Gib mir was, das ich gebrauchen kann

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„Willst du mich immer noch heiraten?“, fragte sie und ich fragte mich, was wohl vorfallen müsste, dass ich es nicht mehr wollte. „Ja, ich will“, sagte ich und übte schon einmal für morgen.

„Ich will, ich will, ich will.“

Sie hatte Angst, die entscheidenden Worte vor lauter Aufregung, Freude und Heiratsfieber nicht raus zu bringen. „Dreimal zuvor habe ich bereits versagt und dem Bräutigam vorm Altar stehen lassen“, scherzte sie.

Ich meinte, dass das diesmal nicht passieren wird. „Dreimal zuvor wurde ich nämlich stehen gelassen, weil die Braut die entscheidenden Worte nicht raus gebracht hatte. Zur Not werde ich diesmal meine Stimme verstellen und mir selbst das JA-Wort geben. Als Mann und Frau muss man schließlich zusammenhalten“, sagte ich. In guten wie in stummen Zeiten.

Dann küssten wir uns. Und liebten uns. Und schliefen Arm in Arm ein. Durch das Babyfon hörten wir das verträumte Atmen unserer Tochter. Sie träumte womöglich vom verträumten Atem ihrer Eltern. Es war die Nacht vor der Hochzeitsnacht. Die Katze schlief auf der Couch und träumte womöglich von Truthahn in Gelee.

Das Kleid war gekauft und der Anzug stand parat. Kurz vor sechs klingelte der Wecker. Sie duschte sich, zog sich an und packte alles ein. Schuhe, Strümpfe, Hochzeitskleid. Wir frühstückten ein letztes Mal in wilder Ehe. „Grrrr, mein Kätzchen“, wollte ich ihr ins Ohr raunen, war aber zu müde, um überhaupt bis zum zweiten r zu kommen.

Sie war so aufgeregt und aufgedreht, dass sie nur und immer wieder leise fiepend „Ich liebe dich“, „Ich liebe dich“ und noch einmal „Ich liebe dich“ sagte. Das ging so weiter bis das Taxi kam und sie zum Laden meiner Schwägerin fuhr – für Schmuck, Make Up und Frisur.

Das Salz in der Suppe des Lebens

Ich machte mir noch einen Kaffee und hoffte, dass sie nach der Hochzeit wieder zu alter kommunikativer Stärke finden würde. Dass ich nach der Hochzeit zwischen all den Liebesbekundungen auch mal wieder ein „bring den Müll raus, du Arsch“, „putz das Klo, du Affe“ und „du gefühlskalter Drecksack, immer denkst du nur an dich“ zu hören bekam. Ja, warum auch nicht, Freunde. Ein starker Spannungsbogen war das Salz in der Suppe des Lebens.

Beziehungsweise das Geschrei eines Babys. Die Kleine wurde wach und ich wechselte ihr die Windel, gab ihr ein Fläschchen zu trinken, wechselte ihr die Windel, gab ihr ein Breichen zu essen, wechselte erneut das Windelchen, kleidete sie in ihr Hochzeitskleidchen und nahm im Anschluss ein Duschchen. Ich pustete durch, Diminutive konnten ansteckend sein.

Viertel vor zehn war der Hochzeitstermin. Halb neun wollte mein Bruder da sein. Kurz vor neun war er immer noch nicht da. In meinem Ohr hörte ich das Miauen der Katze, das Glucksen des Babys und die Stimme meiner Freundin: „Bitte sei vor mir am Standesamt, ja?“ Gerne, Liebste, aber wie?

Ich wusste nicht einmal, wie man eine Krawatte band und das war eine kleine Schande. Denn obwohl wir Kroaten die Krawatte erfunden hatten, lernte man andere Dinge von kroatischen Vätern als Krawatte binden. Kochen, Schnaps brennen, auf Gott und Mutter fluchen zum Beispiel.

Vor dem Spiegel stehend versuchte ich mich zu beruhigen und sprach ein paar aufmunternde Worte zu mir. „Ja, ich will“ „Ich liebe dich“ und „der Hausmüll hat den Zielort erreicht, Schatz.“ Dann dachte ich an all die Dinge, die mir Vater beigebracht hatte. Vergeblich, kein Windsor-Knoten in Sicht.

Bevor ich vollends abdrehte kam mein Bruder und erlöste mich. Er band fast gerade meine Krawatte, steckte mir die Manschettenknöpfe an und fragte mich, ob ich mich schon auf die kleinste Handschelle der Welt freue. Damit meinte er den Hochzeitsring. Haha, meinte ich und fragte ihn, ob er da aus Erfahrung spreche. Er sagte, nein. Seit zehn Jahren war er nun verheiratet und bereue es keinen einzigen Tag.

Na, dann. Mit Baby, Hochzeitsringen und klopfendem Herzen fuhren wir zum Blumenladen um die Ecke. Der Brautstrauß kostete fünfzig Euro. Die stinkenden Floristinnen, die, dachte ich. Und all die anderen auch. Sobald in den letzten Wochen jemand „Hochzeit“ aus unserem Mund hörte, funkelten die Eurozeichen in seinen Augen. Dabei war der Rettungsschirm gar nicht über uns gespannt. Und wenn schon, dachte ich. Die Kunst glücklich zu sein bestand darin, nicht über Geld nachzudenken. Erst recht, wenn man keines hatte.

