Boyz N The Munich Hood

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Ich lebe in einer schönen Wohnung. Die Zimmer sind hell, die Räume warm und der Garten blüht im Frühling grün. Der einzige Knackpunkt ist die Lage.

Die Wohnung liegt im Hexenkessel Münchens, im Brandherd der Stadt, im Ghetto von Milbertshofen.

Na gut, von Ghetto zu sprechen ist womöglich ein wenig übertrieben. Selbst die schäbigste Ecke der Stadt geht wahrscheinlich woanders noch locker als Edelviertel durch, sagen wir mal in Berlin, Köln oder Hamburg, aber darum geht es jetzt nicht.

Durch die Straßen meiner Nachbarschaft tigern breitbeinig kleine Gangster mit schwarzen Kapuzenpullis rum. Sie haben zwar noch nicht mal Haare am Sack, aber dafür schon jede Menge Dreck am Stecken.

Eigentlich würden sie mir total am Arsch vorbei tigern, wenn ich mit ihnen nicht im gleichen Viertel wohnen würde. Langsam beschleicht mich das Gefühl, ich gehöre nicht hierher. Ich bin einfach nicht hart genug für die Scheiße hier.

Ich hab keine Tattoos an den Armen, keine Narben im Gesicht, kein Vakuum im Kopf*. Ich setze in Sätzen die Artikel richtig und weiß, dass obwohl es auf ihr steht, die Dönerspießmaschine beim Türken um die Ecke nicht wirklich „Der Gerät“ heißt.

Bist du aber zu schwach, ist das Viertel unerbittlich zu dir. Es schluckt dich, zerkaut dich und spuckt dich wieder aus – als Dönerspieß.

Hier ist es wie auf dem Innenhof eines Gefängnisses. Die Mithäftlinge spüren deine Schwäche, deine Angst, sehen, dass du keine Tattoos und Narben hast, ahnen, dass du weißt, dass es nicht „Der Gerät“, sondern „Die Gerät“ heißt und zack.

Bevor du „Gerät“ überhaupt durchdeklinieren kannst, stehen diese vorpubertären Schwörer mit ihren schwarzen Kapuzenpullis und dem vakuumierten Kopf breitbeinig in deinem Garten und machen dich zu ihrem Goldfischchen, wollen, dass du ihnen die Seife hochhebst, die Alufelgen ihres tiefergelegten Modell-Dreier-BMWs polierst oder das Schlimmste, ihnen Nachhilfe in deutscher Grammatik gibst. Der blanke Horror sag ich euch.

Neulich haben sie meinen Härtegrad schon ein wenig angetestet, geprüft, wie zäh oder weich mein Fleisch ist. Während meine Liebste und ich im Wohnzimmer saßen und unsere Kleine bei ihren ersten Krabbelversuchen beobachteten, schlich sich so ein pubertierender Ghettogangster in unseren Garten. Im letzten Moment sah ich, wie er die Zigarettenschachtel und das orangene Feuerzeug vom Tisch in seine Tasche steckte.

„Die Sau, der klaut uns die Kippen“, schrie ich.

Meine Liebste drehte sich um und sah noch den Schatten des dreisten Diebes.
„Schnapp ihn dir, den Scheißer“, sagte sie. „Ich will, dass du ihn mir bringst, damit ich ihn in Stücke reißen kann.“

In ihren Augen loderte Wut und Hass. Ich sah die Fürstin der Finsternis, die Chefin des Blocks, die Gouvernante der Hood.

Ich sah, dass sie nicht zu schwach für das Viertel war. Oh nein. Sie gehörte hierher. In dieses Ghetto, diesen Hexenkessel, diesen Brandherd. Und noch was wurde mir klar:
Ich gehörte zu ihr und war ihr kleines Goldfischchen.

Mit meinen rosa Hauspantoffeln von IKEA stolperte ich auf die Straße und rief dem kleinen Kapuzengangster „Hey!“ hinterher.

Er drehte sich um und tigerte auf mich zu. Breitbeinig.
„Was hey, du Opfer?“

Ich dachte, deine Mutter ist wohl hier das Opfer, sagte aber „Der Schnürsenkel deines linken Nike Air Max Command ist offen.“

Er schaute auf seine Füße und sagte, „Es heißt zwar „das“ Schnürsenkel, aber danke. Wenn du willst, geb ich dich mal Nachhilfe in Deutsch.“

Als er sich umdrehte, eine unserer Kippen anzündete und verschwand, wurde mir klar, dass ich nicht mit leeren Händen nach Hause konnte. In den Hochsicherheitstrakt meines Knasts.

Also kaufte ich eine neue Schachtel, rauchte die Hälfte auf ex ohne sie auf Facebook zu posten und drei Freunde zu nominieren, es mir gleich zu tun, und kehrte zurück.

„Hast du die Ratte erwischt, Liebster?“
„Ähm, ja. Hier sind die Zigaretten“
„Ich wusste, dass du es schaffst, mein getigertes Goldfischchen.“

Sie ließ die Seife fallen und deutete mit ihrem Blick darauf. Gerade als ich mich bücken wollte, um sie aufzuheben, fragte sie, wo denn das orangene Feuerzeug sei. Scheiße.

Diesmal zog ich mich wärmer an. Es war kalt auf den Straßen meines Viertels, aber irgendwie überlebte man es schon.

* Über ein mögliches Vakuum in meinem Kopf lässt sich durchaus streiten.

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