Gib dich nicht für alles her

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Anabolika & Bitch

Neulich sind meine Liebste, meine Tochter und ich an einem Abercrombie & Fitch Laden vorbeispaziert. An der neuen Filiale in der Sendlinger Straße. Da wo früher die Süddeutsche Zeitung war. Im Herzen Münchens.

Jetzt ist da ein Gebäudeklotz, der von außen wie eine Schweizer Bank anmutet. So als ob sich darin noch nie gesehene, kostbare Schätze verbergen würden. In Wahrheit gibt es im Inneren nur hässliche Pullis und billig duftendes Parfüm.

Ich bin kein großer Fan der Süddeutschen Zeitung, Anspruch muss es doch auch in einem kleineren Format geben. Aber ich vermisse den Shop und das Cafe, das es früher dort gab. Jetzt steht da ein dekadenter Tempel der Oberflächlichkeit. Mit abgedunkelter Fensterfront, damit ja keine Tiefe von außen eindringt.

Am Eingang posierten zwei junge attraktive Menschen, schick angezogen. Sie hätten modeln können, so hübsch sahen die aus. Auf den zweiten Blick bemerkten wir, dass der junge Mann überhaupt kein T-Shirt unter seiner Jacke trug. Seine Muskeln zitterten im Freien.

Zuerst dachten wir, der Arme, er muss wohl geistig verwirrt sein. Oder jemand hat ihn ausgeraubt. Ich wollte ihm schon meinen Pulli geben, die kleine Marie ihre Decke. Der Sommer ging vorbei, der Winter machte sich breit, so angezogen war eine Lungenentzündung nicht weit. „Jetzt hilf doch dem Jungen!“, forderte meine Liebste mich auf.

Doch gerade als ich ihm den Weg zur Obdachlosenmission weisen wollte, erkannten wir, dass der Mann gar nicht geistig verwirrt war, sondern höchstens doof. Das war ein Angestellter von Abercrombie & Fitch. Er lockte mit seinem gestählten Oberkörper die Kundschaft. Wie eine billige Nutte im Rotlichtviertel von Amsterdam. Nur mit dem Unterschied, dass die wusste, wozu sie sich hergab.

So ein halbnackter Mann im Winter ist natürlich ein Blickfang. Das sieht man nicht täglich. Schaulustig traten wir näher, um den wandelnden Adonis von allen Seiten zu betrachten. Ich fragte ihn, was er kosten würde, doch er verstand nicht. Wenn wir wollten, könnten wir ein Foto mit ihm machen. Seine Kollegin würde es schießen.

Vielleicht später. Zuerst wagten wir einen kleinen Rundgang durchs Geschäft.  Am Eingang benebelte gleich mal großzügig verschwendetes Parfüm unsere Geruchssinne. Kein Puff der Welt duftete in meiner Vorstellung so billig.

Das Imitat einer Bronzestatue versperrte uns den Weg durch die Mitte. Ein antiker Athlet streckte uns seinen Bizeps entgegen. Schau mal, wie geil ich bin.

Die Wände zierten fitte, schlanke und durchtrainierte Mustermenschen, die Hanteln hoben, Klimmzüge ausführten, Gewichte stemmten.

Die Bilder erinnerten an Michelangelos Fresken in der sixtinischen Kapelle. Mit dem Unterschied, dass das eine Meisterwerke waren, das andere geschmacklos und hässlich.

Die Verkaufsräume sahen aus wie die Reihen einer altrömischen Bibliothek, nur das sich in den Regalen anstatt anspruchsvoller Bücher von gelehrten Dichtern und Denkern, hässliche Pullis, Hemden und T-Shirts von Abercrombie & Fitch stapelten.

Überall prangte der Markenschriftzug wie eine Verheißung ins Paradies. Normalerweise zahlen Unternehmen Menschen einen Haufen Geld, damit diese ihr Logo vor der Brust tragen. Wer gab freiwillig Geld dafür aus, das Logo eines Unternehmens vor der Brust zu tragen?

Ich meine, kein Logo der Welt machte doch aus Idioten Menschen. Gut, durch Abercrombie & Fitch erkannte man jetzt  wenigstens die Idioten auf den ersten Blick. Danke dafür.

Die Gänge waren eng und verwinkelt, so dass wir mit dem Kinderwagen kaum durchkamen. Anscheinend trugen Mütter und Väter kein Abercrombie & Fitch. Die Marke war wohl nur etwas für junge, sterilisierte Partymenschen.

Die Verkäufer, makellose Lustknaben und Mädchen trugen enge Jeans, Holzfällerhemden und Flipflops. Ihre Gesichter verzogen keine Mienen, weder nach oben noch nach unten. Scheinbar wurde jede menschliche Regung vom Geschäftsleiter mit Peitschenhieben und Trainingsentzug bestraft. Sie taten uns leid.

Ein junges Lustmädchen fragte uns, ob sie uns helfen könnte. Wir fragten zurück, ob nicht wir ihr vielleicht helfen könnten. „Hier, nimm ein Schluck Wasser, wir holen dich hier raus.“ Sie verstand nicht und wollte lieber zurückgelassen werden.

Wir hatten genug. Am Ausgang gaben wir dem jungen Mann ohne T-Shirt ein wenig Kleingeld, damit er sich eine Zeitung kaufen konnte. „Es muss ja nicht gleich die Süddeutsche sein, aber sei ein wenig anspruchsvoll.“

Er meinte, dass er gar nicht lesen könne, aber dafür fünfzig Liegestütze am Stück schaffe. Wir wollten sehen. Doch beim zehnten verloren wir die Lust und zogen weiter. An der nächsten Ecke kauften wir uns heiße Maroni und wunderten uns, was aus der schönen Innenstadt geworden war. München, du machst uns fertig.

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