Erkenne, dass du nix zu melden hast

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Ich lag mit meiner Frau auf der Couch und genoss die idyllische Zweisamkeit. Sie trank Bier, ich massierte ihr die Füße. Die Kleine schlief in ihrem Zimmer, die Katze wetzte die Pfoten an der Couch und zerstörte das Polster. Im Fernsehen lief „Modern Family“.

„Zwischen uns läuft es in letzter Zeit richtig gut“, sagte meine Frau.
„Finde ich auch.“
„Ich kann mich nicht erinnern, wann wir uns das letzte Mal gestritten haben.“
„Ich auch nicht.“
„Das liegt daran, dass du endlich zur Vernunft gekommen bist.“
„Natürlich.“

Das Massieren ihrer Füße hatte mich in einen Zustand der geistigen Leere versetzt. Ich stimmte ihr zu statt wie üblich zu widersprechen. Sie nahm einen Schluck Bier und redete weiter.

„Du hast eingesehen, dass du der Hauptschuldige für alle Streitereien bist.“
„Genau.“
„Du weißt jetzt, dass ich immer mit allem Recht habe, was ich sage und du besser auf mich hören solltest.“
„Klar.“
„Du hast erkannt, dass du hier nix zu melden hast.“
„Richtig.“
„Dass ich jetzt deine Herrin und Meisterin bin.“

Bei den Worten „Herrin“ und „Meisterin“ erwachte ich schlagartig aus dem meditativen Zustand und kehrte zurück zu meinem Konflikt-Ich. Es war wie bei den Pawlowschen Hunden und dem Speichelfluss, wenn sie die Glocke hörten – nur anders. Auf Autoritätsgerede reagierte ich allergisch.

„Ich habe weder eine Herrin noch eine Meisterin. Ich bin ein selbst bestimmter dichter Denker.“
Meine Frau richtete sich auf und gab mir die leere Flasche in die Hand.
„Sicher, mein kleiner Spinner. Glaub nur, was du glauben willst und hol mir noch ein Bier aus dem Kühlschrank.“
„Nenn mich nicht klein“, sagte ich, während ich mit der Fußmassage aufhörte und aufstand, um ihr ein neues Bier zu holen.
„Aber du bist klein. Wie kann ich sagen, „mein großer Spinner“, wenn du klein bist. Wie groß bist du? Eins dreißig? Eins zwanzig? Lassen sie dich überhaupt Achterbahn fahren bei der Größe?
„Hey!“
„Nein, wirklich. Bei der Größe könntest du locker den kleinen Bruder des kleinen Hobbits spielen.“
„Hör auf.“
„Liebster, nicht böse sein, aber du bist so klein, du könntest beim H&M in der Baby-Abteilung einkaufen. Und selbst die kleinste Hosengröße müsstest du noch kürzen lassen.“
„Jetzt reicht es aber.“

Ich kam zurück vom Kühlschrank und reichte ihr widerwillig die Bierflasche. Sie entfernte grazil den Kronkorken mit ihren Zähnen und nahm einen ordentlichen Schluck, auf den ein damenhafter Rülpser folgte. „Verkaufen sie dir überhaupt Bier im Getränkemarkt, so klein wie du bist?“ Das war genug.

„Und, was ist mir dir, du dicke Trulla? Passt du überhaupt noch durch die U-Bahn-Türen, so fett wie du bist.“
„Ich und fett?“
„Bei deiner Breite, Liebste, könnte der Flughafen München eine dritte Landebahn auf dir erbauen.“
„Das ist ja…“
„Dein Gesicht sieht aus wie der Mond. Weißt du, was passiert wäre, wenn du in den Fünfzigern geboren wärst?“
„Was?“
„Neil Armstrong wäre auf dir gelandet. Und beim ersten Schritt hätte er gesagt: „Das ist ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein gro… heilige Scheiße, es lebt.“

Sie erhob sich von der Couch und stellte sich breitbeinig vor mir auf. Das Bier in der Linken, die Rechte geballt zur Faust.
„Schluss jetzt, du Zwerg. Ich kann abnehmen, wenn ich will, während du immer so winzig klein bleiben wirst.“
„Wobei „kann“ in deinem Fall der Konjunktiv Irrealis ist.“
„Verdammt, ich bin nicht fett, ich ess´ nur gerne Schokolade.“
„Dieser Satz ergibt doch gar keinen Sinn. Das ist wie wenn ein Junkie sagt, ich bin nicht drogensüchtig, ich spritz mir nur gern Heroin.“
„Du musst es ja wissen, du Sprachgenie.“
„Hör ich da Ironie in deiner Stimme?“
Sie grinste.

„He, Mondgesicht, hör auf so zu grinsen, sonst ziehst du noch die Motten an.“
„Ich zieh gleich an was anderem, du Wicht.“

Sie begann, mich an den Haaren zu ziehen. Ich schrie wie ein kleines Mädchen und begann meinerseits, an ihren Haaren zu ziehen. Sie stöhnte wie ein Sumoringer.

Wir zogen und kratzten, schimpften und schrieen, fauchten, spuckten und krallten, traten uns mit den Füßen gegen die Schienbeine, bis ich ihr das Bier aus der Hand nahm und gegen die Wand knallte.

„Du Barbar, das war frisch aus dem Kühlschrank“, sagte sie, nahm meinen Laptop und zerschmetterte ihn am Boden.
„Du Zicke, da war mein Bestseller drauf gespeichert.“
„Von wegen. Ich tu der Welt einen Gefallen, damit sie diesen Scheiß nicht lesen muss.“
„Das ist ja…“

Ich nahm ihren Fön und Lockenwickler und schmiss beides ins Klo.
„Wenn ich mit dir fertig bin, wirst du beides nicht mehr brauchen.“

Sie nahm meinen Goethe und Schiller sowie das Gesamtwerk von Charlotte Roche und fing an die Seiten aus den Büchern zu reißen.
„Neeeein, nicht die Feuchtgebiete“, schrie ich und zündete den Stapel ihrer BUNTE-Sammlung an.

„Nein, nicht die Ausgabe, in der steht, dass Kate ein zweites Baby bekommt und Schweini sich von seiner Sarah getrennt hat.“

Dann flippte sie komplett aus. Sie nahm mir das Liebste und Teuerste auf der Welt und wollte es herzlos aus dem Fenster werfen: den Staubsauger.

„Lass „Entstaubi“ los. Er hat mit der Sache nichts zu tun“, sagte ich mit Tränen im Gesicht, als es plötzlich an der Tür klingelte. Es war schon nach zehn. Wer mochte das sein?

„Wir haben Krach gehört. Ist alles in Ordnung bei Ihnen?“, fragte die Nachbarin. Meine Frau und ich blickten uns an. „Alles bestens. Wir haben uns nur versichert, wie gut es bei uns in letzter Zeit läuft.“

Wir beruhigten uns und gingen zurück ins Wohnzimmer. Die Katze hatte inzwischen ein Loch ins Polster gerissen. Durch das Babyphon hörten wir ein Räuspern. Die Folge „Modern Family“ ging zu Ende. Eine tolle Serie übrigens. Dann trank meine schlanke Frau noch ein Bier, während ich ihr erneut die Füße massierte.

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