Wir fuhren weiter zum Standesamt. Natürlich kam ich nach ihr an. Sie wartete bereits und ihrem angespannten Ausdruck nach zu urteilen, hatte sie selbst das „Ich liebe dich“ verlernt. Vielleicht erinnerte sie sich ja wieder an „Du Arsch“ oder so. Ich irrte mich.

Sehr, sehr geil

Weil ich so schick angezogen war, verzieh sie mir meine Unpünktlichkeit. Und weil sie so atemberaubend umwerfend angezogen war, verliebte ich mich erneut in sie.
„Du siehst sehr, sehr geil aus, Liebste“, sagte ich.
„Wie sehr, sehr geil?“, fragte sie.
„So sehr, sehr geil, dass, wenn ich dich nicht gleich heiraten würde, ich dich fragen würde, ob du mich gleich heiraten würdest.“

Obwohl trübe Wolken den blauen Himmel versteckten, bedeckte ein strahlendes Lächeln ihr Gesicht. Und meins. Wenn sich etwas richtig anfühlte, dann fühlte sich etwas richtig an. Die richtigen Worte zur richtigen Zeit taten ihr übriges. Gleich war es soweit. Wir reichten der Orgelspielerin eine CD mit drei Liedern. Den Soundtrack unserer Liebe.

Als wir in den Trausaal einzogen, spielte sie auf unseren Wunsch als erstes „Sky and Sand“. Zuvor versicherte sie uns, dass sie das richtig gut machen werde. Ich fragte mich, was man beim CD-Einlegen und auf den Play-Knopf drücken falsch machen konnte.

Paul sang, dass wir Schlösser im Himmel und im Sand bauten, unsere eigene Welt gestalteten und diese kein Ende hatte, solange wir gemeinsam flogen. Und wir flogen. Und lachten. Und weinten ein wenig. Vor Rührung und Freude und Liebe und Heiratsfieber überhaupt.

Der große Eisklotz im Arsch der Standesbeamtin verhinderte, dass sie richtig auftaute. In zehn Minuten war die nächste Trauung und sie fürchtete wohl um ihren pünktlichen Feierabend. Dem Zeitplan hinkte sie bereits hinterher. Vielleicht wegen dem Eisklotz.

Lieblos trug sie das vor, was sie von Amts wegen zu sagen hatte. Dann rezitierte sie ein eigentlich schönes Liebesgedicht so träge, dass die warmen Worte aus ihrem Mund ziemlich hässlich und kalt klangen.

Zum Glück machte die Orgelspielerin ihren Job richtig gut, Clueso sang „Auf Kredit“. Weil meine Freundin und ich nichts mit dem Scheiß der Standesbeamtin anfangen konnten, gaben wir uns etwas, was wir besser gebrauchen konnten. Wir trauten uns.

Die Nächte davor und danach

Das Ja-Wort kam uns reibungslos und leichtmundig über die Lippen, so dass es von keinen Seiten Einwände gegen unsere Bindung gab. Alle klatschten Applaus. Sogar unsere kleine Marie. Endlich ein anständiges Elternhaus, dachte sie wohl und wann steht das nächste Windelchenwechseln an.

Wir wechselten die Ringe und Thees Uhlmann begleitete uns dazu. Meine Liebste unterschrieb die Heiratspapiere mit Tabula als Nachname. So geschmeidig wie das aussah, musste sie das die letzten Wochen fleißig geübt haben.

Beim Auszug schlugen unsere Herzen häufig. Noch häufig würden wir gemeinsam himmelwärts blicken, dachte ich, noch häufig gemeinsam aufstehen und uns darauf freuen. Wir waren jetzt Mann und Frau und mehr gibt es eigentlich auch nicht mehr dazu zu sagen.

Außer vielleicht, dass mein Vater fast zu spät zur Feier gekommen wäre, weil ihm sein Vater nicht beigebracht hatte, wie man schnell einen anständigen Parkplatz in München findet. Aber das musste Opa ja auch nicht, denn damals auf dem Dorf in Kroatien gab es nur Traktoren und das Auto hatte eine andere Nation erfunden.

Beim Torte anschneiden hatte meine Frau die Hand als letztes am Messer, was, wie mir erklärt wurde, bedeutet, dass sie in der Ehe die Hosen anhaben werde, was mir wiederum egal war, weil ich das schon vorher wusste und daheim eh lieber in Boxershorts rumlaufe.

Was die Hochzeitsnacht betrifft, die war weitaus unspektakulärer als erhofft. Während ich müde und glücklich einschlief, spielte meine Liebste Candy Crush. Und das war völlig in Ordnung so, denn wir wissen beide schon eine ganze Weile, dass es nicht auf die Hochzeitsnacht ankommt, sondern die vielen Nächte davor und danach.

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