Du hast mich einfach so geflasht

17922495_s„Ich weiß genau, worum es geht, dass es sich nur um Liebe dreht.“ Anette Humpe

Als ob es nicht schon genug überflüssige Sendungen auf dem überflüssigen Sender RTL gibt, läuft jetzt auch noch die Bachelorette im Abendprogramm.

So ein Unsinn. Eine Show, in der zwanzig Männer um eine Frau buhlen, kannte ich bisher nur aus Pornofilmen. Nun läuft der gleiche Handlungsplot im Abendprogramm. Die Bachelorette – wenn man den Titel länger betrachtet, liest man Beutelratte.

„Ich wär echt gespannt, wie weit du kommen würdest“, sagt meine Frau, als wir die Vorschau zur Sendung sehen.
„Auf jeden Fall bis zum Buffet“, antworte ich und beiße in meinen Schokoriegel.

Einen Moment später rufe ich bei RTL an und frage, ob noch ein Platz frei ist in der Show.
„Witzig, dass sie anrufen“, sagt der Produktionsleiter, „einer unserer Kandidaten hat sich im Thailand-Urlaub einen Tripper geholt.“
„Und jetzt macht er nicht mit?“
„Doch, der schon. Aber ein anderer Kandidat ist abgesprungen.“
„AIDS?“, frage ich.
„Nein, Grippe.“

Prima. Dann könne ich ja mit.
„Prima!“, sagt der Produktionsleiter und schon am nächsten Tag sitze ich im Flieger nach Portugal.

Mit mir unterwegs neunzehn andere Männer. Alle durchtrainiert, alle tätowiert und alle mindestens zwei Köpfe größer als ich. Ich komme mir vor wie der kleine Hobbit unter einer Herde Orks. Gutaussehenden Orks.

Als wir in der Unterkunft ankommen, schaue ich mir die Traummänner genauer an. Ich versuche zu erraten, was das wohl für Typen sind, warum sie hier sind, um einen wegzustecken oder um wirklich die Frau fürs Leben zu finden, und welcher von ihnen sich in Thailand den Tripper geholt hat.

Vielleicht ja Tim, denke ich. Ach nee, der kratzt sich nur so am Sack. Und nippt an seiner Schnapsflasche. Wegen der Aufregung, sagt er.
„Alki“, niese ich in seine Richtung und nehme auch ´nen Schluck.

Dann rede ich mit Manu, der Jürgen Klopp-Kopie. Der ist hier, weil er gewinnen will. Außerdem kenne er nur ein Gas und das sei Vollgas. Ich erkläre ihm, dass es in der Liebe nicht ums Gewinnen gehe und überhaupt, Vollgas chemisch gesehen gar kein richtiges Gas sei. So gesehen, würde er gar kein Gas kennen und dass wäre ganz schön dumm von ihm.

Während Manu sich nachdenklich am Sack kratzt – hat er womöglich den Tripper – blicke ich zu Christian.
„Warum bist du hier?“
„Ich hör öfter, dass ich viel Scham habe“
„Wie bitte?“
„Viel Schaaam“, nuschelt er.
Dabei spricht er erneut Charme wie Scham aus und ich rate ihm, sich unten rum doch einfach zu rasieren, worauf er sich am Sack kratzt.

„Warum bist du denn hier, du Kasperl?“, fragt mich Thomas barsch, weil es ihn anpisst, dass ich alle anderen so blöd anpisse und ich antworte ihm, „Wegen dem Buffet, du Clown.“

Marc, der nahezu nur mit seinen Blicken kommuniziert, fasst mich am Arm.
„Ruhig, Kleiner. Das sind nur Hunde. Und es ist einfacher mit einem Haufen Hunde klarzukommen als mit einem Wolf. Wir beide sind Wölfe.“ Dabei schenkt er mir einen tiefen Blick in die Augen, um seine Aussage zu verdeutlichen.

Hm. Schon Henry Miller sagte, „Wahre Freundschaft unter Männern ist mehr als Liebe“ oder so. Ich antworte, „Wölfe sind scheiße. Ich bin mehr so der Katzentyp“, und verdeutliche meine Aussage mit einem Miauen. Damit verliere ich auch meinen letzten wahren Freund unter den gut aussehenden Orks. Egal, ich bin ja auch ein Hobbit und Orks sind doof.

