Versetz dich in deinen Gegenüber

23297329_sMein Therapeut riet mir, ich solle mich nicht immer so aufregen über die Menschen. „Wenn sie das nächste Mal in eine heikle Situation geraten, atmen sie ruhig weiter, Herr Tabula und versetzen Sie sich in die Lage ihres Gegenübers. Sie werden sehen, das wirkt Wunder.“

Heute bei der Post versuchte ich es. Es war kurz vor zwölf. Auf der einen Seite des Schalters stand eine Postbeamtin, die so langsam die Briefe frankierte, dass ich schon nach der versteckten Kamera suchte. Auf der anderen Seite stand ich. Mit 39 Hochzeitseinladungen, die frankiert werden mussten. Eine zentralen Frage ging mir durch den Kopf: Würde die Postbeamtin das bis zur Hochzeit schaffen?

In Zeitlupe zählte sie die Einladungen ab, so dass ich sie ihr schon aus den Fingern reißen wollte. Begleitet von den Worten: „Geben sie schon her, sie unfähige Schnecke.“

Aber halt. Ich erinnerte mich an den Rat meines Therapeuten und atmete ruhig weiter. Ich versetzte mich in mein Gegenüber. Was mochte die Postbeamtin für ein Mensch sein?

Je länger ich sie betrachtete und bei ihrem Arbeitstempo hatte ich eine Menge Zeit, das zu tun, desto sicherer wurde ich mir, dass die Deutsche Post ihre Mitarbeiter aus Behindertenwerkstätten rekrutierte.

Dieser leere Blick, der offene Mund, die deplatzierte Schminke der Frau deuteten auf einen Defekt hin. Leichter Autismus, Asperger vielleicht.

„Welche Briefmarken hätten sie gerne?“, fragte die Postbeamtin, ohne mich direkt anzuschauen – ein weiteres Zeichen dafür, dass meine Theorie durchaus zutreffen konnte.

Zu Ostern gab es eine Sonderedition: Mitarbeiter der Deutschen Post als Ostereier verkleidet – ganz langsam hart kochende.

„Nehmen sie die, die ihnen am besten gefallen“ sagte ich, weil, wer klebt, der wählt, dachte ich. Gleichzeitig wollte ich damit der Postbeamtin eine kleine Freude machen. Sie hatte es bestimmt nicht einfach mit ihrer Behinderung. Da musste ich ihr nicht unnötig das Leben erschweren.

Sie händigte mir die Osteredition aus und sagte dann in Zeitlupe, ich solle ihr die Briefe bringen, wenn ich fertig mit Bekleben bin.

Spätestens jetzt wäre mein altes untherapiertes Ich explodiert und hätte gefragt, ob die Deutsche Post den Mitarbeitern den Speichel wegrationalisiert hat oder was die Scheiße jetzt soll.

Mein neues Ich allerdings versetzte sich erneut in sein Gegenüber. Die arme Frau, bestimmt ist sie gar nicht in der Lage, Briefe zu bekleben, fällt immer in Ohnmacht, wenn sie ihre eigene Spucke sieht und überhaupt, wie schrecklich musste es sein, mit Autismus bei der Post zu arbeiten.

„Kein Problem, ich mach das für Sie“, sagte ich langsam, jede Silbe einzeln betonend und zwinkerte ihr zu. Sie ignorierte mich. Ich zeigte Verständnis, Autisten waren halt so.

Als ich fertig war, ging ich zurück zum Schalter. Die Postbeamtin würdigte mich keines Blickes. Konzentriert starrte sie in den Monitor vor ihr und bearbeitete das Anliegen des nächsten Kunden.

Früher hätte ich „fiese Bitch“ gedacht, „weißt du nicht wie Kommunikation funktioniert?“ Aber jetzt bewunderte ich die Achtsamkeit, mit der sie ihre Arbeit verrichtete. Ich fragte mich, ob sie das beim Körbe flechten in der Behindertenwerkstatt gelernt hatte.

Behutsam legte ich die Briefe neben sie auf den Schalter. „Ich lege die Briefe da hin, ja?“, sagte ich leise, langsam und erneut jede Silbe einzeln betonend, damit sie mich auch verstand. Wer weiß, vielleicht litt die Frau nicht nur unter Asperger, sondern auch noch unter Taubheit.

Nachdem eine Reaktion ausblieb, wusste ich nicht so recht, ob die behinderte Postbeamtin bemerkt hatte, dass die Briefe nun neben ihr lagen. Ich wartete geduldig und atmete ruhig weiter. Ein und aus. Ein und aus.

Was, dachte ich, wenn sie auch noch blind ist? Schrecklich, eine blinde, taube Autistin, die bei der Post arbeitete. Konnte das Schicksal einen schlimmer bestrafen. Da fällt ihr eine Packung Zahnstocher auf den Boden und sie kann nicht auf den ersten Blick sagen, wie viele Stück da liegen.

Ganz, ganz langsam tauchte hinter ihr eine andere Postbeamtin auf und ich suchte an der Wand nach den olympischen Ringen oder irgendeinem anderen Hinweis, dass es sich hier um die Paralympics handelte. Disziplin: Meditation im Stehen.

Ich wollte sie schon anfeiern: Kommt schon, ihr beiden, noch einen Atemzug mehr und ihr seid am Ziel. Eine Medaille in geistiger Leere ist euch sicher.

Da geschieht eine überraschende Wendung. Als ich nach den frankierten Briefen greifen und sie der anderen behinderten Postbeamtin geben will, erwacht die erste behinderte Postbeamtin aus ihrem Autistenschlaf.

„Lassen sie die Briefe hier, verdammt“, sagt sie und ich klatsche in die Hände. Toll, denke ich. Autisten sind ja nicht gerade für ihre Gefühlsausbrüche bekannt, das hier muss ein echter Fortschritt sein.

„Sie haben nicht reagiert, da dachte ich, sie hätten nicht gesehen, dass ich die frankierten Briefe vor Sie hingelegt habe“, erkläre ich mich und betone dabei jede einzelne Silbe laut und deutlich.

Zuum ersten Mal blickt mir die Postbeamtin direkt in die Augen und ich erkenne, dass sie gar nicht autistisch ist, noch blind oder taub.

„Ja, sehen sie denn nicht, dass ich gerade einen anderen Kunden bediene?“

Ich vergesse das ruhige Atmen, das Sich Versetzen in meinen Gegenüber, das Blut steigt mir in den Kopf und ich wandere ganz zu mir zurück. Zu meinem alten Selbst.
„Lecken Sie mich doch kreuzweise“, sage ich.
„Es ist nicht fair, einen auf behindert zu machen, wenn man gar nicht behindert ist.“

Ganz, ganz langsam strecke ich ihr meinen Mittelfinger entgegen und verlasse in Zeitlupe die Behindertenwerkstatt. Wobei ich mich gleich für den Vergleich entschuldige, der ist ziemlich diskriminierend – gegenüber allen Behinderten. Die haben garantiert mehr drauf als diese Postbeamtin.

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