Und was, wenn sie Woody Allen ist?

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Es war heiß, ich hatte seit Tagen nicht richtig geschlafen und dann kamen auch noch diese verfluchten Ameisen. Wie aus dem Nichts tauchten sie auf und krabbelten vom Garten über das Wohnzimmer hin zur Küche und stürzten sich auf alles, was bei drei nicht sauer wurde – Marmeladenkleckse auf dem Teller, Saftreste in der Flasche, Honig im Honigglas. Selbst vor unserer kleinen Tochter machten Sie nicht Halt, doch ihre Mama beschützte sie tapfer.

„Diese scheiß Viecher!“, schimpfte meine Freundin und verfolgte sie mit Küchentuch und Fusselroller. „Weg, weg, weg, verschwindet.“
Ich lag ausgestreckt, müde und fertig auf der Couch und beobachtete das bunte Treiben, als sich die Aufmerksamkeit auf mich richtete.

„Jetzt lieg nicht so faul in der Ecke rum, du nichtsnutziger Tagedieb und hilf mir lieber, die Ameisen zu vernichten.“ In ihren Augen sah ich Mordlüsternheit lodern. Und „nichtsnutziger Tagedieb“? Moment, so nannte mich früher mein Vater immer.

„Papa, bist du es?“, fragte ich und er, ich meine sie warf mir die Fusselroller ins Gesicht. „Was bist du nur für ein Mann, dass du mit deiner Familie nicht in die Schlacht ziehst?“
Mit ihrem süßen Popo zerdrückte meine Tochter eine Ameise, als sie ihre Schlafposition auf der Decke änderte. Ich weinte vor Stolz und dennoch.

„Es gibt die Helden, die in den Krieg ziehen und solche, die über die Helden, die in den Krieg ziehen, berichten. Wenn ich jetzt nicht hier sitzen und deine Heldentaten wahrnehmen würde, um sie später aufzuschreiben, würde die Nachwelt nie etwas von der legendären Ameisenschlacht von Milbertshofen erfahren. Und deinem Kampfesmut, Liebste. Das wäre doch schade.“ Ich sah schon den Merksatz vor mir, den alle Gymnasialschüler im Geschichtsunterricht lernen würden:
zwei null eins drei, beim Olympiapark Ameisenkeilerei.

Eines war klar, meine Liebste und unsere Tochter würden wegen Massenmord angeklagt und hingerichtet werden. Ohne Hoffnung auf Milde, weil sie gegen den Gegner keine Reue zeigten. Ich würde als Mittäter belangt und zu lebenslangem Arbeitslager verurteilt werden. Das war irgendwie witzig, weil es ironisch war. Ich und Arbeitslager, das ist als ob…

„Jetzt hör auf, ständig zu reflektieren und mach endlich mit mir die verfluchten Dinger platt!“, forderte meine Liebste meinen Tribut, aber ich konnte nicht.

„Was wenn eine von denen mein Vetter dritten Grades ist, der Sohn meines Urururopas, der als einer der ersten Kroaten zum Buddhismus konvertiert ist?“
„Pfft“, sagte sie, „ihr Kroaten wisst doch nicht mal wie man Buddhismus buchstabiert, aber euer kriegerisches Talent könnte ich jetzt verdammt gut gebrauchen, doch scheinbar ist dieser Kelch an dir vorübergegangen.“
„Stimmt wohl,ja“, nickte ich und gefiel mir in meinem Pazifismus.

Die Karawane zeiht weiter, die Nektarine ist tot

„Jetzt hör mir auf. Als ob du noch nie ein Tierchen getötet hättest. Was ist mit Silberfischen, Spinnen oder Stechmücken? Erzähl mir nicht, dass du dich von so einer Mücke einfach stechen lässt ohne wenigstens zu versuchen, dich zu wehren.“

„Nein, natürlich nicht, aber kennst du diesen Animationsfilm über die Ameisen, „Antz“? Da spielt Woody Allen so eine neurotische Ameise, die zum Psychiater geht, weil Sie sich nicht einzigartig genug fühlt und nicht mal das 36fache des eigenen Gewichtes tragen kann?“
„Na, und?“
„Ja, seitdem denk ich halt anders über Ameisen nach. Ich meine, was wenn eine von denen Woody Allen wäre? Das könnte ich mir nie verzeihen. Der ist nämlich echt ein Genie.“

Ich dachte an die Szene, wo alle Ameisen das Lied von John Lennon „Give peace a chance“ sangen. Nur das es da „Z“ hieß, also „Give Z a chance“, weil die Hauptameise „Z“ hieß, na ja, egal. Jedenfalls stimmte ich die Melodie an und begann:
„Alles was ich saaage, ist gib Ameisen ne Chance.“

Meine Freundin schüttelte nur den Kopf und kämpfte weiter unerbittlich um die Krone in der Küche, während ich in der Ameisenkarawane ein leises Schunkeln zum Rhythmus des Liedes zu erkennen glaubte. „Die Karawane zieht weiter. Die Nektarine ist tot.“

Was, wenn ich so eine Ameise wäre und jemand würde mich einfach so zertrampeln? Wahrscheinlich müsste ich wegen meinen Sorgen und Ängsten auch auf die Couch. Die anderen Ameisen würden mich aus ihrer Kolonie ausstoßen. „M, der nichtsnutzige Tagedieb … hat kein Bock auf Leistungsgesellschaft …sieht keinen Sinn darin in Reih und Glied Brotkrumen mit uns zu tragen … fühlt sich als etwas besseres, hat kein Bock auf nine to five, five days a week…“, würden sie sagen und mich verstoßen. Als Eremit in den Bergen würde ich dann mein Hauptwerk schreiben. Ein Buch für alle und keinen. Ich würde herabsteigen und sagen, dass die dicke Raupe tot ist und sich in einen Schmetterling verwandelt hat. Ich würde dem Ameisenhaufen von der Überameise predigen und dafür nur Hohn und Spott ernten von diesen Unwissenden, diesen programmierten, triebgesteuerten, grenzdebilen, intoleranten…

Ich sah auf dem Oberschenkel meiner Tochter eine Ameise sie anpinkeln und flippte diese in die ewigen Jagdgründe. Tut mir leid, kleiner Woddy, aber niemand darf meine Tochter anpinkeln, falls sie es nicht ausdrücklich erlaubt.

Und die Moral jetzt? Wir waren alle Tiere, aber als Mensch war man halt doch ein wenig mehr Tier als wenn man eine Ameise war. „Gut reflektiert, Bonobo“, sagte meine Freundin und „jetzt bring den Müll raus.“ Ich tat es, denn auch das hatte ich begriffen. Als Teil eines Familienrudels hatte man seine Rolle zu kennen und dem Alphaäffchen nicht zu widersprechen. Erst recht nicht, wenn es die Hosen an hatte und als Kriegsheld in die Geschichte eingehen würde. Wie gesagt, es war sehr heiß an diesem Tag.

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