Zur Einstimmung auf das erste Treffen mit der Bachelorette schaue ich mir ihr Begrüßungsvideo an.
„Hallo, ich bin die Anna, 25 Jahre alt, Schauspielerin und Musicalstar. Ich bin das Rampenlicht gewohnt und stehe gern im Mittelpunkt. Alles was mir fehlt, ist der richtige Mann an meiner Seite. Ich möchte in der Show jemanden kennen lernen, von dem ich so richtig geflasht werde, der mich so richtig umhaut und der sich so richtig in mich verschießt. Was meinst du, bist du das?“

Flashen und Umhauen kann ich, denke ich, aber mir fehlt die Knarre, um alle deine Wünsche zu erfüllen, süße blonde Anna.

„Alfredo, hast du vielleicht eine für mich?“ Alfredo kommt aus Italien und sieht mit seinen zurückgestrichenen Haaren und dem Dreitagebart wie ein Mitglied der Mafia aus. Er kratzt sich am Sack.
„Sorry, meine Mama hat meine Knarre konfisziert.“
Er lispelt.
„Deine Mama?“
„Ja, ich wohne immer noch bei Mama.“
„Wie alt bist du Alfredo?“
„Sechsundreißig“
„Und da wohnst du immer noch bei Mama?“
„Ja, in Italien ist normal. Bis man nicht die richtige Frau gefunden hat, wohnt man weiter bei Mama.“ Zum ersten Mal macht mich ein Mann sprachlos.

Dann ist es soweit. Der große Moment. Alki-Tim und ich sind die letzten, die mit einer schwarzen Limousine zur Bachelorette-Villa gefahren werden. Vor lauter Aufregung trinkt Tim auf dem Weg die ganze Schnapsflasche leer.

Als wir in die Einfahrt einbiegen und die Bachelorette erblicken, ist er hin und weg.
„Diese Frau, Alter. Die hat echt Eier, es mit 20 Typen aufzunehmen.“

Bevor ich ihm sagen kann, dass Eier bei einer Frau eher suboptimal sind, steigt Tim schon aus dem Wagen und übergibt sich vor den Füßen der Bachelorette.

Die ist begeistert.
„Wow, bin ich geflasht. Das hat noch nie ein Mann für mich getan!

Doch ehe Tim sie auch noch umhauen kann, sprinte ich aus dem Wagen und erledige das schön selbst. Wie ein Running Back im Football renne ich die Bachelorette über den Haufen. Dann leuchte ich ihr mit dem Blitz meines Smartphones tief in die Augen, damit sie auch von mir geflasht ist.

Die anderen Jungs kriegen das Durcheinander mit und stürmen aus dem Haus. Ich verdrück mich Richtung Buffet. Leider ist nicht mehr viel übrig außer paar Kräcker und die Guacomole, in die ich meinen Daumen dippe.

Als die Bachelorette von den Anderen ins Haus getragen wird, schaut sie mich böse an.
„Warum sollte ich dir nach der Aktion noch eine Rose schenken, du Arsch?“
Ich recke meinen grünen Daumen in die Höhe.
„Weil ich dafür sorge, dass sie nie verwelkt, Süße!“

Es folgt die Entscheidung. Marc, Tom, Tim und Jo bekommen Rosen, während Christian, Tobias und Sebastian leer ausgehen. Bei so vielen Kerlen hat sich die Bachelorette wohl nur die kurzen Namen gemerkt.

Als letztes stehen Alfredo und ich zur Wahl, eine Rose ist übrig. Der Druck steigt, ich muss dringend pinkeln. Alfredo oder ich. Alfredo oder ich. Ich ist von der Silbenzahl natürlich kürzer als Alfredo. Also rechne ich mir gute Chancen aus.

Außerdem wohnt Alfredo bei seiner Mama und kratzt sich erneut am Sack. Ha, das war ein Kratzer zu viel. Ich weiß nun, er ist der Typ mit dem Tripper.

Siehe da. Als ob die Bachelorette das ahnt oder weil sie einfach keine Lust auf Müttersöhnchen hat, und ich sie nach wie vor einfach umgehauen habe, entscheidet sie sich für mich. Ich trete zu ihr nach vorne.

„Mate, nimmst du diese Rose an?“, fragt sie und alle blicken gespannt auf uns.
Da räuspere ich mich, leck mir den Dip vom Daumen und winke ab.
„Nee, lass mal. Meine Frau geht morgen wieder arbeiten und ich pass auf die Kleine auf.“

Und überhaupt, irgendjemand muss doch daheim den überflüssigen Scheiß auf dem überflüssigen RTL schauen, um ihn nachher auf die Schippe zu nehmen.

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