Lächle wie ein junger Surfer

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Aloha. Surfurlaub mit den Jungs, wie habe ich mich darauf gefreut. Am Donnerstag war es soweit. Entspannter Laune und mit jede Menge guter Erwartungen fuhren wir zum Flughafen nach Memmingen, tranken zwei Bier, checkten zeitig ein, passierten die Sicherheitskontrolle, stiegen gesund in den Flieger und drei Stunden später, tja, stieg ich mit Schnupfen, Hals- und Gliederschmerzen wieder aus. Bei Ryan Air ist das aufgrund des absurd kalten Klimas in der Kabine inklusive. Quasi umsonst. Alles andere kostet extra.

Essen kostet extra, Trinken kostet extra und wenn du die Temperatur hochdrehen willst, damit du bei einem Absturz nicht als Eiszapfen stirbst, dann kostet das auch extra. Bei einer Notlandung stellen die einem wahrscheinlich auch die Sauerstoffmaske und die Schwimmweste in Rechnung.

Aktuell gibt es ein tolles Spezial-Angebot: Wenn du Sauerstoffmaske und Schwimmweste vor einem möglichen Absturz kaufst, kriegst du fünf Lotterielose gratis dazu. Eine Million Euro der Hauptgewinn. Wer weiß, mit etwas Glück, kurz bevor du stirbst, rubbelst du dich zum Millionär. Da geht es sich natürlich reicher ins Jenseits. Falls du nicht vorher erfrierst.

Bei Erfrieren und Tod muss ich ein wenig an meine Mama denken. Letzte Woche waren wir bei der Beerdigung meiner eingeheirateten Tante. Die Sonne schien und ein leichter Wind wehte. Während alle mit trauern beschäftigt waren, war meine Mama einzig damit beschäftigt, mir zu sagen, ich solle mir eine Jacke anziehen.

Was hätte ich dafür gezahlt, wenn sie auf dem Hinflug mit mir im Flieger gesessen wäre. Sie hätte die gefährliche Lage, in der ich mich befand, sofort erkannt und mir eine warme Decke gereicht. Aber das Problem ist: meine Mama kann gar nicht surfen und so ist sie daheim geblieben. Genau wie meine Liebste und unsere Tochter.

Die plagen sich gerade auch mit Schnupfen und Halsweh herum, also hat mein Zustand vielleicht doch nicht mit dem Kabinenklima bei Ryan Air zu tun, sondern damit, dass mir Marie zum Abschied in den offenen Mund gehustet hat. Kinder machen so was gerne.

Wenn ich jetzt nicht hier an der Algarve wäre, sondern bei Ihnen daheim, könnten wir gemeinsam um die Wette husten, Nasenspray inhalieren und die Heizung hochdrehen. Ich vermisse die beiden. Und ich weiß, sie vermissen mich.

Hier in der Surflodge gibt es keine Heizung, kein Nasenspray und die Zimmer sind feucht wie die Luft am Atlantik. Heiß duschen ist auch nicht drin, weil einfach zu wenig Druck auf der Leitung und der Duschkopf dicht ist. In die Toilette darf man kein Klopapier werfen, weil die Rohre verstopft werden könnten. Ärgerlich, ist das doch meine Lieblingsbeschäftigung zu Hause.

Die Jungs und alle anderen sind ausgeflogen, um ein paar Wellen zu surfen. Keiner ist da, der mich bemuttert. Einzig ein junger Surfer, der nach jedem von mir gesprochenen Satz „mega“ sagt und mich anlächelt, als ob Buddha sein Vater sei.

Große Träume auf dem Rücken

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„Wie war der Flug?“, fragt er und lächelt.
„Scheiße“, sage ich und huste.
„Mega. Was ist passiert?“, sagt er und sein Lachen erstrahlt den ganzen Raum wie eine Sternschnuppe den portugiesischen Nachthimmel.
„Hab mir wegen der Klimaanlage im Flieger eine Erkältung geholt“, sage ich und mein Husten hört sich an wie das von Walter White in Breaking Bad.
„Mega. Warum hast du keine Jacke getragen?“
„Weil meine Mama nicht neben mir saß, um mich daran zu erinnern.“
„Wenn du willst, mache ich dir eine Wärmeflasche“, sagt er und meint es auch so.

Der Kerl ist so nett und lächelt so selig, der würde ihn Deutschland bestimmt zusammengeschlagen werden. „Hier gibt es nichts zu lächeln“, würden die Leute sagen und ihn zu Boden werfen. Er würde einfach am Boden liegen bleiben, zum Himmel schauen und mega sagen.

Auf seinem Rücken hat er einen Surfer tätowiert, der unter dem Arm ein Brett trägt und aufs Meer blickt. Der Surfer ist sein Bruder. „Mein Bruder hat das gleiche Motiv auf seinem Rücken, das mich zeigt.“, erzählt er und reicht mir mir eine Wärmeflasche. Mir kullert beinahe eine Träne aus der triefenden Nase. Hollywood Kinderplanschbecken dagegen.

„Wenn er sein Studium abgeschlossen hat, macht er Karriere und finanziert uns unsere Träume“, sagt er, hat ihm sein Bruder versprochen und ich sage „mega“. Besser erfinden könnte ich die Geschichte nicht.

Ich glaube, der junge Surfer würde mit seinem Lächeln selbst im Ryan Air Flieger gratis Schwimmwesten, Sauerstoffmaske und Lotterielose bekommen. Wenn er mitgeflogen wäre, hätte er mir auch bestimmt gesagt, ich solle mir meine Jacke anziehen, weil die Klimaanlage absurd kalt eingestellt ist. Wenn ich keine gehabt hätte, hätte er mir seine gereicht. Und wenn er die Million frei gerubbelt hätte, während wir abstürzen, hätte er mit mir geteilt. Wie Buddha, Freunde. Jetzt weine ich richtig, weil ich so schrecklich husten muss.

Ich beobachte ihn, wie er das Abendessen macht und frage mich, ob ein Mensch einen tieferen Entspannungsgrad als er überhaupt erreichen kann. Der Kerl wandelt diesseits im Nirvana. Er ist vollkommen bei sich, im Moment und glücklich. Ich achte auf seine Gesichtszüge und beginne diese nachzuahmen. Meine Mutter und meine Liebste sind zwar nicht da, aber ich bin doch nicht allein, denke ich und erkenne. Auch wenn ich nicht daheim bin, irgendwo auf der Welt ist immer jemand, der es ehrlich gut mit dir meint. Und dich anlächelt. Lächle zurück und gleich geht es dir besser.

 

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