Leben ist Liebe

18283055_s

Ich war bei einer Freundin zum Spieleabend eingeladen. Sie wohnte in der Nähe des Prinzregentenplatzes in einer schönen Altbauwohnung. Hohe Decken, ein opulenter Kronleuchter im Flur, eine edle Küche in der Küche und ein Spruch an der Wand. Irgendetwas mit Design und Freude, Spaß oder, ah jetzt, Design ist die Liebe zu den Dingen.

Ich fragte mich, ob Fettsein die Liebe zum Essen war. Oder sogar mehr. Seit meine Freundin schwanger war, hatte ich gute zwölf Kilo zugenommen. Und zwölf Kilo auf meine Größe waren, nun ja, zwölf Kilo zuviel auf meine Größe.

Wenn ich mich in den Schaufenstern spiegelte, wunderte ich mich meist über den fetten, kleinen Mann, der neben mir herlief. War das Golum in breit, der den kleinen Hobbit verfolgte und drohte „Mein Schatz, gib mir meinen Speckring zurück.“

Bald erkannte ich, dass ich dieser fette, kleine Hobbit war und der Ring um meine Hüften für immer blieb, um mich zu binden, zu finden und zu knechten. Ich zog den Bauch ein und lief weiter. Bis nach Mordor war es noch eine weite Strecke.

Wenn ich mit meiner Freundin unterwegs war, fragten uns die Leute oft, in welchem Monat ich schon sei. Ha ha, lustig, ihr Penner. Sie spielten mit den Gefühlen eines sensiblen Mannes, der durchaus hätte modeln können – für Schwangerenmode zumindest.

Mittlerweile hatte ich so große Brüste, dass flachbrüstige Frauen neben mir erblassten und mich fragten, was das Geheimnis meines Umfangs war. Ich lehnte mich an ihr Ohr und flüsterte sanft in einer tiefen, sonoren Stimme: „Burger.“

Weil meine Brüste so groß waren, überlegten meine Freundin und ich uns ernsthaft, wer das Kind stillen sollte. Der Vorteil bei mir war, ich konnte in mein Brusthaar Richtungspfeile rasieren, die wie bei einer Landebahn dem Baby signalisierten: milk station here. Der Nachteil war, ich produzierte keine Milch. Noch nicht. Bis zur Geburt würde sich auch hierfür eine Lösung finden.

Schuld an den Figurproblemen waren einzig und allein die anderen Umstände. Oft rief meine Freundin an und fragte, wo ich sei. „Warum?“, fragte ich zurück. „Weil ich wissen will, ob da ein Burgerladen in der Nähe ist“, schrie sie mir ins Ohr. Das machte mich fertig. Um ehrlich zu sein, ich mochte gar kein Fast Food.

Damit musste endlich Schluss sein. Heute wollte ich fasten und aß vor dem Spieleabend nur eine Hühnersuppe beim Chinesen. Als ob ich da schon ahnte, dass die Gastgeberin ein festliches Mahl auftischen würde, zu dem ich nicht nein sagen konnte.

Es gab Ziegenkäse gebacken auf Baguette, hochwertiges Kastenbrot aus Vollkorn, Parmaschinken, Weintrauben, Birnenschnitten, Gurken, Dips aus Olivenpaste, Gorgonzola und noch mal Ziegenkäse mit Knoblauch verfeinert.

Zum Nachtisch gab es selbst gemachte französische Kekse mit Cremefüllung, deren Namen ich nicht aussprechen konnte. Aber das war egal, Hauptsache ich konnte sie greifen und in mein Maul stopfen. Ich sage euch, es war das Schlaraffenland für einen kleinen, dicken, hungrigen Hobbit wie mich, der davor nur jämmerliche Hühnersuppe beim Chinesen hatte.

Wir spielten „Privacy“ und wer das Spiel nicht kennt, das ist so etwas wie eine verstümmelte Version von Wahrheit oder Pflicht. Anonym, ohne Pflicht und wenn man nichts trank, sterbenslangweilig. Die Spieler mussten Fragen mit ja oder nein beantworten und schätzen, wie viele der Mitspieler mit ja oder nein antworten würden.

