Lass uns gemeinsam monogam sein

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Meine Freundin und ich sind gemeinsam schon ziemlich glücklich. Wir verbringen gern Zeit zusammen und unternehmen viel. Schmutzige Dinge unter der frisch bezogenen Bettdecke sind da inklusive.

Unsere Herzen schlagen dabei so stark für einander, dass sie sich gar nicht vorstellen können, für jemand anderen zu klopfen. Nein, sie wollen den Rest ihres Lebens gemeinsam pulsieren und in guten wie schlechten Zeiten im Gleichtakt Liebesmusik produzieren.

Treue nehmen wir sehr wichtig, in der Hinsicht sind wir hoffnungslose Romantiker. Nennt uns meinetwegen auch unverbesserliche Spießer, das ist uns egal.

Erst neulich hat meine Liebste ein neues Toilettenpapier mit nach Hause gebracht und ich habe sie zur Rede gestellt. „Willst du mich verarschen?“
„Ach, Schatz. Ich dachte, wir probieren mal etwas Neues.“
„Ohne mich“, sagte ich. „An meinen Popo darf nur das Eine ran.“

Sie hat das eingesehen und die fremden Klorollen aus dem Fenster geschmissen, die Artikelnummer aus ihrem Kurzwahlspeicher gelöscht und geschworen, dass sie das nie wieder macht.

In letzter Zeit beschleicht uns allerdings das Gefühl, dass wir nicht ganz normal sind. Überall heißt es, dass das neue monogam jetzt polyamor sei.

Offene Beziehungen seien voll im Trend, berichten die Medien. Angeblich wollen die Meisten nicht mehr nur einen Partner haben, sondern am liebsten gleich mehrere, im Idealfall auch mehrere zur gleichen Zeit. Respekt, denke ich. Manchmal bin ich schon mit einem überfordert.

Außerdem hielt ich es immer für einen Glücksfall, dass ich die Eine gefunden habe, die mich liebt und die ich liebe. Und jetzt soll ich noch jemanden suchen? Sorry, da muss ich passen, denn das sieht nach Arbeit aus.

Es gehe aber auch um den Sex, liest man weiter. Auf Dauer reiche ein Partner dafür nicht aus, die Natur hat uns anders programmiert. Die Natur will, dass wir poppen, rauf und runter, immer munter, wie die Tiere. Treue ist da nur ein Produkt unserer zivilisierten Gesellschaft, ein künstliches Konstrukt ohne biologische Grundlage.

Ich weiß nicht, wie ihr programmiert seid, aber Sex ohne Gefühl fand ich schon immer wie Filme ohne Handlung – belanglos. Der Sex mit meiner Liebsten dagegen ist wie ein zeitloser Klassiker, von dem ich nicht genug kriegen kann. Casablanca in Farbe und HD sozusagen.

Wir kennen Leute, bei denen das auch anders geht und die Spaß mit wechselnden Sexualpartnern haben. Manchmal finden sie den Sex gut, manchmal nicht, aber niemals sprechen sie von der Sehnsucht nach einer offenen Beziehung. Sie bezeichnen sich selbst als Singles, die gerne rumvögeln.

In stillen Momenten geben sie dann doch zu, sich nach einer festen Beziehung zu sehnen. Mit Fernsehabenden, Kuscheln, Diskussionen und großen Gefühlen – allem drum und dran eben.

Manchmal backen wir ihnen Kekse und sie dürfen auf unserer Couch. In die Mitte zwischen uns. Aber ohne Anfassen und Zunge versteht sich.

Jetzt unter uns: Wir kennen wirklich niemanden, der zwei Menschen gleichzeitig liebt. Der sagt, jetzt habe ich den perfekten Partner gefunden, jetzt brauche ich aber noch einen Zweiten, dann ist mein Glück richtig vollkommen.

Vielleicht sind wir ja konservativ und sollten uns mehr öffnen. Eine Anzeige schalten, um unser künstliches Konstrukt zu zerschlagen. So was wie: Glückliches Paar sucht noch ein paar andere, um noch glücklicher zu werden.

