Wo ist mein linkes Bein, Schatz?

Bambusstöckchen

Wir haben eine Katze. Mit vollem Namen heißt Sie Mimita Chikita Banana Mimifee Skarkira von Hohenzollern Tabula. So rufen wir sie aber nur, wenn Sie etwas ausgeheckt hat, z.B. Erbrochenes auf der Couch, Kot im Flur. Oder wenn wir sie besonders loben. „Ja, fein hast du dein Futter aufgefressen. Du bist ne brave Katze, du bist ne süße Katze. Du bist die beste Katze.“ Manchmal waren wir ihr sogar zuviel und sie ist rüber ins Büro, um auf der Schreibmaschine Mäusegeschichten zu tippen oder im noch unbenutzten Kinderbett abzuchillen. Allein für sich und mit ihren Katzengedanken.

Aber nun seit kurzem? Wir haben ihren vollen Namen schon lange nicht mehr ausgesprochen. Und selbst Mimi, die Kurzform, erscheint uns manchmal zu viel. Seitdem das Baby da ist, vernachlässigen wir unsere Katze ein wenig und das tut uns leid. Aber das Baby ist grad wichtiger. Das Baby fordert gerade unsere volle Aufmerksamkeit. Das Baby ist jetzt unsere neue Katze, wenn man so will.

Das spürt die Mimi natürlich und sie ist traurig darüber, glaube ich. Sie fühlt sich ein wenig einsam, ein wenig im Stich gelassen. Neulich hat sie sogar einen Fluchtversuch über die Gartentür gestartet, aber gottseidank konnte der Elektrozaun sie davon abbringen.

Am Wochenende hatten wir Besuch. Gemeinsam saßen wir im Garten und grillten Burger. Wir unterhielten uns über dies und das, Arbeit, Liebe, Leben, als die Mimi sich zu einer Freundin auf den Schoß gesellte und ihr etwas ins Ohr flüsterte. Ich glaube, es war so etwas wie: „Bitte, nimm mich mit. Rette mich vor diesen herzlosen Herrchen und Frauchen. Die kümmern sich nur noch um dieses schreiende Etwas. Dabei hat das nicht mal so ein schönes flauschiges Fell wie ich und Schnurrhaare und überhaupt, von grazil Miauen versteht sie auch nichts.“

Da nahm die Freundin ein Bambusstöckchen und streifte damit über den Rasen. Plötzlich wurden Mimis Augen groß, sie sprang wie eine Raubkatze auf das Stöckchen und wechselte in den Jägermodus. Sie begann zu fauchen und zu springen, dem Stöckchen hinterher zu jagen als ob es eine schicke Maus aus Frankreich sei.

So hatte ich sie noch nie erlebt. Das blühende Leben. Ich dachte immer, die Mimi wäre die faulste Katze der Welt. Fressen, kacken, schlafen. Und sich ein wenig schmusen lassen.

Ehrlich gesagt, wir spielten nie besonders intensiv mit ihr. Auch nicht, bevor das Baby da war. Dafür schmusten wir sie umso mehr. Wir streichelten sie viel, sprachen „duziduzi“ mit ihr und „fiese Bitch“ nannte ich sie auch nur selten. Wenn man so will war die Katze unser Baby damals. Selbst die Tierärztin meinte, das Sie mit uns den Jackpot geknackt hatte.

„Ja, Wahnsinn. Die Mimi ist ja eine richtige Tigerin. Lass mich auch mal“, sagte ich begeistert zur Freundin und nahm das Stöckchen. Es war ein Spektakel, Freunde.

Der mit der Katze tanzt

Es war, als ob Kasper Hauser das erste Mal das Tageslicht erblickte und seine ersten Worte sprach. Wobei noch zu klären war, wer hier der Kasper und wer der Hauser war, die Katze oder das Herrchen.

Wir zwei tanzten und sprangen, hüpften und tobten im Garten als ob es kein Mittag mehr gäbe. Sie drehte sich um mich, sie drehte sich um sich, wir drehten uns im Kreis und alle drehten durch. Vor Freude.

Bis zu dem Moment, als jemand die Idylle mit den Worten zerschnitt, „Super, Mate. Wenn du so weiter machst, bringst du der Katze noch das Amputieren bei.“

Ampu…was? Heiliges Katzenstreu. Ich warf das Stöckchen über die Hecke auf die Straße, so schnell konnte Usain Bolt nicht die 100 Meter sprinten, und hörte sofort auf, mit Mimi zu spielen. Da wollte sie wieder über die Gartentür in die Flucht. Aber unsere Katze ist so vergesslich – der Elektrozaun hielt sie erneut zurück.

Sie drehte sich um und fauchte mich an. Oh, nein, Zombiecat. Konnte sie jetzt schon amputieren? Von dem bisschen Spiel. Allein bei der Vorstellung stellten sich mir die Nackenhaare auf.

Ja, denk mal nach. Da wachst du auf in der früh und dein linkes Bein fehlt. „JA, scheiße, Schatz, wo ist mein linkes Bein?“, fragst du deine Freundin und die lacht. „Haha. Witzig. Hat bestimmt die Katze amputiert, die kleine Schlawinerin.“

Oder der Nachbar klingelt an der Tür.
„Hilfe, Hilfe. Meine Frau hat sich beim Brotschneiden tief in die Hand geschnitten. Sie verblutet.“
„Kein Problem“, sagst du, „Dr. Mimi wird die Amputation vornehmen. Darf es vielleicht noch ein Körperteil mehr sein? Der Mund oder ein Stück Hirn vielleicht?“

Während mir diese Szenarien durch den Kopf geisterten, streifte die Katze immer bedrohlicher um meine Füße. Ich stand in der Zwickmühle. Ich wollte mit ihr spielen, damit sie sich wieder wohler fühlte. Aber dann wiederum wollte ich meine Gliedmaßen nicht an eine Katze verlieren. Nur damit die sich wieder wohler fühlte.

Also entschied ich mich, die Katze ab sofort einfach öfter zu streicheln und mich wieder besser um sie zu kümmern. Nicht, dass ihr mich falsch versteht. Der Katze geht es gut, aber sie braucht einfach etwas mehr Liebe. Deshalb werde ich ihr in Zukunft gut zureden, ihr ab und an mal sagen, dass ich sie trotz der ganzen Kotze, Kacke und des nervenden Bettelns um Futter in den frühen Morgenstunden gern habe. Ob das klappen wird? Keine Ahnung. Ein Versuch ist es wert.

Was das Amputieren anbetraf, das ging mir den ganzen Abend trotzdem nicht mehr aus dem Kopf. Ich fragte mich nämlich, ob das Baby das auch lernen würde, wenn man zu viel und zu oft mit ihm spielte. Aber dann dachte ich wiederum, dass ich da das Risiko in Kauf nehmen würde. Weil, das kannst du drehen, wie du willst, Kind ist Kind, und Katze bleibt Katze. Ich schaltete den Elektrozaun aus, ging durch die Gartentür und holte das Bambusstöckchen von der Straße. Halle hop, kleines Baby.

Hinweis: Bevor ihr jetzt irgendwelche Tierschutzorganisationen anruft und uns das Katzenamt auf den Hals hetzt, Mimi geht es prima, das Katzenklo ist sauber, sie kriegt genug zu essen und schreibt weiter fleißig an ihren Mäusegeschichten.

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