Viel Spaß ohne mich, Ihr spontanen Rassisten!

Zitat_Emerson

Wisst ihr, früher, ohne Baby und so, da haben mich meine Freunde noch spontan angerufen, um mich spontan zu fragen, ob wir spontan etwas zusammen unternehmen. Das fand ich sehr schön damals.

Aber heute, seitdem ich Vater bin, denken die, dass ich für spontane Aktionen keine Zeit mehr habe. Und so fragen sie andere, unternehmen etwas ohne mich – die Arschgeigen.

Am Samstag rief ich also meinen (ehemals) besten Freund an und fragte ihn, was er gerade so mache. Hatte mir überlegt, ihn spontan zu fragen, ob er mit zum Rossmann kommt. Windeln kaufen und so. Hört sich erstmal langweilig an, aber wenn wir beide unterwegs sind, ist überall Party.

„Wir fahren zum Schliersee wandern“, sagt er durch die Freisprechanlage seines Wagens, ich höre des monotone Rauschen der Leitplanken im Hintergrund.
„Aha. Und, wer ist wir?“, frage ich, weil mit „wir“ kann er ja schlecht ihn und mich gemeint haben.
„Na, wir alle halt?“
„Ihr, alle halt?“, wiederhole ich das Unfassbare und spüre wie langsam Wut die Treppenstufen meiner inneren U-Bahnhaltestelle hoch kommt. Die Rolltreppe ist defekt.
„Ihr alle, also? Also bin ich nicht mehr ihr alle, oder was? Und das nur, weil ich ein Baby habe, du Arsch.“

Stille am anderen Ende der Leitung. Nur das gleichmäßige Klicken des rechten Blinkers ist zu hören. Ich spüre, dass meinem (ehemals) guten Freund das Gespräch unangenehm wird. Dann wiederum denke ich, es könnte auch das Klicken des linken Blinkers sein.

„Du bist übrigens gerade auf Lautsprecher, die anderen können mithören.“
„Ja, dann schöne Grüße an ALLE außer mich“, sage ich und setze ein, „Ihr Arschgeigen“ als Ausrufezeichen ans Ende des Satzes.

„Jetzt, Mate, reg dich ab. Wir haben das gestern, als wir spontan noch was trinken waren, entschieden.“, sagt der (ehemals) beste Bekannte und meine Wut erreicht die verregnete Oberfläche meiner Gedanken.

„Spontan, also, ja? Und ich bin jetzt nicht mehr spontan, ihr Penner. Der Mate hat jetzt ein Baby nämlich, also den brauchen wir nicht mehr anrufen, wenn wir etwas zusammen unternehmen, weil der ja eh nicht mehr mit kann. Der muss jetzt Windeln wechseln, oder was?“ Langsam rede ich mich in Rage, beschimpfe ihre Mütter und scheiße auf ihr tolles „WIR-Gefühl. „Hab gehört, dass es am Schliersee heftigst regnen soll, ihr Rassisten!“, sage ich zum Abschluss.

„Jetzt mal, halblang. Warum denn Rassisten?“, fragt mein (ehemals) guter Bekannter erschüttert und hupt den Vordermann an. Es könnte aber natürlich auch sein, dass der Hintermann ihn angehupt an. So genau weiß man das nicht durch die Sprechmuschel.

„Na, weil ihr welche seid. Ich hab ein Baby und bin nicht mehr spontan und ihr habt kein Baby und seid spontan. Das ist ganz schön diskriminierend, finde ich. Deshalb seid ihr für mich Rassisten. Spontane Rassisten, wenn man so will“, erkläre ich ganz sachlich meinen durchaus plausiblen Gedankengang. Und er scheint Gemüse zu tragen.

„Also, gut, Mate. Zieh deine Wanderschuhe an. Ich dreh um und wir holen dich gleich ab.“
„Fuck you, jetzt ist zu spät.“
„Hast du schon was vor, oder was?“
„Klar. Bin spontan spazieren.“
„Allein?“
„Nein, wir alle halt. Die Unflexiblen vom Elterncafe. Haben das letzte Woche so ganz spontan entschieden. Mach jetzt nämlich auch nichts mehr mit euch. Frag nicht mehr, ob ihr spontan mitkommt zum Spielplatz, Babyschwimmen, Yogakurs „Papi & me“, der Selbsthilfegruppe „Zurück zur Spontanität“ und dem Rossmann. Viel Spaß euch noch beim Wandern. Ohne mich.“

Schweigen am anderen Ende der Leitung. Kein Blinker, Kein Hupen, keine Leitplanken. Manchmal finde ich es geil, anderen ein schlechtes Gewissen zu machen.

Da fragt mein ehemals bester Freund, die Klammer können wir ruhig weglassen.
„Sag mal, Mate. Wärst du denn überhaupt heute mitgekommen, wenn wir dich gestern gefragt hätten?“
Hm. Tricky Question. Ich überlege kurz, wisch mir den Wutschaum vom Mund und sage:
„Natürlich nicht, aber ich hätte wenigstens spontan nein sagen können.“

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