Das süßeste Baby der Welt bist du

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Am Abend zuvor hatte sie ganz schön Schiss, deine Mama. Geht alles gut? Bist du gesund und wohlauf? Halten sich die Schmerzen im Zaum? Ich versuchte sie mit Müsliriegeln aufzumuntern. Schoko Banane. Es funktionierte.

Im Bett spielten wir Backgammon. Sie gewann wie immer. Langsam vermute ich, sie hat ihre Seele für den Sechserpasch an den Teufel verkauft. Fluchend warf ich den Würfelbecher aufs Brett, sie lachte und schlief mit diesem Lächeln ein. Ich streichelte noch eine Weile ihren Bauch und stellte mir vor, wer du wohl bist und wie das wohl sein würde. Dann holte auch mich der Schlaf. Es war schon sehr spät.

Früh klingelte uns der Wecker wach. Die Sonne schien an deinem Geburtstag. Ich trank einen Kaffee und aß einen Müsliriegel. Schoko Banane. Deine Mama musste nüchtern bleiben. Nach Essen war ihr eh nicht zu Mute. Ihr kleiner Zeh zappelte. Hastig duschte, fönte, kleidete sie sich. Die Taschen waren bereits gepackt als ob es nach Hawaii ging. Dabei fuhren wir nur in die Maistraße. Frauenklinik. Es war der letzte schöne Frühingstag, bevor es für zwei Wochen und mehr ununterbrochen regnen würde.

Im Auto sang Thees Uhlmann uns sein Lied. Und wie häufig schlägt dein Herz? Wie häufig siehst du himmelwärts? Und wie häufig stehst du auf und freust du dich darauf und…Wir freuten uns darauf, spielten das Lied nochmal. Laut sangen wir mit und unsere Herzen klopften heftig. Der Kreißsaal rückte näher.

Um deinen Herzschlag zu messen, schlossen sie deine Mama an ein CTG. Ein Nachthemd wurde ihr gereicht, ein Katheter gelegt. Sie machte sich fast in die Hose vor Furcht. Ich versuchte sie mit dem einzigen Mittel zu trösten, das ich beherrschte: Humor.

„Ich hoffe, unsere Kleine ist so schlau wie ich und so schön wie du.“, sagte ich.
„Du Arsch“, sagte sie.
„Na gut, na gut. Sie könnte auch so schön sein wie ich.“
Sie boxte mir in die Schulter. Wir lachten. Und deine Mama schlief wieder ein. Mit Grübchen um die Mundwinkel.

Bald war es soweit. Die Hebamme, eine recht kräftige, fuhr deine Mama im Bett zum OP-Raum. Ich hielt ihre Hand und sprach ihr Mut zu. Zum Abschied küssten wir uns. Dann musste ich raus, im Flur warten. Das Linoleum glänzte. Es roch nach Reinigungsmitteln. Ich wurde furchtbar hibbelig so ganz allein. Vielleicht lag das auch am Geruch der Klinik.

Ärztekittel, grün, blau, weiß, kamen und gingen, schüttelten mir die Hand und beruhigten mich. Sie sind also der Freund. Keine Sorge, Herr Tabula, alles Routine, alles easy, wir holen sie dann dazu, wenn alles bereit ist. Eine halbe Stunde später war alles bereit.

Und plötzlich waren wir zu dritt

Ich zog mir OP-Kleidung an, Kopfhaube und Mundschutz. War irgendwo eine Seuche ausgebrochen? Nein, nur du klopftest um Einlass ins Leben. Schon bald öffneten die Ärzte dir die Tür. Sie schnitten deiner Mama den Bauch auf, doch das schien sie nicht zu stören. Drogen sei dank. Ich hielt ihren Kopf und hätte auch eine Spritze vertragen. „Beruhige dich, Liebster. Alles wird gut“, sagte sie zu mir. Wer war wohl hier der Tapfere von uns beiden? Wer der Hase?

Das rechte Bein ist draußen, hörte ich jemanden sagen. Die Stimme kam aus der für mich verbotenen Zone. Nur Studenten, Referendare, Hebammen, Assis, Chefärzte und die Putzfrau durften sich dort tummeln. Derselbe jemand sagte, das linke Bein sei raus. Der Po. Der Bauch. Die Brust. Der linke Arm, der rechte. Kurze Pause. Der Kopf nun auch. Du warst ganz still. Noch.

