Wir mögen keine Ohropax

„Wir dürfen jetzt nur nicht den Sand in den Kopf stecken.“ Lothar Matthäus

Was habe ich früher diese Wir-Pärchen gehasst. Diese Pärchen, die sich gleich anzogen, gleich aussahen und im Gleichklang immer wieder das Gleiche sagten: „Wir waren auf Mallorca im Urlaub, da haben wir eine ganz tolle Zeit verbracht, wir waren golfen, segeln, schwimmen, shoppen und…“ wahrscheinlich auch kacken, dachte ich.

Diese Wir-Pärchen, die alles gemeinsam erlebten, gemeinsam fühlten, gemeinsam dachten. „Wenn dir kalt ist, ist mir auch kalt. Wenn du das nicht magst, mag ich das auch nicht mehr. Wenn du nach Hause willst, geh ich auch, gehen wir. Zusammen.“

Oh Gott, oh Gott, oh Gott, dachte ich damals, nur nicht so werden wie die. Lieber vorher das Hirn rausnehmen lassen, der Wissenschaft spenden, brauchst du ja dann eh nicht mehr, wenn du so wirst wie die.

Und nun? Während der Flitterwochen ist was ganz Schreckliches passiert. Also ich und meine Liebste flogen nach Mallorca und nun glaube ich, dass ich und sie, nun ja, wir haben uns auch in so ein komisches Wir-Pärchen verwandelt.

Ganz plötzlich und unerwartet zwischen Ja-Wort und Hochzeitsnacht hat das Wir dem Ich und Du einen tödlichen Stich ins Pronomen-Herz gejagt und sich einen kühlen Sangria-Eimer am Ballerman sechs bestellt. Dann waren wir golfen, segeln, schwimmen und shoppen.

„Wir sind jetzt Mann und Frau“, sagte sie noch im Flugzeug und mir stellten sich sogleich die Nackenhaare auf. Musste ich die jetzt als Frau rasieren? Nein, halt, das war falsch: mussten wir die jetzt als Frau rasieren? Jetzt, wo wir Mann und Frau waren?

Jahrelang war ich auf der Suche, um mich und meine Männlichkeit zu finden. Und nun, als ich das Finden schon aufgeben wollte, weil das Gestrüpp im Wald des Maskulinen für meine stumpfe Heckenschere undurchdringlich schien, sollte ich mich nun auch noch mit den Wirrungen und Irrungen einer Frau auseinander setzen? Als ein wir? Wer sollte aus diesem verworrenem Labyrinth je wieder geistig heil und unversehrt herausfinden? Wer, wenn nicht wir mit einer neuen elektrischen Heckenschere aus dem Hornbach.

Doch frisch gestutzte Hecke hin oder her, was bedeutete das für meine Zukunft? Ich meine, für unsere Zukunft? Hieß es nun als Mann und Frau, gemeinsam einmal pro Monat bluten, Migräne kurz vorm Sex und nie die passenden Schuhe zu der Farbe der Socken? Mit nur einem Paar Sneaker war das aber auch eine Herausforderung.

Und was war mit ihr? Wuchsen ihr jetzt bald Haare aus der Nase, den Ohren, dem Arsch oder gar ein Riesen… – den Gedanken konnte ich gar nicht ausschreiben, so schrecklich fand ich ihn.

„Wir. Das heißt wir. So schrecklich fanden wir ihn, den Gedanken, heißt das richtig, so dass wir ihn nicht ausschreiben konnten“, korrigierte sie mich. Das heißt, wir korrigierten uns. Oh Gott, Oh Gott, Oh Gott, Seht ihr, was mit mir, das heißt mit uns für eine Scheiße bereits geschehen ist.

Mit Argusaugen wacht das eine wir nun über uns, während das andere wir diese Zeilen hier schreibt. Angsterfüllt und zögernd, um ja nichts falsches zu schreiben.

„So richtig, mein Schatz?“, fragt das eine wir das andere.

„Nein, nein, nein. Wir sind mit dem letzten Absatz nicht einverstanden. Wir wollen doch keine Unwahrheiten verbreiten und jetzt gehen wir schön der Kleinen die Windel sauber machen, während wir uns die Fingernägel lackieren.“

„Ja, spinnen wir. Wir lackieren uns doch nicht die Nägel und gehen wir doch selbst die Windel wechseln. Wir gehen lieber mit unseren Kumpels einen heben.“

„Aber nicht, dass wir zu viel heben. Wir wissen doch, dass wir nicht schlafen können, wenn wir schnarchen. Und wir schnarchen immer, wenn wir zu viel heben.“

„Ja, lecken wir uns doch am Arsch. Dann schlagen wir uns halt mit dem Ellbogen und stopfen uns Ohropax in die frisch rasierten Ohren, falls es uns nicht passt, wenn wir schnarchen.“

„Wir wissen doch, dass wir keine Ohropax mögen, dass wir Ohropax hassen.“

„Ach, seit wann das denn?“

„Schon immer, verdammt noch mal. Außerdem ist morgen ein wichtiger Termin beim Frauenarzt, da müssen wir nüchtern bleiben.“

„Wer muss nüchtern bleiben? Wir oder wir?“

„Jetzt reden wir aber Unsinn!“

„Nein, wir reden Unsinn. BlaBla. Wir wollen ihnen gar nicht mehr zuhören, so einen Unsinn redet ihr.“

„Halt. Stopp. Moment. Heißt das nicht sinngemäß richtig >reden wir<?“ Kurze dramaturgische Pause. „Hallooo? Hallooo wir? So bleiben wir doch stehen. Wo wollen wir denn hin?“

„Aufs Klo, kacken. Warum? Wollen wir etwa mit?“

„Nein, das machst du mal schön allein“, sagte sie und mir wurde klar, dass es auch für Wir-Pärchen nach wie vor Örtchen auf der Welt gab, wo man noch ganz Ich sein konnte. Und vielleicht fand man dort ja eines Tages auch wieder sein Selbst neben der Schüssel.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s