Trotz der leichten, seichten Spielregeln stürzte mich das Spiel in tiefe Agonie und Trauer. Die Fragen, die das bewirkten, lauteten: „Hattest du schon einmal ein lustiges Erlebnis beim Sex?“ „Hast du schon einmal beim Sex telefoniert?“ „Hattest du schon einmal ein gleichgeschlechtliches sexuelles Erlebnis?
„Hattest du in den letzten sieben Tagen mehr als einmal Bunga Bunga?“

Ich schluchzte. Wer dachte sich solche bescheuerten Fragen aus und zählte kurz davor sein auch zu Bunga Bunga? Eine Träne perlte an meiner rechten Wange und tropfte in die Olivenpaste. Nun war sie versalzen.

Zeiten ändern sich. Der Speck bleibt.

Ich klagte den anderen Mitspielern mein Leid. „Oft ruft mich meine Freundin an und sagt, sie sei bereit und warte auf mich. Ich solle mich beeilen und schnell nach Hause kommen. Ach ja, und falls ich zufällig an einem McDonalds vorbeikomme, soll ich ihr einen Bic Mac und Chicken McNuggets mitbringen.

Wenn ich dann zuhause ankomme, schläft sie meist schon und ich esse den Big Mac dann alleine. Nackt und spitz, zählt das eigentlich auch zur gleichgeschlechtlichen Erfahrung? Der Burger und der Mate. Schweinereien in der Küche XXL.

Wenn meine Freundin dann aufwacht und wieder bereit ist, bestellt sie während des Vorspiels eine Pizza beim Heimservice, und kurz vor dem Höhepunkt stürmt dann der Lieferant mit der Schachtel ins Schlafzimmer und sagt: ‚Luigi iste da, wer mag lecker happa happa?’ Manchmal ist mir echt zum Weinen zumute.“

Die anderen bemitleideten mich und ich sah in ihren Gesichtern, dass sie froh waren, nicht ich zu sein. Aber wer wollte das schon? Das Leben konnte schrecklich sein.

Natürlich verlor ich das dämliche Spiel haushoch und rutschte im Anschluss in eine schlimme Post-Burger-Depression. Doch nach dem Burger war auch immer vor dem Burger. Das Telefon klingelte. Ich ging ran.

„Hallo?“, sagte ich zaghaft. „Burger!“, sprach eine tiefe, sonore Stimme, die wie ein Bergecho in meinem Gehörgang hallte. Es war meine Freundin und ich machte mich auf den Weg nach Mor…äh zurück ins Auenland.

Kurz bevor ich zur U-Bahn herab stieg, betrachtete ich mein Spiegelbild im Schaufenster eines Gemüseladens. Was ist aus dir geworden, du dicke Dattel im Speckmantel, schien der Sellerie zu fragen. Schnauze, du faules Gemüse, pflaumte ich ihn an. Besser was Schlechtes werden, als nie etwas Richtiges zu sein. Der Sellerie zeigte mir seinen Mittelgriffel und wandte sich ab.

Ich beschloss, es sei Zeit für eine Veränderung. Ein neuer Kick musste in meine Beziehung. Etwas mehr Würze und Schärfe. Der Speichel tropfte mir aus dem Mund und schmolz den Schnee, der unter mir knirschte. Ich dachte an einen Döner und lächelte selig vor mich hin.

Leben, dachte ich, ist die Liebe zu… die Liebe zu… die Liebe zu… Nein. Leben, dachte ich, ist Liebe. Punkt.

Du kennst auch jemanden mit Gewichtsproblemen oder jemanden dem die Geschichte gefallen könnte? Dann spende Freude und teile sie. Ich ess dann auch einen Löffel für dich mit.

Advertisements

2 Gedanken zu “Leben ist Liebe

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s