Herzlichen Glückwunsch hieß es dann. Sie sind jetzt Eltern. Stolz oder nicht? Überrascht, überwältigt, geschafft. Fremde Menschen gratulierten, schüttelten mir die Hand. Wir begriffen noch nichts. Wa, Wi, Wo, Hä. In einem Moment wie diesem wurde garantiert die Sprache der Teletubbis erfunden. Hoffentlich warst du gesund. Hoffentlich war alles gut.

Aus dem Nebenzimmer hörte ich ein komisch klingendes Schreien. Es ähnelte mehr einem Tier als dir. Es war dein erster Laut. „Der Vater darf jetzt zu seiner Tochter“, sagte die kräftige Hebamme. Später im Zimmer bot ich ihr einen Müsliriegel an. Du weißt schon, welcher Geschmack.

Meine Tochter, dachte ich und schluckte. Du lagst auf dem Tisch und schriest und schriest, ein wenig Blut und Schmiere haftete an deinen Füßen und Händen. Ein leichter, dunkler Flaum bedeckte deine Haut. Bitte lass sie nicht so behaart sein wie mich, bat ich Gott. Sie ist doch ein Mädchen, Kumpel.

„Sie dürfen ihre Tochter ruhig anfassen. Keine Angst. Es ist alles in bester Ordnung.“ Ich streifte mit meiner linken Hand sanft über deinen Bauch. Noch warst du mir fremd irgendwie. Aber nicht mehr lange.

„Möchten Sie ihrer Tochter die Nabelschnur durchschneiden?“ Also gut. Meine Hände zitterten. Ich überlegte gar nicht, ob dir das wehtun würde. Wird schon passen. Du schriest weiter. Mit einer Schere durchtrennte ich das tote Gewebe. Dabei fühlte ich mich wie ein Bürgermeister, der ein neues Gebäude im Stadtzentrum einweihte. Herzlich Willkommen im Leben, kleine Marie.

Sie wickelten dich in eine Decke und reichten dich in meine Arme. Da sah ich, dass du die Meine warst. So eine Nase gab es kein zweites Mal auf diesem Planeten. Du hörtest zu weinen auf und wir plauderten ein wenig. Das heißt, ich redete und du hörtest zu. Deine Augen waren geschlossen.

Wir gingen rüber zur Mama. Sie lag noch auf dem OP-Tisch. Die Ärzte nähten sie gerade zu. Als sie dich sah, tränten ihr die Augen. Sie fand, du seist das süßeste Baby der Welt. Aber bilde dir nichts ein darauf. Das sagen alle Mütter über ihre Kinder. Mit oder ohne Käseschmiere im Gesicht.

Der kleine Hobbit erreicht das Mutterschiff

Während wir im Zimmer auf Mama warteten, versuchte ich dich zu bespaßen. Du ignoriertest mich und wolltest nur schlafen. Ich verzeih dir diesmal, aber wehe dir später, du lachst über meine Witze nicht. Gibt es eigentlich ein 14-tägiges Rückgaberecht für Babies?

Dann kam Mama und legte dich an. So hieß das in der Hebammensprache, wenn man an der Titte nuckeln durfte. Mich erinnerte es an Star Trek. Du docktest mit deinen Lippen an das Mutterschiff an und fülltest deine Kraftreserven. Ganz kurz wurde ich traurig, denn ich realisierte, die nächste Zeit würde ich nicht angelegt werden. Doch das war ok so. Dir erlaube ich, mit mir um die Gunst der Mama zu buhlen.

„Wir haben jetzt ein Baby“, sagte sie und strahlte wie noch nie zuvor. Sie aß einen Müsliriegel. Schoko Banane. Wir hatten wirklich eine Menge davon auf Vorrat gekauft und die Zeit der Nüchternheit ging zu Ende. Nun waren wir trunken vor Glück.

Spätabends fuhr ich allein nach Hause und ließ euch zu zweit zurück. Die Katze musste versorgt, ihre Kotze weg gewischt werden. Auf der Fahrt hörte ich wieder unser Lied. Es gibt eine Zeit zu rennen. Es gibt eine Zeit zu ruhen. Und es gibt eine Zeit, eine kleine Tochter zu bekommen. Nun wird nichts mehr so wie es war. Und das ist gut so. Denn ohne dich können wir uns das gar nicht mehr vorstellen. Schön, dass du da bist, kleiner Hobbit. Wir lieben dich.

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