„Sind wir jetzt krank?“, frage ich meine Liebste und sie packt ein Thermometer aus.
„Also Fieber hast du keines, Liebster. Streck doch mal die Zunge raus. Vielleicht äußert sich diese Polyamorie ja anders.“
Ich streck die Zunge raus und befürchte schon das Schlimmste. Kleine geile Pusteln, die sich aneinander reiben und sich schmutzige Worte in die Poren flüstern.
„Und?“
„Deine Zunge ist braun. Trink weniger Kaffee.“

Dann ziehen wir uns aus und stellen uns nackt vor den Spiegel. Verflucht, aus welchem Sonnensystem stammen wir?
„Also, ich kann keine Anomalien an mir erkennen.“
„Ich an mir auch nicht.“

Wir schauen uns gegenseitig an und unsere Herzen beginnen heftiger zu schlagen. Als ob sie gemeinsam ein Liebeslied anstimmten. Der Ruf der Wildnis hallt aus der Ferne. Die Natur summt in unser Ohr den Werbeslogan von Nike.

„Und jetzt? Was stimmt mit uns nicht?“, fragt sie.
„Keine Ahnung“, sage ich.
„Lass uns einfach unter die frisch bezogene Bettdecke gehen und zu zweit Liebe machen.“
„Und, was ist mit den Medien?“
„Na, die können sich schön gemeinsam selber ficken.“

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3 Gedanken zu “Lass uns gemeinsam monogam sein

  1. Also, wenn ihr niemanden kennt, der einen zweiten Partner zu seinem Glück wünscht, dann wird das wohl daran liegen, dass ihr entweder einfach in Eurem Bekanntenkreis solche Leute nicht habt oder – und das halte ich für wahrscheinlicher – die Menschen nicht offen mit Euch sprechen.

    Ich kenne ausschließlich Menschen, die fremdgehen. Selbst die nette ältere Dame, die ich letztens kennen gelernt habe, hat mir kürzlich gestanden, mit ihrem Ehemann nicht ganz so glücklich zu sein und angedeutet, dass sie seit 10 Jahren eine Affäre pflegt.

    Polyamorie ist eine komplizierte Konstruktion. Ob sie funktioniert, weiß ich nicht. Ich glaube aber, dass der Mensch an sich nicht treu ist, dass die Forderung zur Treue auf Dauer zu Lügen und Betrug, mindestens aber zu schmerzhafter Selbstdisziplinierung führt, und das halte ich nicht für notwendig.

    Für mich ist es deshalb wichtig, offener mit meinem Partner umzugehen. Ob das gleich „Polyamorie“ bedeutet, sei mal dahingestellt. Es heißt aber nicht, dass ich Treue unter allen Bedinungen fordere oder biete.

    • Hey Ann,
      vielen Dank für deinen netten und reflektierten Kommentar. Wir haben schon auch Freunde im Freundeskreis, die das mit der Treue nicht so ernst halten und für viele ist es auch schwer, nur einen Partner zu haben. Ich kenne mich mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen, ob der Mensch nun von Natur aus treu ist oder nicht, auch nicht so aus.
      Mein Gefühl sagt mir aber, dass es durchaus Menschen gibt, die einfach treu sein können, ohne sich etwas vorzulügen. Die Artikel, die ich in letzter Zeit dazu gelesen habe, schließen das meist aus.
      Doch wie du am Ende sagst, so halte ich es auch: wie auch immer man es lebt, es ist wichtig, auf seine Gefühle zu hören und mit dem Partner offen umzugehen.
      Schöne Grüße
      Mate

      • Es „mit der Treue nicht so ernst zu nehmen“ fände ich ganz schlimm. Ich nehme es mit der Treue sehr, sehr ernst. Aber nach den Regeln, die ich mit meinen Partnern abgesprochen habe. Bei mir ist es z.B. so, dass ich mit dem einen Mann die Freiheit habe, alle Männer zu treffen (und mich mit ihnen zu vergnüngen), die ich will – vorausgesetzt, ich informiere ihn vorher. Der andere wünscht sich, dass ich ihm voll und ganz treu bin – mit Ausnahme des einen Partners, den es schon gibt.
        Kein Problem – diese Wünsche erfülle ich, und bin zufrieden damit.

        Natürlich weiß ich auch nicht, wie die Statistiken zur Treue aussehen, ich stelle es mir auch schwer vor, ein valides Ergebnis dazu zu erhalten. Da müssten ja alle Lügner plötzlich die Wahrheit sagen. Ich habe einfach nur für mich beobachtet, dass um mich herum keiner körperlich treu ist, und daraus meine Schlüsse gezogen.

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