

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