Für mich bist du wirklich der Beste

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„Er ist wie eine Kuh, die viel Milch gibt, und am Ende den vollen Eimer umkippt.“
Meine Mutter

Seiner Ansicht nach ist mein Vater der Beste. Es gibt keinen besseren als ihn, meint er. Wenn er redet, sagt er nicht nur, dass kein anderer Mann vor ihm so viel geleistet hat wie er, sondern auch, dass kein anderer Mann nach ihm jemals so viel leisten wird. Schon gar nicht seine beiden „nichtsnutzigen“ Söhne, wie er gern mal in seine Monologe einzustreuen weiß.

Ein Denkmal in seinem Heimatdorf Gacelezi ist bereits in Auftrag gegeben. Von ihm selbst natürlich, weil, wer sonst könnte ein Denkmal für ihn besser in Auftrag geben.

Von nichts kommt noch weniger, das weiß mein alter Herr genau. Um der Beste zu werden, zu sein und zu bleiben, muss man deshalb mehr tun als der gemeine Durchschnitt. Und vor allem immer alles besser wissen als alle anderen. Diesen Charakterzug hat mein Vater in den letzten Jahren bis aufs Äußerste perfektioniert.

Noch heute erklärt er mir, wie ich Auto zu fahren habe, wie ich das Messer beim Essen halten soll oder wie ich türkischen Mokka richtig koche. „Zur Seite, Junge. Ich zeig dir mal, wie das geht“, sagt er dann und schreitet zur Tat. Zuerst den Zucker, dann den Kaffee und stets die linke Herdplatte benutzen, weil die rechte nur zur Deko dient.

Keine Ahnung, wie ich es die letzten Jahre ohne meinen Vater überhaupt geschafft habe, einen Fuß aus dem Bett zu bekommen.

Es hat aber auch Vorteile, einen solchen Vater zu haben. Letzte Woche waren wir zu Besuch bei meinen Eltern und ich konnte an einem Abend nicht einschlafen. Da habe ich einfach meinen Vater gefragt, wie das am Besten geht. Ich sag euch, zack, nach nicht mal fünf Minuten hat er geschnarcht wie ein unter Nasenhöhlenentzündung leidender Grizzly-Bär.

Manchmal frage ich mich, ob mein Vater vielleicht nicht göttlicher Herkunft ist. Zuzutrauen wäre ihm das. Schließlich kann er wie Jesus aus Wasser Wein machen. Also, eigentlich kann er aus Wein Essig machen, aber wer wird bei solchen Wundern kleinlich sein.

Natürlich war an dem Wein-Essig-Desaster jemand anderer schuld – das Fass, die Traubensorte, der kroatische Premierminister. Schwer zu sagen, wer, doch nur nicht er, denn Eigenkritik duldet mein Vater schwer. Falls es einer wagt, ist seine Antwort immer, dass ihn niemand verstehe. Aber wie auch, wenn er so einzigartig ist.

Ich glaube, selbst wenn mein Vater am Ende im Himmel landet und Gott sein Leben beurteilt, wird er dem anworten, dass er ihn nicht verstehe. Daraufhin wird er Gott erklären, was er mit der Welt hätte besser machen können. Und wie man türkischen Mokka kocht.

Seit kurzem besuche ich eine Theaterwerkstatt. Ich möchte meine Bühnenpräsenz verbessern und mir ein paar Schauspiel-Techniken aneignen. Beim letzten Termin meinte die Leiterin der Werkstatt, dass wir ein Stück proben werden, das wir nächsten Sommer dann aufführen. Da bekam ich Herzrasen, Schweißperlen bedeckten meine Stirn.
„Warum das denn?“, fragte mich meine Verlobte,
„Ihr spielt doch eh nur vor Familie und Freunden.“

Aber, versteht ihr, genau davor habe ich die größte Angst. Ich sehe jetzt schon meinen Vater auf die Bühne steigen und mir erklären, was ich alles falsch mache und wie ich meine Rolle auf der Bühne zu spielen habe. „Zur Seite, Junge. Ich zeig dir mal, wie das geht“, wird er sagen.

Und, wisst ihr was? Ich werde ihm applaudieren. Weil trotz allem oder gerade deshalb liebe ich meinen Vater. Für mich ist er der Beste. Schließlich habe ich keinen besseren.

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3 Gedanken zu “Für mich bist du wirklich der Beste

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