Sprich keine Probleme beim Essen an

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Seit heute früh juckte es ihn überall. Er konnte nicht sagen, warum, doch das Jucken bedeckte seinen gesamten Körper.

Seine Frau sagte zwar immer, dass er nicht ganz sauber sei, nur war er sich nie ganz sicher, was sie genau damit meinte.

Mittlerweile glaubte Dieter, dass Elfriedes Mantra nicht wirklich etwas mit seiner körperlichen Reinheit zu tun hatte, sondern vielmehr mit seiner geistigen.

Sei es drum. Diese Erkenntnis hilft mir jetzt auch nicht weiter, dachte Dieter. Es juckt mich von oben bis unten, links und rechts, an den Armen und Beinen, am Ohr, an der Stirn. Einfach überall.

An konzentriertes Fernsehschauen war nicht zu denken und so beschloss er, das Problem beim Mittagessen auf den Tisch zu bringen.

„Schatz, es juckt mich.“
Elfriede fiel der Kartoffelknödel von der Gabel.
„Na, und? Mich juckt es auch und du tust nichts dagegen.“
„Aber Maus, es ist kein solches Jucken. Es juckt mich richtig.“
„Na, und mich juckt es nicht richtig, oder was?

Elfriedes Kopf errötete, ihre Augen änderten die Farbe von dunkelbraun zu tiefschwarz und der kleine Finger ihrer rechten Hand begann zu zittern. Das tat er immer, wenn sie wütend wurde.

„Soll das heißen, dass mein Jucken weniger wert ist als deines, du Nichtsnutz. Ein Phantomjucken, ein Jucken zweiter Klasse, ohne deutschen Pass und Arbeitserlaubnis, lediglich mit einem befristeten Aufenthaltstitel, oder wie?“

„Aber Engelchen, nein, natürlich nicht. So war das…“
Jetzt war Elfriede nicht mehr zu bremsen. Sie fiel Dieter ins Wort und er zuckte zusammen.
„Was aber, was nein, was natürlich nicht?“

„So war das doch nicht gemeint, Täubchen“, sagte Dieter und hob seine Hände abwehrend vor die Brust. So als ob er ein wild gewordenes Tier zähmen wollte. Leider hatte er seine Lehre als Dompteur nie zu Ende gebracht.

„Ach, nein, du Horst? Und wie war das gemeint?“

Elfriede richtete das verwuschelte Ende des Wischmobs gegen ihn (sie hatte ihren Wischmob stets griffbereit), während sie mit ihren Holzpantoffeln gegen den Parkettboden stampfte. Löwen im Zirkus waren Meerschweinchen dagegen, dachte Dieter.

„Ich brech mir hier einen ab, mach dies, mach das, ohne dass du mir auch einen Funken Anerkennung zollst, und du heulst hier rum, weil es dich juckt. Ja, dann kratz dich doch, du Arschloch.“

Das war genug. Etwas musste geschehen, dachte Dieter, und er wollte sich entschuldigen. Für was eigentlich wusste er nicht so recht, aber besser wäre das. Gerade als er „Verzeih mir bitte, Bärchen“, murmeln wollte, fuhr ihm Elfriede erneut über den Mund, schließlich war sie noch nicht fertig mir ihm.

„Ich bin noch nicht fertig mit dir. Hörst du dich eigentlich selbst reden, du Hansdampf? Oh, mich juckt es da, mich juckt es hier. Wie ein zu heiß gekochtes Weichei klingst du. Ich sag dir jetzt mal was, du…“

An dieser Stelle schaltete Dieter ab und aktivierte seine innere Schlummerfunktion. Schweigen, Lächeln, Nicken – da hatte er schon jahrelange Übung drin.

Während Elfriede zu einem noch nie gehörten Monolog über Gott und die Welt ansetzte und wirklich überzeugend erklärte, warum Frauen nun die besseren Menschen waren, blieb er ruhig in seiner Ecke und träumte davon, nackt durch eine Autowaschanlage zu hüpfen.

Da tapste die Katze ins Zimmer und lief zum Fressnapf. Man sah auf den ersten Blick, dass sie mit einer ihrer Hinterpfoten in etwas gestiegen war. Es war Scheiße.

„Sag mal, Schatz“, begann Dieter, „könnte es nicht sein, dass es mich überall so juckt, weil die Katze Kacke…“

„Ach, Unsinn, dich juckt es doch schon dein ganzes Leben überall. Dich juckt es, weil du nicht ganz sauber bist, du Schmutzfink, du Nichtsnutz, du Arschloch, du Weichei, du…“

Irgendwann verließ Dieter das Zimmer, während Elfriede weiter schimpfte, ihren Wischmob wild umher schwang und mit den Pantoffeln das Parkett ruinierte. Aus Erfahrung wusste Dieter, dass das noch eine Weile so weiter gehen würde. Elfriede hatte eine Menge unterschiedlicher Namen für ihn und eines war sicher, Spatz oder Maus standen nicht auf der Liste.

Nachdem er sich seine Ausgehschuhe angezogen hatte, die Jacke, den Hut, machte er ganz leise die Tür hinter sich zu. Als er etwa drei Häuserblocks gegangen war, passierte etwas Seltsames. Das Jucken hörte plötzlich auf. Oben, unten, links und rechts, einfach überall.

Erleichtert und glücklich entledigte sich Dieter seiner Sachen und machte sich splitterfasernackt auf die Suche nach einer geeigneten Autowaschanlage.

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