Unser Baby steht auf Etiketten

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Ich möchte mal wieder etwas über meine Tochter erzählen. Die kleine Marie ist nun knapp acht Monate alt und schon recht aufgeweckt. Sie entdeckt immer mehr die Welt um sich, greift nach allem in ihrer Umlaufbahn, nimmt jeden möglichen Gegenstand in den Mund und rollt sich zur Fortbewegung von einer Seite zur Nächsten.

Wenn die Kitzelspinne, der Killerfuß oder das Popobeben kommen, lacht sie sich so scheckig, dass man Weinen könnte vor Freude. Ich sag es euch, ihr Lachen ist wohl das schönste Geräusch, das ich je gehört habe.

Kurz gesagt, die Kleine ist super, aber ein Problem gibt es schon: Marie isst am liebsten Papier.

Seit drei Monaten bekommt sie außer Muttermilch auch andere Nahrung. Kartoffeln, Karotten, Brokkoli, Zucchini, Bananen und Gläschen von Onkel Hipp, alles haben wir ihr schon gegeben,  aber nichts, wirklich nichts, schmeckt ihr so gut wie Papier. Mittlerweile essen wir die Hipp-Gläschen, und Marie die Etiketten.

Ja, gut, sie macht schon den Mund auf, wenn der Brei im Anflug ist, aber nach Papier ist sie süchtig. Danach greift sie wie ein Hund nach dem Knochen. Oder anders gesagt, wie Lothar Matthäus nach seiner nächsten Lolita.

Ob bei Freunden oder in Restaurants, während wir Schnitzel und Salat speisen, verputzt Marie Servietten und Bierdeckel. Und auch bei Rechnungsbelegen und Dessertkarten sagt sie nicht nein.

Daheim bevorzugt sie Notizzettel, Verpackungen, Zeitungen und Zeitschriften. Hier vorwiegend die Klatsch und Tratschseiten. „Prinzessin, iss doch wenigstens den Sport-Teil“, schimpft sie dann die Mama, weil diese um ihre geliebte Lektüre fürchtet.

Ihr lacht vielleicht, aber uns ist nicht zum Lachen zu Mute. Was machen wir mit den ganzen Hipp-Gläschen, die auf Vorrat gekauft wurden und wo finden wir einen Ernährungsratgeber für Kinder, in dem endlich steht, ob Papier für die Entwicklung eines Babys förderlich ist oder nicht?

Sollen wir zuerst mit der Fütterung der BILD und BUNTE beginnen, um Marie bei der Verdauung der Informationen nicht zu überfordern? Oder doch lieber gleich mit der SÜDDEUTSCHEN und dem SPIEGEL, damit ihre Kacka mehr Konsistenz erhält?

Welche Schreibwarenläden führen baybgerechtes Papier im Sortiment? Bioblätter, die voll ökologisch abbaubar sind, kein Salz und nur natürliches Fruchtzucker enthalten? Der Kaut-Bullinger am Marienplatz vielleicht?

Und überhaupt, wie lange muss welche Papiersorte in der Mikrowelle erwärmt werden, damit sich die Kleine nicht verbrüht, wie lange halten sich abgebissene Blätter im Kühlschrank, ab wann beginnt man mit der dritten festen Mahlzeit? Sind dafür Pappe und Kartonagen geeignet?

Die verfluchte EU sollte endlich eine Kennzeichnungspflicht für Papierhändler erlassen. Damit auf jeder Zeitung, jeder Zeitschrift und jedem Buch zukünftig steht, ob das Zuführen der Lektüre dem Baby schadet oder gut tut, wie viel Vitamine eine einzelne Seite enthält und welche künstlichen Zusatzstoffe sich der Produzent bei der Herstellung eingeschmissen hat.

Da wären Kafka, Dostojewski und Camus zum Beispiel sofort tabu – zu schwere Kost fürs Baby, könnte für depressive Verstimmungen und Existenzängste sorgen.
Auf den Covern von „Shades of Gray“, den Twillight-Teilen und Romanen von Rosamunde Pichler würde ein Siegel davor warnen, dass die Seiten zu akutem Durchfall und Brechreiz führen.
ABENDZEITUNG, TAGESEITUNG und FOCUS gingen, machten aber die Kinder doof auf Dauer.

Meine Liebste und ich freuen uns ja schon, wenn Marie ihre Zähnchen bekommt, denn dann füttern wir sie mit unseren Lieblingsschinken – alles von Haruki Murakami, Stephen King, Sven Regener und Thomas Glavinic.

Wir sind echt gespannt, was ihre favorisierte Mahlzeit wird, weil unsere haben wir schon gefunden. Es sind die Hipp-Gläschen in den Geschmacksrichtungen „Milchkeks“ und „Kirsche-Banane“.

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2 Gedanken zu “Unser Baby steht auf Etiketten

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